So rüsten Sie eine alte Festplatte zur Schleifmaschine um ... So bauen Sie einen Hühnerstall aus Europaletten ... Außerdem: ein Gerät, das Fußgänger vor Hundehaufen auf dem Gehsteig warnt. Mit solchen Themen samt Bauanleitungen hat die vor drei Jahren gegründete US-Zeitschrift "Make" großen Erfolg. Das Blatt ist das Zentralorgan einer neuen Do-it-yourself-Bewegung, der Bastler und Tüftler, Hacker und Künstler ebenso angehören wie Startup-Gründer und soziale Aktivisten. An der ersten vom Kultmagazin ausgerichteten Messe "Maker Faire" Ende 2007 in Kalifornien nahmen 45.000 "Selbermacher" teil. Zu den Attraktionen zählten motorisierte Muffins (für je eine Person) und ein mit Biodiesel betriebener Linux-Computer.
Alles nur Ami-Spinnerei? Nein, sagen Holm Friebe, der 2006 das Manifest "Wir nennen es Arbeit" mitverfasste, und der Wirtschaftsjournalist Thomas Ramge. Für das Autorenduo steht fest: Was da in amerikanischen Garagen ausgetüftelt wird, weitet sich zu einem "Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion" aus. Die "Revolution des Selbermachens" werde mittelfristig "die Wirtschaft verändern", verkünden sie in der Einleitung zu ihrem Buch "Marke Eigenbau". Mit den Düsentriebs Version 2.0 als Vorboten scheine eine neue, "kleinteilig strukturierte und dennoch global vernetzte Ökonomie" auf: "Das System der Massenproduktion steht zur Disposition."
Krieg den Konzernpalästen, Friede den Hobbykellern - so ließe sich die These der Autoren zusammenfassen. Wobei die neue Bewegung den Heimwerker-Muff vergangener Tage längst abgestreift hat. Am Webstuhl sitzt heute der trendige Webdesigner, hinter den Häkelnadel die hippe PR-Frau. Auch "Make" kommt im schicken Westküsten-Layout daher und präsentiert seine Bastelprojekte mit einem Augenzwinkern. Die Botschaft des Magazins dagegen ist gänzlich unironisch: Kaufen kann jeder - wer wirklich cool ist, bastelt selbst.
Getrieben wird die Renaissance der Heimwerkerei nicht nur von einem renovierten Image, sondern auch von neuen technischen Möglichkeiten. Mithilfe von billigen Konstruktionsprogrammen und 3-D-Druckern kann jeder Hobbyist heute Dinge kreieren, die den Vergleich mit professionellen Produkten nicht scheuen müssen. Außerdem hat das Internet jedem noch so kleinen Kellerbusiness einen globalen Vertriebsweg eröffnet. Über die US-Plattform Etsy, eine Art Ebay für Selbstgemachtes, verkaufen schon eine Million Hobbyisten ihre Produkte. Durchschnittspreis: 15 $.
Triebfeder: Unzufriedenheit mit dem System
Aber es ist nicht nur die Aussicht auf Profit, die die Amateure treibt, sondern vor allem die Unzufriedenheit mit dem derzeitige Wirtschaftssystem, behaupten Friebe und Ramge. Viele Konsumenten hätten genug von seelenloser Massenware und traditioneller Erwerbsarbeit (die Autoren nennen sie "eine milde Krankheit"). Dem Verdacht der generellen Kapitalismuskritik wollen sich beide aber nicht aussetzen. "Wirtschaft ist zu wichtig, um sie den Großen zu überlassen", schwächen sie ab.
"Marke Eigenbau" zeichnet den weltweiten Vormarsch der sogenannten Prosumenten nach, die eben nicht nur ihr Geld ausgeben wollen, sondern Mitsprache beim Produkt fordern. Und Friebe und Ramge werden fündig: Sie besuchen eine Berliner Lampenmanufaktur, wo auf wenigen Quadratmetern maßgeschneiderte Leuchten für Kunden aus der Nachbarschaft entstehen - natürlich nicht gerade zum Ikea-Preis. Sie berichten von einer kanadischen Minengesellschaft, die ihre Pläne ins Internet stellt und mithilfe von zahllosen Amateuren im Netz neue Goldvorkommen findet. Sie beschreiben - sicher nicht als erste Autoren - den Erfolg des Onlinelexikons Wikipedia.
Angereichert wird die Spurensuche mit einem Lob auf Selbstständigkeit und Ökologie sowie Spitzen gegen die Konzernwirtschaft. Wen diese Mischung an das Wirtschaftsmagazin "Brand eins" erinnert, liegt richtig: Ramge arbeitet für das Blatt und hat reichlich Material aus dem Archiv für das Buch recycelt. Wer die Zeitschrift kennt und überdies die Thesen von Trendforscher Matthias Horx, wird in "Marke Eigenbau" nicht viel Neues finden. Den übrigen Lesern bietet es einen detailreichen und gut geschriebenen Überblick über einen wichtigen Wirtschaftstrend.
Wie folgenreich dieser sein wird, auf diese Frage antworten die Autoren nur sehr knapp am Ende des Buchs. Unbestritten ist: Ein Großteil der Weltbevölkerung wäre überglücklich, die Massenwaren der im Buch oft gescholtenen Konzerne kaufen zu können. Selbermachen bleibt auf absehbare Zeit das Privileg einer - oft gut gebildeten - Elite in den gesättigten Volkswirtschaften des Westens.