FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   28.06.2005, 18:48 Schriftgröße: AAA

Feeling Bacardi  

Jeder kennt den Rum, niemand die Familie dahinter. Ursula Voss hat sich in Kuba auf Spurensuche begeben von Alexander Kluy
Facundo Bacardí y Mazó hatte eine Vision: guten Rum. Bacardí-Rum sollte nichts mit dem billigen Fusel zu tun haben, den es seit zwei Jahrhunderten auf Kuba zu trinken gab. Der Spirituosenhändler wollte ihn milder machen und sanfter, ihn in die Klasse heben von Brandy und Cognac.
Ohne Geld lässt sich keine Vision umsetzen. Hier kommt Facundos älterer Bruder José ins Spiel: Der investiert die Erbschaft seiner Taufpatin in das Startup. Technisches Know-how und ein paar Gerätschaften steuert José Leon Bouteillier bei. Die drei werden Partner und kaufen einem Freund von Facundo, der Bankrott gegangen ist, in Santiago de Cuba dessen Rumbrennerei ab. Der Beginn der Legende lässt sich auf den Tag genau bestimmen: der 2. Juni 1862.
Anderthalb Jahrhunderte später ist Rum der Marke Bacardi weltweit das Synonym für den karibischen Branntwein aus Zuckerrohr. "Wir sind keine Schnapsverkäufer, wir vermarkten ein Lebensgefühl", behaupten die Marketingstrategen des Konzerns. Der Amerikaner Peter Foster schrieb 1990: "Die Welt der Bacardís wurde ein allgegenwärtiges, sonnendurchflutetes Ferienwunderland - ein Äquivalent der Alkoholindustrie zu Marlboro Country."
Ein sehr lukratives Wunderland: 2,7 Mrd. $ wurden im Bilanzjahr 2000/2001 umgesetzt, ein Jahr später waren es bereits 2,9 Mrd. $. Der Nettogewinn betrug 444 Mio. $. Hochprofitabel ist auch Bacardis Deutschland-Ableger. Allein im Geschäftsjahr 2002/2003 stieg der Umsatz um 27,3 Prozent auf 400,7 Mio. EURO. Verantwortlich dafür waren Mixgetränke wie Rigo oder Bacardi Breezer.
Auch nach sechs Generationen liegt fast der gesamte Aktienbestand in Händen der Familie und sitzen zahlreiche Verwandte in Spitzenpositionen. Erst vor wenigen Jahren wurde der erste externe Manager an die Geschäftsspitze berufen.
Solche Informationen zu bekommen ist schwerer als gedacht. Das hat die Hamburger Journalistin Ursula Voss erfahren, als sie für ein Hörfunkfeature über die Bacardís nach Kuba aufbrach. In der mittlerweile fast unübersichtlich verzweigten Familie gelten Auskünfte an Außenstehende noch immer als tabu. Der Ehrgeiz von Voss war entfacht, die Bacardí-Geschichte dennoch zu erzählen. Das ist ihr gelungen: farbig, bunt, durchaus abenteuerlich und vor dem Hintergrund von heißen und kalten Kriegen, Revolutionen und Machtkämpfen fast schon pittoresk.
Den Gründer Facundo Bacardí y Mazó porträtiert Voss ebenso eindringlich wie dessen Sohn Emilio, der zwischen Politik, dem Kampf für ein unabhängiges Kuba und der Literatur schwankte. Die bestimmende Figur im 20. Jahrhundert war der eingeheiratete José Pepín Bosch, der in führenden Positionen fast 50 Jahre lang autokratisch, aber brillant die Geschicke leitete. Kritik aus der Bacardí-Sippe wehrte er ab mit dem Satz: "Ich mache euch reicher!" Souverän manövrierte Pepín den Konzern durch Prohibition, Unruhen und Diktaturen und rettete das Unternehmen nach der Verstaatlichung 1959 vor dem Untergang.
Schon anderthalb Jahre zuvor hatte Pepín auf den Bahamas die Handelsmarke Bacardi weltweit schützen lassen. Heute kommt der Rum mit dem Fledermaus-Signet nicht mehr aus Kuba, sondern von den Bahamas und aus Puerto Rico.
Über wirtschaftliche Details surft Voss in ihrer flott geschriebenen Firmenbiografie manchmal allzu flott hinweg. Das fällt beispielsweise auf, wenn sie nachzeichnet, wie Bacardi den italienischen Wermutproduzenten Martini e Rosso schluckte.
Dass Bacardi exilkubanische Gruppen unterstützt, wird von Manuel J. Castillas, der in den 1990ern Bacardi leitete, diplomatisch umgangen: "Die Bacardí-Familie hat keine politische Vision außer der Hoffnung, nach Kuba zurückzukehren." Solche Sprüche werden von Voss nicht hinterfragt. Bacardis Pressesprecher formuliert ebenso unpolitisch, aber weitaus feuriger: "Wir wollen zurück, weil auf Kuba unsere Wurzeln sind, weil dort unser Rum erfunden wurde von Don Facundo Bacardí y Mazó. Die Insel ist unsere Heimat. Kuba - das sind wir!"
Die Bacardís. Der Kuba-Clan zwischen Rum und Revolution Ursula Voss Campus 2005, 236 S., 24,90 EURO, ISBN 3593373181.
Jenseits von Kuba 1862 Am 2. Juli gründet Facundo Bacardí y Mazó mit seinem Bruder Emilio und José Leon Bouteillier in Santiago de Cuba eine Rumbrennerei. Das Geschäft floriert.
1959 Fidel Castro verstaatlicht die Privatunternehmen auf Kuba. Anderthalb Jahre zuvor hat Firmenchef José Pepín Bosch die Handelsmarke weltweit schützen lassen.
2005 Heute kommt der Rum mit dem Fledermaus-Signet nicht mehr aus Kuba, sondern von den Bahamas und aus Puerto Rico. Nach Castros Tod will die Firma zurückkehren.
  • Aus der FTD vom 29.06.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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