Dossier
Im Januar stellt sich US-Notenbankchef Ben Bernanke zur Wiederwahl. Doch während Präsident Barack Obama die Rolle des Währungshüters stärken will, greift ihn der Kongress offen an. Es wird eng für Bernanke. von Sebastian Bräuer (New York)
Er wirkt wie auf der Anklagebank. Dunkler Anzug, schwarze Krawatte, versteinerter Blick. Der Auftritt vor dem Kongressausschuss am Donnerstag ist eine Demütigung für Ben Bernanke, den Chef der US-Notenbank, einen der mächtigsten Männer der Welt. Im Fünfminutentakt wechseln sich Abgeordnete damit ab, ihn mit Fragen zur Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America im Herbst 2008 zu traktieren. Eine Chance für die Politiker, sich zu profilieren. Ein Spießrutenlauf für Bernanke.
Er habe keinen Druck auf Vorstandschef Kenneth Lewis ausgeübt, den Kauf zu beschließen, sagt Bernanke. "Ich habe nicht gesagt, dass die Federal Reserve Maßnahmen gegen das Management ergreifen würde." Lewis selbst hatte diesen Vorwurf geäußert. Mehrfach muss Bernanke bekennen, sich nicht an Details der dramatischen Verhandlungsnächte im September zu erinnern.
Nach außen bleibt Bernanke ruhig. Doch das täuscht. Für den Währungshüter geht es um alles. Er kämpft um seinen Job. Auch vor Kongresspolitikern. "Bernanke war maßgeblich an der umstrittenen Entscheidung im September beteiligt, daher könnten die Vorwürfe gefährlich für ihn werden", sagt Kenneth Thomas, Dozent an der Wharton Business School. Denn Bernanke braucht das Wohlwollen der Abgeordneten. Im Januar 2010 endet seine Amtszeit, und der Kongress müsste seine erneute Nominierung abnicken.
Einsamer Kämpfer: Fed-Chef Ben Bernanke muss sich vor dem Kongress erklären, Unterstützung bekommt er dabei kaum
In den Ausschusssitzungen und Hinterzimmern geht es aber nicht nur um die Zukunft des 55-Jährigen, sondern auch um die Zukunft der Federal Reserve. Sie könnte zur einflussreichsten Regulierungsbehörde aller Zeiten werden. Schon toben im Hintergrund Ränkespiele auf höchster Regierungsebene.
Präsident Barack Obama will die Fed zur allmächtigen Systemwächterin der US-Wirtschaft ausbauen. Sie soll künftig nicht nur über Leitzinsen und Geldpolitik entscheiden, sondern Finanzunternehmen jeder Größe übernehmen und abwickeln können. Krisen wie im vergangenen Jahr soll es dann nicht mehr geben. Obama nennt seine Regulierungsreform, aus der die Fed als großer Sieger hervorgehen würde, die "umfassendste Neuordnung seit der Großen Depression".
Renommierte Notenbankexperten reagieren entsetzt auf den Vorstoß. "Es wäre ein furchtbarer Fehler, der Fed mehr Macht zu geben", sagt etwa Robert Auerbach, Finanzprofessor an der University of Texas. In den 90er-Jahren beauftragte ihn der Bankenausschuss des Repräsentantenhauses, die Fed unter Bernankes Vorgänger Alan Greenspan zu untersuchen. Das Resultat seiner Recherchen war ein Buch, das sich wie eine bittere Anklage liest.
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