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Merken   Drucken   28.01.2009, 11:54 Schriftgröße: AAA

Bahn-Streik: Der Hansen-Faktor

In diesen Tagen entscheidet sich, ob Bahn-Personalchef Norbert Hansen die Kontrolle in den Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften behält. Seine Vergangenheit macht die Sache nicht leichter. von Leo Klimm
Norbert Hansen  ist beunruhigt. "Mit großer Besorgnis", schreibt der Bahn-Personalchef an die Oberen der Gewerkschaften Transnet und GDBA, habe er deren Aufruf zu Warnstreiks am Donnerstag aufgenommen. Streiks seien angesichts der "bisher erzielten Verhandlungsfortschritte" unangemessen. Und in einem zweiten Brief an die Lokführervertretung GDL zeigt sich Hansen verwundert darüber, dass die Gewerkschaft die Tarifgespräche bislang als ergebnislos beurteilt.
Hansen hat allen Grund zur Beunruhigung. Am Mittwoch beginnen für ihn in der seit zwei Wochen laufenden Bahn-Tarifrunde die Tage der Entscheidung. Mittwoch: Verhandlungen mit Transnet und GDBA. Donnerstag: Streiks. Freitag: neue Verhandlungen, diesmal auch mit der GDL. Am Samstag ist dann klar, ob die Bahn-Spitze ihr Ziel einer Einigung noch im Januar erreicht - oder ob ihr, wie beim Lokführerstreik 2008, die Kontrolle über den Tarifstreit zu entgleiten droht.
Wie die Sache ausgeht, hat viel mit Hansen zu tun. Bis Mitte 2008 war er selbst Transnet-Chef. Dann wurde er Bahn-Vorstand. Das macht die Verhandlungen jetzt nicht leichter. Zwar soll Hansen gedrängt haben, den Gewerkschaften überhaupt eine Lohnerhöhung anzubieten. Doch deshalb zeigen sich weder der heutige Transnet-Chef Alexander Kirchner  noch sein GDL-Kollege Claus Weselsky besonders freundlich Hansen gegenüber: Weselsky hat sich mit einem Befangenheitsantrag an Hansen gerächt, der die GDL in seiner Zeit als Transnet-Chef hart bekämpft hatte. Kirchner wiederum hat mit einer Forderung nach zehn Prozent mehr Geld eine Marke gesetzt, die eher GDL-typisch ist - und mit der er sich demonstrativ vom einstigen Ziehvater absetzt.
Norbert Hansen   Norbert Hansen
"Hansen ist in der Zwickmühle", sagt Kirchner. Konzernchef Hartmut Mehdorn  wolle seinen Ex-Chef offenbar benutzen, um einen günstigen Tarifvertrag auszuhandeln. "Da hat er ein Problem - wir können keine Rücksicht auf die Person Hansen nehmen", sagt Kirchner.
Nichts deutet daher auf ein schnelles Ende des Konflikts hin. "Von Verhandlungsfortschritten kann keine Rede sein", entgegnet Kirchner auf Hansens Brief. Die Bahn wolle auf die Kernforderungen nach mehr freien Wochenenden und weniger Nachtarbeit nur eingehen, wenn andere Mitarbeiter Verschlechterungen akzeptierten. "Das geht unmöglich." Und über die Lohnforderung, der ein Angebot von zwei Prozent plus Einmalzahlungen gegenübersteht, ist noch gar nicht verhandelt worden.
Bei der Bahn hofft man, dass die derzeit schlechte Geschäftsentwicklung die Gewerkschaften diszipliniert. Zudem dürfte es in der Rezession für hohe Tarifforderungen kaum Rückhalt in der Bevölkerung geben. Dennoch droht Kirchner: "Der Vorstand täuscht sich, wenn er meint, wir machen nur einen kleinen Warnstreik und suchen dann auf unsere Kosten einen schnellen Kompromiss." Bei den Mitarbeitern herrsche eine hohe Bereitschaft zum Arbeitskampf, "auch zu einem längeren".
Das bestätigt eine Sorge, die bei der Bahn gehegt wird. Als schlimmstes Szenario gilt dort, dass die GDL-Basis nach dem Warnstreik von Transnet und GDBA auch Lust auf Arbeitskampf bekommt - und sich der Konflikt durch die Konkurrenz der Gewerkschaften wieder hochschaukelt. Tatsächlich sagt nun auch eine GDL-Sprecherin, Streiks seien nicht mehr auszuschließen - wenn Hansen am Freitag kein klar besseres Angebot mache.
Vom Arbeiterführer zum Personalvorstand
Gestern Als Norbert Hansen (o. r.) 2007 noch Transnet-Chef war, besiegelte er mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn (l.) eine Lohnerhöhung um 4,5 Prozent. Mit Einführung einer Entgeltstruktur kamen im Frühjahr 2008 weitere 6,5 Prozent hinzu. Die Summe von elf Prozent entspricht dem Abschluss, den die Lokführergewerkschaft GDL zu diesem Zeitpunkt erstritt. Kurz darauf wurde Hansen Arbeitsdirektor bei der Bahn und übernahm damit den Posten von Margret Suckale.
Heute In den laufenden Verhandlungen fordert die Tarifgemeinschaft aus Transnet und GDBA für 130.000 Beschäftigte zehn Prozent mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Die fordert auch die GDL - beim Lohnabschluss dagegen will sie sich mit 6,5 Prozent bescheiden.
Morgen Für Donnerstag haben Transnet und GDBA Warnstreiks angekündigt. Am Mittwoch wollen sie bekannt geben, wo und wann gestreikt wird. Die Bahn bereitet sich darauf vor: Sie will auf www.bahn.de und unter der Telefonnummer 08000 99 66 33 über die Streikfolgen informieren. Wer seine Reise nicht antreten kann, bekommt sein Ticket erstattet.
  • FTD.de, 28.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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