Ist der Ausdruck auf Deutsch eigentlich genauso krass?", fragt Robert I. Sutton und hält sein Buch hoch: "Der Arschloch-Faktor" steht drauf. Ja, das klingt genauso schlimm wie "asshole". Sutton, der als Professor an der Stanford-Universität lehrt, nickt zufrieden. Dann hat es seine Richtigkeit. Denn in seinem Buch geht es um "Arschlöcher", und deshalb will er nicht von "Idioten" oder "Mobbern" reden. Diese Chefs und Kollegen, die andere gewohnheitsmäßig beleidigen, einschüchtern, demütigen oder ignorieren, wollte er mit dem Namen belegen, den auch ihre Opfer wählen.
"Authentizität war mir wichtig", sagt Sutton. Er lehnt sich zurück, seine Augen funkeln hinter Brillengläsern. Wer als Professor an der Stanford University lehrt, der darf provozieren. Und Sutton liebt die Provokation. Als er vor knapp drei Jahren in der "gewöhnlich staubtrockenen Harvard Business Review" über Arschlöcher schreiben wollte, rechnete er damit, dass das Magazin sein Ansinnen wegen der Vulgarität der Sprache zurückweisen würde. "Ich war geschockt, als sie sich einverstanden erklärten", sagt Sutton kokett. Eine wirkliche Überraschung dürfte die Zusage nicht gewesen sein, denn seine Stimme hat Gewicht.
Nach dem Magazinbericht sogar noch mehr. Wie sehr er ins Schwarze getroffen hatte, merkte Sutton anhand der massenhaften Reaktionen und Zuschriften. Einige kamen aus Deutschland. So schrieb etwa ein Berater einer größeren Consultinggesellschaft über seine Firma: "Wenn Arschlöcher fliegen könnten, wäre dies der Flughafen." Sutton lächelt: "Darüber musste ich sehr lachen."
Den Betroffenen ist weniger zum Lachen zumute, das weiß auch Sutton, und: Betroffen ist jeder. "Jeder hatte schon mit Arschlöchern am Arbeitsplatz zu tun." Er selbst wolle sich da nicht ausnehmen.
In allen Branchen gebe es das Problem, dass Arschlöcher viel zu häufig akzeptiert würden. "Wenn ein Mitarbeiter viel Umsatz bringt, tolerieren Unternehmen fieses und unsoziales Verhalten. Dabei übersehen sie die Vorteile eines zivilisierten Arbeitsumfelds." Er ist überzeugt, dass Fieslinge viel Schaden im Unternehmen anrichten: "Sie rauben ihren Kollegen Produktivität und Motivation und sorgen damit für eine überproportional starke Mitarbeiterfluktuation sowie einen hohen Krankenstand."
Ein oder zwei Arschlöcher verträgt jedes Unternehmen, glaubt Sutton. "Das schweißt den Rest der Mitarbeiter zusammen." Wichtig sei es aber, dass diese nicht in die Führungsetage gelangten. "Karriere dürfen diese Leute nicht machen, denn ein Unternehmen muss klare Signale setzen." Und auch an der Personalauswahl dürfen die Fieslinge keinesfalls beteiligt werden, denn: "Arschlöcher stellen Arschlöcher ein. Die vermehren sich wie die Karnickel."
Vor allem in einer bestimmten Berufsgruppe. Sutton druckst herum. "Ich will nicht sagen, dass unter Anwälten überproportional viele Arschlöcher sind", sagt er schließlich. "Aber sie sind gefährdet. Schließlich werden sie auch dafür engagiert, der Bad Guy zu sein." Suttons Frau ist Anwältin. Gerade aufgrund dieser Tatsache bekommt er einen besonderen Einblick in die Welt der Law Firms - und nicht zuletzt Inspirationen. "Meine Frau schlug vor", sagt Sutton, "das Buch so groß und schmal drucken zu lassen, dass man es unerkannt unter der Tür anderer Anwälte durchschieben kann."
Wenn es an Respekt mangelt
von Alexander Kluy
Letztlich sind die Despoten in den Führungsetagen und die buckelnden Radfahrer im Zimmer nebenan: Arschlöcher. Das ist nicht nur unangenehm, sondern für den Arbeitgeber überdies teuer, wie Robert Sutton belegt. Arschlöcher kosten Zeit, Energie - und Mitarbeiter. Die Loyalität lässt deutlich nach, die besten Köpfe werden vertrieben. Es kostet viel Zeit und Geld, neue Mitarbeiter zu finden, einzustellen und einzuarbeiten. Arschlöcher sind somit das Uneffizienteste, was es weit und breit gibt. Sutton erzählt von einer Firma, in der präzise ausgerechnet wurde, wie viel sie ein bestimmter egozentrischer Verkäufer kostete: Sie zog ihm einen sechsstelligen Betrag vom Jahresbonus ab.
Für Sutton gehört gesunde Aggressivität und Konkurrenz zur Wirtschaft. Was er fordert, ist: Respekt. Er gibt ebenso redliche wie realistische Tipps, wie man sich gegen Arschlöcher wappnet und ihnen begegnet. Regel Nummer eins: auf keinen Fall mit gleicher Münze heimzahlen.
Der Arschloch-Faktor Robert I. Sutton | Hanser 2006 | 192 S. | 17,90 Euro | ISBN 978-3446407049