FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   27.06.2006, 12:00 Schriftgröße: AAA

Mach was draus!  

Wolf Lotter plädiert für mehr Verschwendung. Es geht ihm nicht nur um Konsum, sondern vor allem darum, viele Ideen auszuprobieren – und die besten herauszufiltern. von Sven Nagel
Mit Verschwendung meint der Autor Wolf Lotter Kreativität, ...   Mit Verschwendung meint der Autor Wolf Lotter Kreativität, Produktivität durch Innovation
Kauft! Konsumiert! So sprach George W. Bush zu seinen Landsleuten, die nach dem Schock des 11. September 2001 aus Angst vor Tod und Terror lieber zu Hause blieben, als zu shoppen. Nun ist Deutschland nicht Amerika und Wolf Lotter nicht George Bush.
"Konsumiert!", ruft auch Wolf Lotter. Mehr noch: "Verschwendet!" und: "Genug kann nie genügen". Was meint er damit? Dass Geiz nicht geil ist, sondern Hirn, Haut und Lebensfreude schrumpeln lässt, wissen wir längst. Dass Hartz IV nie half und sich die große Koalition nach langem Ringen auf den großen Stillstand geeinigt hat, ahnen viele.
Lotter denkt gegen etablierte Denkweisen, wie mit der Krise im Lande umzugehen sei. Es geht in seinem Buch "Verschwendung" nicht ums Einkaufen. Das Wort Verschwendung bekommt hier neue Bedeutung. Nicht wahllose Vergeudung, unmoralisches Verprassen und Ressourcenvernichtung sind gemeint. Nicht Luxus und Schwelgerei. Verschwendung ist hier Kreativität, Produktivität durch Innovation.
Der Begriff wird beim Redakteur des Wirtschaftsmagazins "Brand eins" zum Zentrum einer postindustriellen Gesellschaftstheorie, sein Buch ein Plädoyer für Vielfalt und wirtschaftliche Entwicklung durch bewussten, reflektierten Konsumismus, für das Mehr von allem. Vor allem für mehr Wagnis. "Verschwendung heißt freies Spiel der Ideen, Mut zum Risiko und zum Neuen", schreibt Lotter. Evolution, gerade die ökonomische, ist immer auch Verschwendung. Daraus entstehen Möglichkeiten. Solche, die nie planbar waren und ohnehin zum Wesen des Menschen gehören. Lotter zitiert Hans Magnus Enzensberger: "Die Verschwendung gehört zu den anthropologischen Konstanten, und ihre Wurzeln sind wahrscheinlich in der Biologie zu suchen, die ja ebenfalls mit einer Ökonomie des Überflusses zu Werke geht."
Dieses Wesen ist auch den globalen Strömen von Waren, Dienstleistungen und Ideen zu Eigen. Denen, die diesen Strömen immer neue Kanäle schaufeln, fehlt jede selbst auferlegte Beschränkung. Die Globalisierung ist ein Fluss von Optionen. In Deutschland ist der jedoch unnatürlich begradigt, verlangsamt durch Schleusen aus Tarifverträgen, staatlichen Monopolen, Subventionen und Aufrufen, lieber zu sparen und abzuwarten, dass Vater Staat die Krise beendet.
In den neukapitalistischen Ländern Osteuropas und Südostasiens sieht das anders aus. Da wird drauflosgewirtschaftet, ausprobiert, Gewinn gemacht, Geld rausgeschmissen, neues verdient. Es wird verschwendet. Das ist Entwicklung. Dadurch passiert was. Hier nicht. Lotter lobt die schöpferische Kraft dieses Zyklus: "Verschwendung ist die Grundlage des Neuen, kein Kreislauf, der nicht wächst, sondern ein Mechanismus, der Mehrwert schafft."
Der Historiker schaut in die Geschichte und sieht dort das Ende des Kapitalismus der europäischen Nationalstaaten. Konzerne suchen nach der Macht des Monopols, fusionieren, verlieren Umsätze und an Wert. Europa schafft sich eine supranationale Bürokratie. Hier herrschen die Verwalter der spätkapitalistischen Staatsräson. Sie wollen normieren und Regeln erlassen, um aus Vielstaaterei einen homogenen Wirtschaftsraum zu machen.
Dabei geht es in Staat und Wirtschaft darum, etwas zu unternehmen, statt zu verwalten. Der klassische Manager eines Konzerns sei nichts weiter als ein Verwalter, so Lotter. Unternehmer setzen dagegen etwas Neues in die Welt, passen ihre Vorschläge an die Bedürfnisse der Märkte an, tauschen sich aus mit ihren Kunden. "Unternehmer sind Meister der Anpassung, Manager sind Meister der Herrschaft", findet der Autor. "Manager haben keine Zukunft."
Lotter schreibt geistreich und kurzweilig, brillant unerwartet und überbordend gebildet. Er verschwendet Wissen, Worte und Geschichten, zeigt die Vielfalt seiner Argumente und geht so - im Sinne des Autors - mit gutem Beispiel voran. Von Apostel Paulus über Augustinus, Napoleon, Max Weber, Henry Ford bis zu Franz Müntefering lässt Lotter so ziemlich alle auflaufen, die den Einheitskapitalismus geprägt, beschrieben oder verdammt haben.
Buchhalter werden beschimpft, bedingungsloses Grundeinkommen für alle gefordert und das christliche "Bete und arbeite" als Urübel der unmündigen Einheitsarbeit vorgestellt. Doch auch als aufgepumpter Essay - mit immer einer provokanten Idee mehr als nötig - bleibt das Buch eng an seiner Beweisführung, dass Wirtschaftswunder nie plan- und kontrollierbar sind und waren, obgleich viele dies heute noch glauben.
Das Credo der neuen Verschwendung heißt: "Ende des Dauerhaften. Vielfalt und Verschwendung, Überfluss und Markt müssen endlich begriffen und gelebt werden." Am Ende des Kapitalismus steht nicht blinder Konsum, sondern der Aufruf, immer wieder entscheidend und entschieden zu handeln, etwas Neues zu schaffen für sich selbst und den Wohlstand der anderen. Das ist das Wesen der guten Verschwendung.

Verschwendung Wolf Lotter | Hanser 2006 | 250 S. | 19,90 Euro | ISBN 3446400354.
  • Aus der FTD vom 27.06.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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