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Merken   Drucken   19.06.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Lang lebe König Wendelin!

Dossier Bietigheim ist die Heimat von Wendelin Wiedeking. Niemand leidet und zittert mehr mit dem Porsche-Chef als das Städtchen nördlich von Stuttgart. Es liebt ihn und lebt von ihm. Und es erzählt viel mehr über ihn, als man ahnt. Ein Besuch. von Lorenz Wagner (Bietigheim )
Im Schwabenland liegt ein Städtchen, in dem es lange Jahre fast keine Sorgen gab. Es ist eine ausgesprochen schöne Stadt, halb Fachwerk, halb Garten, die Häuschen sind haselnussbraun oder gelb wie Butter, und an ihren Wänden ranken Wein und wilde Rosen.
Alles ist eng und verwinkelt, Hunderte Jahre sind die Gassen alt, heißen Schwätzgässle und Hexenwegle, und alle zehn Schritte lässt sich eine kleine Schönheit beschauen: eine steinerne Laterne; ein Tor mit Wappenschild; ein Oleanderstrauch; eine Kuh mit vergoldeten Hörnern; oder ein ganz eigener Straßenschmuck: Porsches. Sie gehören dem Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Wirt, Hemdenfabrikanten und Hotelier, und sie gehören zu Bietigheim wie das Rathaus mit Verkündkanzel und Erkerturm.
Bietigheim ist eine reiche Stadt, sie zählt 40.000 Bürger und 30.000 Arbeitsplätze und beherbergt Firmen, die mit ihren Hemden, Scheibenwischern und Lackierrobotern die Welt erobert haben. Vor allem aber ist sie die Heimat eines Mannes, der sie mehr geprägt hat als jeder Bürger vor ihm: Wendelin Wiedeking , genannt König von Bietigheim.
Der König von Bietigheim: Porssche-Chef Wendelin Wiedeking   Der König von Bietigheim: Porssche-Chef Wendelin Wiedeking
Wie es sich niemand hätte träumen lassen, ist der König in eine verflixte Sache hineingeraten. Ganz keck wollte er mit seiner kleinen Firma Porsche  den Volkswagen -Konzern übernehmen, was derart schiefging, dass Porsche nun sogar den Staat um Stütze bitten muss. So ist Bietigheims König zu Deutschlands Buhmann geworden, zum Sinnbild des zockenden Managers. Und das tut ihm so weh, dass er kaum mehr einen an sich ranlässt, nur mehr einige Vertraute bei Porsche. Und seine Bietigheimer Freunde. Denn die zittern mit ihrem König.
Wendelin ist alles für diese Stadt. "Er ist unser Patriarch", sagt Bürgermeister Jürgen Kessing. "Er ist ein Mann wie Röchling oder Grundig." Seit zwei Jahrzehnten verteilt Wendelin Gunst und Geld, allein seine Einkommensteuer macht den Kämmerer glücklich.
Dazu kommen die Gelder der Porsche-Töchter, die hergesiedelt sind: Design, Vertrieb, Lizenzgeschäft, Beratung, Finanzierung, sie sitzen in einem Glasturm vor der Stadt, "unserem Flaggschiff", wie der Bürgermeister sagt.
Und Wendelin und Porsche sind nicht nur die größten Steuerzahler der Stadt, sie sind auch ihre größten Mäzene. Sie fördern die Musikschule. Und die Steelers, Meister der 2. Eishockeyliga. Und das Reitturnier. Und Kinder, die sich keinen Mittagstisch leisten können. Und das Hospiz. Und das Musikfestival "Wunderland", zu dem Künstler anreisen, die sich selten in die Provinz verirren.

Teil 2: Warum Bietigheim ein Königreich ist

  • Aus der FTD vom 19.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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