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Merken   Drucken   08.04.2009, 19:04 Schriftgröße: AAA

Agenda: Das Modell Jürgen Schneider

Dossier Milliarden weg, Schloss weg, Haft - Immobilienspekulant und Betrüger Jürgen Schneider bekam seine Strafe. Jetzt will er, dass auch die Verantwortlichen der Finanzkrise büßen. Ein Gespräch mit einem alten Mann über das Mehr. von Jarka Kubsova (Königswinter)
Er kommt pünktlich, 14 Uhr, auf die Minute. Ein großer, älterer Herr, schwarzer Mantel, Aktenkoffer, eiliger Schritt, kurzes Nicken zu den Damen am Empfang. Koffer und Mantel pfeffert er auf einen Sessel, als läge schon ein langer Arbeitstag hinter ihm, als hätte er es gerade so vom letzten Termin hierher geschafft, als müsse er gleich weiter.
Muss er aber nicht. Jürgen Schneider  hat Zeit. Und er will reden. Über den Skandal damals, über die Krise heute und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Idee gefällt ihm. Den Treffpunkt hat er sich ausgesucht: das Grandhotel Petersberg, einen hellen Prachtbau im Siebengebirge hoch über dem Touristenstädtchen Königswinter. Er legt noch immer Wert auf den richtigen Rahmen. Und er lebt hier wohl in der Nähe, wo genau, will er nicht sagen, auch nicht, wovon. Das stellt er gleich klar.
Jürgen Schneider weiß noch immer, wie man spielt. Perfekt inszenierte er früher den Auftritt als schnittiger Geschäftsmann, den Baulöwen, immer ein bisschen zu stark gebräunt, immer mit Toupetmähne ("Ach, haste jetzt auch so eins", brummte sein Vater, "muss das denn gleich so viel sein?") und immer mit der Lesebrille, die er gar nicht brauchte, auf der Nase, das sollte ihn strenger machen, wenn er die Brauen hochzog und über die Ränder schaute.
Heute ist die Brille wirklich nötig, Bräune und Toupet sind weg. Schneider ist 74 Jahre alt, ein einfaches Gesicht passt besser zu dem, was er jetzt sein will: nennen wir es mal graue Eminenz. Einer, der vorgibt, seinen Frieden gemacht zu haben mit seinem Scheitern und denen, die ihm übel mitgespielt haben ("Ich bin doch keinem böse. Ich hab das hinter mir."), der sich noch gern ab und an seine verflossenen Besitztümer ansieht, einfach so aus Liebhaberei ("Ich guck mir meine Häuser immer an, und ich reg mich immer auf, wenn da irgendwo Zigarettenkippen rumliegen. Ich kann das nicht sehen."). Einer, der sich weniger um sich selbst als um das große Ganze sorgt. Und der weiß, wovon er da spricht.
Jeden Tag verfolge er die Nachrichten zur Finanzkrise, erzählt er, in den Zeitungen, im Fernsehen, im Internet, "ganz bange" sei ihm um die Wirtschaft, um Deutschland. "Was jetzt passiert, um Gottes willen!" Es sei Zeit für neue Gesetze, sagt er, "das System" müsse sich verändern. "Ich sage mit tiefster Überzeugung: So blöd ist keiner dieser Bankvorstände, dass er nicht genau gewusst hat, was für Dummheiten er macht. Diese Menschen müssen zur Verantwortung gezogen werden." Nein, nein, es gehe ihm nicht um Rache, warum auch. Es gehe ihm um "das System", "dass sich die Fehler nie mehr wiederholen".
Aber schnell ist er dann doch wieder bei sich. Beim Fall Schneider. Bei seinem Immobilienimperium, finanziert mit Milliardenkrediten, das mehr und mehr an Bodenhaftung verlor und schließlich Mitte der 90er-Jahre zusammenkrachte zu einem gigantischen Schutthaufen von 5,4 Mrd. DM Schulden, auf dem 50 Banken am Ende sitzen blieben. Schneiders Rechnung ist einfach: "Was die Banker in meinem Fall nicht sehen wollten, das wollten sie bei den Häuschen der Amerikaner auch nicht sehen. Und das ist die Ursache für den ganzen Mist." So sieht er das.

Teil 2: Warum der Fall Schneider "Modell der Krise" ist

  • Aus der FTD vom 09.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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