Dicke Bücher bieten viel Lesestoff. Doch die Leser greifen lieber zu oft erstaunlich dünnen Ratgeberfibeln
Den "Abstieg eines Superstars" hat Deutschland verkraftet, die "Reformlüge" geschluckt, gesucht wird "Die Kraft des Neubeginns". Über Jahre hat eine Vielzahl von Wirtschaftsbüchern unablässig ermahnt: Reformen sind nötig. Politische, wirtschaftliche, institutionelle Reformen, vor allem Reformen in den Köpfen.
Vorbei. Damit lässt sich kaum noch Auflage machen. Jetzt wird weitergeschaut. Meinhard Miegels "Epochenwende" (Propyläen) fragt im Untertitel "Gewinnt der Westen die Zukunft?". Nach Ansicht von Thomas Rathnow, Programmleiter des Siedler Verlags, liegt Miegel damit im Trend: "Fragen der Politischen Ökonomie bleiben zentrale Buchthemen unserer Zeit." Dabei wird der Fokus weiter: Viele Autoren nehmen, stärker noch als Miegel, gleich die ganze Welt ins Visier.
Armut, Unterentwicklung, Krieg, Tod, Vertreibung: Wenn nicht gerettet, so soll die Welt doch wenigstens lebenswerter gemacht werden. Der Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs plädiert für "Das Ende der Armut" (Siedler), Petra Gerster und Michael Gleich loben "Die Friedensmacher" (Hanser), vom streitbaren Jean Ziegler stammt "Das Imperium der Schande - Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung"(C. Bertelsmann). "Eine bessere Welt ist möglich", verkünden Franz Alt, Rosi Gollmann und Rupert Neudeck (Riemann) und fordern einen "Marshallplan für Arbeit, Entwicklung und Freiheit".
Wie gut sich diese Bücher verkaufen werden, darf auch als Indiz dafür gewertet werden, wie stark die Leserschaft willens ist, sich auf Probleme einzulassen. Probleme zumal, die noch dazu weit weg scheinen. Manchmal ist Ausblenden eben angenehmer, oder der unverfängliche Blick in die Zukunft. Wolkig, aber durchaus lesenswert, erkundet Matthias Horx, "Wie wir leben werden" (Campus). Konkreter werden Alexander Neef, Klaus Burmester und Stefan Krempl, deren "Personal Fabricator" (Murmann) beispielsweise Plastikgeschirr on Demand herstellt, nach Gebrauch wieder vernichtet und die Rohstoffe für die nächste Fertigungsrunde aufhebt.
Diese Science-Fiction führt direkt zurück in die Rohstoffe verschwendende Jetztzeit - auch dies ein Thema dieses Jahres. Mit der Zukunft der Energieversorgung setzen sich unter anderem "Energie für die Zukunft" von Olaf Preuß (Gabler), "Fair Future" vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (C.H.Beck) oder Hermann Scheers "Energieautonomie" (Antje Kunstmann) auseinander.
Während bei Energietiteln auf den Inhalt gesetzt wird, läuft bei der Managementlektüre vieles über den Namen der Autoren. So war es der Ex-Boss von General Electric, Jack Welch, der es mit "Winning" auf die Bestsellerlisten schaffte. Allerdings mag Welchs Werk für das letzte Aufflackern einer Amerikahörigkeit stehen. "Die Zeit der großen, noch dazu amerikanischen Managementgurus, die uns sagen, wie es geht, ist definitiv vorbei", sagt Michael Schickerling, Programmleiter Fachbuch beim Verlag Redline/mi, der im Augenblick schwierige Umbruchzeiten erlebt. Umso mehr freut sich Schickerling über den "Karaoke-Kapitalismus" der schwedischen Management-Avantgardisten Jonas Ridderstrale und Kjell Nordström. Deren Botschaft lautet: "Don't imitate, innovate". Das nimmt sich der Verlag Redline, der im Sommer von Frankfurt nach Heidelberg umgezogen ist und auch dort seine Zelte wohl wieder abbricht, zum Vorbild. Nach einigen Umbesetzungen an der Verlagsspitze sollen künftig weniger Titel auf den Markt kommen, dafür aber bewusst mehr Substanz.
Wechsel gab es auch beim Marktführer Campus, bei dem Annette Anton die Programmleitung übernommen hat, und bei Econ, wo noch nicht absehbar ist, welches Gewicht die Wirtschaftsthemen künftig haben werden. Gewisse Zweifel, mit Wirtschaftstiteln genügend Geld zu verdienen, hat wohl der Murmann Verlag, der nach ambitioniertem Start seine Interessen leicht verlagert.
In Richtung Wirtschaft bewegt sich hingegen der Hanser Verlag, der das Sachbuch bewusst aufwertet. Von "Grenzüberschreitungen" spricht der verantwortliche Lektor Martin Janik: Wirtschaft und Ethik, Wirtschaft und Geschichte, Wirtschaft und Literatur lauten die Paarungen. Besondere Aufmerksamkeit haben hier Burkhard Spinnen und Eberhard Posner verdient, die in "Klarsichthüllen" die Sprache der Wirtschaft sezieren. Und natürlich Ulrich Hemel. Sein "Wert und Werte" versteht sich ausdrücklich als "Leitfaden für die Praxis". Allerdings muss wie schon bei den "Weltverbesserungsbüchern" abgewartet werden, ob Manager für Ethik in Buchform wirklich Geld ausgeben wollen.
Während Hanser nach aufgeschlossenen Lesern späht, findet ein Genre fast unbemerkt vom Radar der medialen Aufmerksamkeit problemlos seine Leser. Gemeint sind jene Heftchen in Reclamformat zu Themen wie Rhetorik, Selbstorganisation, Ich-AG, Schlagfertigkeit, Verhandeln oder Change-Management mit Preisen zwischen 6,90 und 9,90 Euro. Der Marktführerverlag Haufe nennt diese ratgeberhaften Soforthelfer von manchmal beängstigender Kürze "Taschenguides", Gabal bezeichnet sie als "30-Minuten-Reihe", Hanser als "Pocket Power" und Cornelsen als "Pocket Business". Mit hohen fünf- oder gar sechsstelligen Verkaufszahlen gibt es hier stille Superseller, von denen andere Wirtschaftsverlage nur träumen.
Jens Schadendorfwar bis 2004 Programmleiter des Econ Verlags und arbeitet heute als freier Berater.