Unterm Weihnachtsbaum liegt der bunt verpackte Brief. Ein Gutschein für ein Mai-Wochenende in Paris. Ein Gutschein für Romantik - denn träumt nicht ganz Paris von der Liebe? Das klitzekleine Präsent daneben, der winzige Ring - muss der Ritter nicht in die Knie gehen und um die Hand der Holden anhalten? Weihnachtsgeschenke sind eben nicht nur Dinge. Sie versprechen zugleich ein besseres Leben voller wahrer Gefühle, hingebungsvoller Sehnsucht und Leidenschaft. Der Alltag wird überwunden.
Das kommt nicht von ungefähr. Es ist die Werbung, die den Ring hochstilisiert zum Symbol unvergänglicher Liebe und Paris zur Stadt der Liebe. Besonders anstrengen müssen sich die Werber nicht, dafür haben Film und Fernsehen in jahrzehntelanger selbstloser Arbeit gesorgt. Sie haben die Chiffren für "Romantik" fest verankert: der Sonnenuntergang am Karibikstrand, das schaukelnde Boot auf dem bayerischen See, das Diner bei Kerzenlicht.
Die moderne Ökonomie hat dafür gesorgt, dass der Romantik, insbesondere der Utopie der romantischen Liebe, eben solche Träger zur Verfügung stehen. Blumen und Parfüms, Reisen und Ausflüge, pittoreske Trattorias und edle Restaurants: Die moderne Wirtschaft liefert die Transmitter der Romantik, der Utopie der romantischen Liebe. Und was nicht alles romantisch sein kann: juwelenbesetzte Armbänder und chromblitzende Autos, Hummer und Champagner. Richtig: Das ist Luxus. Luxus verquickt sich mit Romantik und kommerzialisiert sie zugleich.
"Consuming the Romantic Utopia" heißt daher das Buch von Eva Illouz. Die an der Hebrew University in Jerusalem lehrende Soziologin versucht die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Liebe und Konsum nachzuzeichnen. Illouz’ zentrale Frage in "Der Konsum der Romantik" lautet: Was ist aus der Idee der romantischen Liebe geworden, nachdem sie durch den Einsatz von Waren als Liebesträger in den Prozess der kapitalistischen Güterzirkulation einbezogen wurde? Wie reagiert die Liebe auf den Markt? Wie verhält sich umgekehrt der Markt zu seinem Counterpart Liebe? Und nicht zuletzt: Wie verhalten sich Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten hierzu?
Die letzte Frage ist spannend, ist doch beispielsweise das romantische Rendezvous ganz handgreiflich ans Geld gebunden. Wer es sich nicht leisten kann, andere kostspielig zum Essen auszuführen, ist auf potenzielle Partner mit denselben finanziellen Grenzen und somit ganz ähnlichen Vorstellungen von Romantik beschränkt.
Aus den zahlreichen Interviews, die Eva Illouz geführt hat, ergeben sich fundamentale Unterschiede im Umgang mit romantisch aufgeladenen Dingen der Warenwelt - je nach Bildungsstand. Je höher der kulturelle Standard, desto ironischer und distanzierter der Einsatz romantischer Klischees. Doch auch die innersten emotionalen Vorstellungen dieser sich so distanziert gebenden Kulturklasse durchziehen die "romantischen" Bilder aus Werbung und Warenhäusern. Der Habitus, ob nun äußerlich oder innerlich, ist immer derselben Quelle verpflichtet - der Massenkultur, der Werbung und ihrer propagierten Vorgaben.
In den letzten Jahren, konstatiert Eva Illouz, hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Als romantischer Luxus gilt nun die Natur, und zwar die einsame, unberührte Landschaft abseits der Touristenströme. Doch nur wer entsprechend verdient, kann sich dies auch leisten. Also auch hier Romantik als Konsumopfer.
Illouz schreibt über die USA, doch ihre Befunde sind auf Deutschland übertragbar. Das belegt die Münchner Soziologin Christine Wimbauer, die in "Geld und Liebe" die symbolische Bedeutung von Geld in Paarbeziehungen beleuchtet - nicht nur als Bindemittel und Reibungspunkt, sondern auch als Machtinstrument.
Anhand von Fallgeschichten aus der "Firma Familie" demonstriert Christine Wimbauer eindringlich, in welcher Spannung Geld und Liebe zueinander stehen, was Finanzen für Partner symbolisch und was sie faktisch bedeuten. Eine solche Erdung in konkret geschildertem Alltag lässt Eva Illouz, trotz der vielen Interviews, vermissen. Was bleibt, ist Unbehagen. Bei den Lesern, auch bei der Autorin. Wir stehen nicht mehr vor der Frage, ob wir unsere Utopie der romantischen Liebe an die Warenwelt koppeln wollen, sagt Illouz. "Diesen Preis haben wir bereits gezahlt." Und zahlen weiter, etwa für die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum.
Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus Eva Illouz Campus 2003, 298 S., 24,90 Euro, ISBN 3593372010.
Geld und Liebe. Zur symbolischen Bedeutung von Geld in PaarbeziehungenChristine Wimbauer Campus 2003, 320 S., 32,90 Euro, ISBN 359337367X.