FTD.de » Management + Karriere » Wirtschaftsbücher » Starr vor Angst in den Untergang

Merken   Drucken   06.07.2004, 17:38 Schriftgröße: AAA

Starr vor Angst in den Untergang  

Erfolgreiches Management von Instabilität Peter Kruse Gabal 2004, 220 S., 25,90 Euro, ISBN 3897494396. von Michael Prellberg
Panta rhei, wussten schon die alten Griechen: alles fließt. Aber heute fließt alles viel schneller. Märkte verändern sich, Produkte veralten schneller, Kunden werden unduldsamer, Innovation wird zur Pflicht. Die Unternehmen sollen sich bitteschön darauf einstellen und, klar doch, innovativ sein. Sich den Herausforderungen stellen. Das einzig Beständige ist der Wandel und so weiter.
Floskeln. Der Realität entlehnt, aber doch eher Versatzstücke für Sonntags- und Gardinenpredigten. Denn Innovation lässt sich leider nicht verordnen, und Firmen sperren sich wie alle Organisationen gegen oktroyierten Wandel. Das alles weiß Peter Kruse. Er ist nicht nur Psychologe und Biologe, der jahrelang wissenschaftlich Ordnungsbildungsprozesse im Gehirn erforscht hat, sondern auch Unternehmer. Die Firma dabei als soziales Gehirn zu betrachtet, ist eine hilfreiche These. Was er in "Erfolgreiches Management von Instabilität" predigt, hat Kruse zuvor ausprobiert - im zuvor väterlichen Betrieb (der Metall und Kunststoff verarbeitet) ebenso wie als Coach und Berater für andere Unternehmen.
Das läuft unter dem Namen "Nextpractice". Ein programmatischer Name: Um innovativ zu werden, muss die Entwicklung den entscheidenden Schritt über die "best practice" hinausgehen - zur "next practice". Die Aufgabe des Managers bestehe darin, den gewünschten Zustand der Instabilität herbeizuführen - und ihn auszuhalten, wenn er gekommen ist.
Diese "kreative Störung" bringt alles mit sich, was Manager und Unternehmen hassen: Desorientierung, Unsicherheit, Leistungseinbrüche. Trotz eines erhöhten Einsatzes von Energie bei allen Beteiligten weiß keiner, wohin die Reise geht. Nichts ist vorhersagbar. Nur eines ist klar: Wer Muffensausen bekommt, weil er diesen Zustand nicht ertragen kann oder will, bleibt stehen und fällt folglich zurück.
Instabilität kann immer nur ein vorübergehender Zustand sein. Ein Wechsel der Prozessmuster: Nach der next practice ist wieder die best practice gefragt. Kruse votiert deshalb dafür, nicht in Krisenzeiten alles auf eine Karte zu setzen - die Firma ist eh instabil -, sondern aus einer Position der Stärke heraus Instabilität gezielt in überschaubaren Teilbereichen zu forcieren.
Kruse ist Realist genug, um zu wissen, dass sein Denkmodell in der Praxis weniger am mangelnden Willen denn an der Angst der Menschen scheitern könnte: "Lieber verzichten wir auf eine mögliche Weiterentwicklung als uns durch den Übergang verunsichern zu lassen", schreibt er. Systeme haben eine ausgeprägte Tendenz, bestehende Stabilitäten zu erhalten. Wie kann ein Betrieb sich verändern, wenn sich die Mitarbeiter davor fürchten? Kruses Antwort: indem die Zukunft leuchtender erscheint als die Gegenwart.
Keine wirklich erfüllende Antwort. Sie verweist darauf, dass Erkenntnis aus Kruses Buch vor allem gewonnen wird, wenn es gegen den Strich gelesen wird. Als Erklärung dafür, warum es so selten mit Innovationen klappt und warum es mit Veränderungen in Betrieben so zäh bis gar nicht vorangeht. Je optimistischer Kruse formuliert, um so düsterer hebt sich die Unternehmenspraxis davon ab.
Dass Peter Kruse keineswegs ein Traumtänzer ist, zeigt er in seinem Schlusswort. Da überträgt Kruse sein Verständnis von Instabilität auf die Politik und stellt fest, das die Deutschen sich zu lange "Stabilität als Luxus" geleistet hätten und panisch davor zurückschrecken, sich auf Instabilität als kreative Störung einzulassen. "Man redet in Deutschland viel zu häufig von ,dem' Gesundheitssystem, ,dem' Bildungssystem, von ,dem' Rentensystem. Es ist aber ,unser' Gesundheitssystem, ,unser' Bildungssystem, ,unser' Rentensystem", schreibt Kruse. "Uns ist das Gefühl abhanden gekommen, dass wir verantwortlich sind."
  • FTD, 06.07.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
enable2start-Gründertagebücher
  • DAS VIERTE QUARTAL: Aussicht auf Erfolg

    03.02.2012 - Discovergy: Der Weg war rumplig, aber jetzt läuft die Technik. Und die Discovergy-Gründer kümmern sich um etwas, was sie lange vernachlässigt haben: Geldverdienen mehr

  Fragen über Fragen Haben Sie gut aufgepasst 2011?

Welche Ratingagentur entzog den USA das "AAA"? Wie lautet die autorisierte Biografie von Steve Jobs? Haben Sie das Weltgeschehen in diesem Jahr nur sporadisch verfolgt oder sind Sie ein News-Junkie? Testen Sie Ihr Wissen im FTD-Quiz!

Mit Steve Jobs verstarb 2011 ein als Genie gefeierter Unternehmer. Wie lautet der Titel der von Walter Isaacson verfassten, autorisierten Biografie des Apple-Gründers?

Fragen über Fragen: Haben Sie gut aufgepasst 2011?

Alle Tests

  02.02. Kopf des Tages Anthony Langley - der Retter von Manroland
Kopf des Tages: Anthony Langley - der Retter von Manroland

Schritt für Schritt kauft der britische Geschäftsmann deutsche Technologiefirmen. Jetzt sieht er seine Chancen bei der Insolvenz der Druckmaschinenfirma Manroland. mehr

 



  •  
  • blättern
MANAGEMENT

mehr Management

GRÜNDUNG

mehr Gründung

RECHT + STEUERN

mehr Recht + Steuern

KARRIERE

mehr Karriere

BUSINESS ENGLISH

mehr Business English

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote