Wir laufen nicht mit Schlapphut und im Trenchcoat herum. Zwinker. Selbstverständlich halten wir uns an Recht und Gesetz. Zwinker. Natürlich hat unser Job mit Wirtschaftsspionage nichts, aber auch gar nichts zu tun. Zwinker, zwinker, zwinker.
Anstrengend auf Dauer, aber ohne Gezwinker geht es nicht. Tiefe Wasser geben sich schließlich nicht an der Oberfläche zu erkennen. Je harmloser und unschuldiger ein Spion wirkt, desto besser kann er spionieren. Ist klar, siehe Brandt und Guillaume, siehe das gesamte Oeuvre von John le Carré, siehe zahllose Hollywood-Schinken.
Damit kann die Wirklichkeit nicht mithalten. Die besteht vornehmlich darin, im Internet nach Firmendaten zu forschen, Andeutungen in Prospekten zu interpretieren und bestenfalls auf Messen mit Konkurrenten zu fraternisieren, um sie beim siebten Bier nach Interna auszufragen. Von Wirtschaftsspionage zu sprechen wäre tatsächlich übertrieben. Deshalb wird unverfänglich von "Competitive Intelligence" gesprochen. So heißen gleich zwei Bücher, die zeigen wollen, wie unverzichtbar es ist, Markt und Wettbewerber zu beobachten. Ein drittes Buch übersetzt den Begriff ins Deutsche: "Strategische Wettbewerbsbeobachtung".
Offenere Türen lassen sich kaum einrennen. Den Markt und damit die Konkurrenten zu beobachten ist längst eine Selbstverständlichkeit. Daher formuliert Herausgeber und Hauptautor Rainer Michaeli im Sammelband "Competitive Intelligence" eher den Anspruch, künftig bitte nicht mehr unter "Marktforschung" subsummiert zu werden. Competitive Intelligence, kurz CI, sei doch viel mehr. Nicht nur blättern und surfen, sondern auch die zielgerichteten Gespräche mit Kunden und (Ex-)Mitarbeitern der Konkurrenz. Diese Quellen zu öffnen und am Sprudeln zu halten, darin bestehe eine Kunst, die über Marktforschung weit hinausgehe.
CI-Experten stehen vor der Aufgabe, die gesammelten Informationen so aufzubereiten, dass sie in die strategische Planung einfließen können. Hier wagt Michaeli einen Zirkelschluss: Damit Erkenntnisse valide sind, wird eine gut ausgestattete CI-Crew gebraucht. Informationen sammeln könne jeder. Es gehe darum, sie auszuwerten - und anzuwenden. Nur Experten seien in der Lage Erkenntnisse zu liefern, die es wert sind, in die Unternehmensstrategie einzufließen. Denn Information, sagt Michaeli, "bedeutet immer noch Macht".
Konzeptionell und inhaltlich liegt Michaeli weitgehend auf der Linie von Johannes Deltl in "Strategische Wettbewerbsbeobachtung". Deltl fokussiert deutlicher, während Michaeli sich die Freiheit nimmt, seine Autorenschar auch Seitenaspekte und Grauzonen durchmessen zu lassen. Ihm ist es ein Anliegen, die Competitive Intelligence nicht zuletzt qua Volumen (gut 600 Seiten!) in den Rang einer ernsthaften Disziplin zu erheben.
Diese Schlacht hält Andreas Romppel für längst geschlagen - und gewonnen. Sein Buch "Competitive Intelligence" marschiert schnurstracks in die Praxis. Romppel hat es nicht nötig, sein Sujet mit Fachsprech aufzumotzen: Souverän und angenehm unprätentiös zeigt er, worauf es ankommt beim Beobachten der Wettbewerber. Es macht Spaß, ihm dabei zu folgen.
"Exzellente Recherche trifft auf armselige Analyse" attestiert Romppel den deutschen Unternehmen und widmet konsequenterweise der Analyse das größte Kapitel seines kenntnisreichen und vorbildlich lesbaren Buchs. Geheimdienstlich gezwinkert wird darin überhaupt nicht. Alles ein Missverständnis, das ist Romppels Botschaft.
Diesen Eindruck mühen sich auch die beiden anderen Werke zu vermitteln - und schießen dabei übers Ziel hinaus. Ihre Fallbeispiele wirken in ihrer ethisch verantwortungsbewussten Harmlosigkeit wie Berichte vom Kaffeekränzchen. Wahrscheinlich ist das sogar die schiere Wahrheit. Oder zwinkert da jemand?
Competitive Intelligence Rainer Michaeli (Herausgeber) | Springer 2005 | 629 S. | 79,95 Euro | ISBN 3540030816.Competitive Intelligence Andreas Romppel | Cornelsen 2006 | 288 S. | 29,90 Euro | ISBN 358923654x.
Strategische Wettbewerbsbeobachtung Johannes Deltl | Gabler 2004 | 245 S. | 44,90 Euro | ISBN 3409125736.
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