Eine Idee wie ein Antidepressivum: Was wäre, wenn die fehlende Sicherheit und Planbarkeit, über die alle Berufseinsteiger jammern, nicht Einengung, sondern Befreiung wäre? Was, wenn man aufhörte, darüber zu klagen, wie gut es die Alten mit ihren sicheren Jobs und fetten Gehältern haben und wie schwer nun die Jungen? Wenn aus prekären Praktikanten profitable Entrepreneure würden? Schön wäre das. Schon weil es nervt, das Heulen und Zähneklappern der "Generation Praktikum".
Raus aus der Opferrolle, fordern Holm Friebe und Sascha Lobo. Die Zukunft gehöre der digitalen Boheme. Diese neue Subspezies gedeiht, erläutern sie in ihrem Manifest "Wir nennen es Arbeit", zwischen Angestelltem und dem traditionellen Selbstständigen. Weder sitzt sie eine 38,5-Stunden-Woche im Büro ab, noch kämpft sie sich im Alleingang durch das raue Marktklima ihres Geschäftsfelds. Sie ist gut vernetzt (persönlich wie technisch) und kreativ (was Geschäftsideen und ihre Umsetzung angeht). Sie führt ein "intelligentes Leben jenseits der Festanstellung". Ihr Ziel? "So zu arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit zu verdienen."
Das klingt vage und wird nie wirklich konkreter in diesem Manifest. Deutlich wird allein: Die neuen Bohemiens wollen ihre Selbstständigkeit nicht als Sprungbrett zur Festanstellung verstanden wissen. Vielmehr gilt es, die Festanstellung um jeden Preis zu vermeiden. Sie haben weniger Probleme damit, mit einem Konzern zusammenzuarbeiten als einen halben Tag offline zu sein. Denn ohne Internet keine Boheme.
Reichlich Raum verwenden Friebe und Lobo auf den Nachweis, dass die höheren Einkommen der Festangestellten als "Schmerzensgeld" verstanden werden müssen. Das ist bestenfalls Legitimation, nicht jedoch Erklärung der digitalen Boheme.
Letzteres sollen die zahlreichen Beispiele erledigen. Da werden Blogger und Gamer vorgestellt, die von ihren ursprünglichen Hobbys ganz oder teilweise leben können. Man liest Youtube-Erfolgsstorys und findet Kurzporträts von Mini-entrepreneuren im Web - zumindest mangelnder Fleiß ist nicht zu unterstellen.
Höchstens ein Mangel an Auswahl: Vor lauter Beispielen sieht man bald die Boheme nicht mehr. Ein Ebay-Powerseller etwa ist nur schwer mit "intelligentem Leben jenseits der Festanstellung" in Verbindung zu bringen. Die Arbeitsrealität vieler Selbstständiger der im Buch stetig bemühten Medienbranche - seien es Webdesigner, Journalisten oder PR-Freelancer - ist nicht weniger von Deadlines und Brotjobs geplagt als die der Festangestellten.
Je tiefer sich das Buch in die interaktive Wunderwelt des Web 2.0 vorarbeitet und desto mehr wirkt es wie ein überfüttertes Mastschwein. Die Knochen der digitalen Boheme sind zu schwach, um das schwere Fleisch der übereifrig zusammengeklaubten Empirie zu tragen. Schließlich bricht das Tier zusammen: Der Nachweis der überlebensfähigen Existenz einer neuen Boheme außerhalb der Berliner W-Lan-Cafés bleibt aus.
Wir nennen es Arbeit Holm Friebe, Sascha Lobo | Heyne 2006 | 303 S. 17,95 | Euro ISBN 3453120922.