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Merken   Drucken   19.10.2008, 19:25 Schriftgröße: AAA

Die Denker und Lenker (6): Norbert Walter - Umtriebiger Medienprofi

Der wohl bekannteste Bankenökonom Deutschlands ist in der Finanzkrise ein gefragter Gesprächspartner. Was er sagt, hört sein Chef nicht immer gern. von Mark Schrörs (Frankfurt)
Norbert Walter muss sich erst mal entschuldigen. Kurzfristig hat er noch ein Telefoninterview angenommen. Deutschlandfunk, Fragen zur Finanzkrise. "Drei Minuten Schleife, drei Minuten Interview. Dann bin ich bei Ihnen", sagt Walter nach einer kurzen, hektischen Begrüßung, ohne den Telefonhörer vom Ohr zu nehmen. "Schleife" heißt im Fachjargon der Radiowelt so viel wie Anmoderation von Thema und Gesprächspartner.
Walter lehnt in seinem schwarzen Sessel im 24. Stock der Deutschen Bank  an der Theodor-Heuss-Allee in Frankfurt. Schwarze Anzughose, weißes Hemd, rote Krawatte. Den rechten Fuß auf einem kleinen Tisch mit unzähligen Familienfotos abgestellt, geht der Blick durch die Fensterscheibe in die Weite. Aber nur für einen Moment. "Wir brauchen ein Rettungspaket", "Banken müssen mehr Eigenkapital haben", "Ratings müssen besser werden" - in klaren Sätzen erklärt er schließlich seine Sicht der Welt.
Norbert Walter, 64 Jahre, ist Chef von Deutsche Bank Research, einer Art Denkfabrik innerhalb von Deutschlands größter Bank - und wahrscheinlich einer der bekanntesten Bankvolkswirte der Nation. Kaum ein Fernseh- oder Radiosender, in dem er nicht schon zu hören oder zu sehen gewesen wäre, kaum eine Zeitung, der er nicht schon ein Interview gegeben hätte.
Norbert Walter, Chef von Deutsche Bank Research   Norbert Walter, Chef von Deutsche Bank Research
80-Stunden-Woche
Einige kritisieren Walter für seine Präsenz, halten ihn für eitel, selbstverliebt. Er aber spricht davon, dass er sich einfach gern "einmischt". "Mich hat von Anfang an die politische Ökonomie gefesselt, nicht die Wissenschaft im Elfenbeinturm." Walter hat in den 60er-Jahren in Frankfurt Volkswirtschaftslehre studiert und danach viele Jahre am Institut für Weltwirtschaft in Kiel gearbeitet. Nur kurz hatte er überlegt, Mathe- und Physiklehrer zu werden. Was er dann aber doch nicht tat, weil er "das nicht ganzen Generationen antun" wollte.
Weniger Mitleid hat er heute mit sich selbst. 250 Nächte im Jahr schlafe er nicht daheim, sagt er. Kundentermine, Vorträge, Dienstreisen. 80 Stunden Arbeit pro Woche. Jedes Jahr im Juli und August reist er nach Asien, trifft Politiker, Zentralbanker, Botschafter, Unternehmer. Da bleibe natürlich auch für seine Frau und die zwei Töchter nicht immer viel Zeit.
Trotzdem sieht sich Walter, der ein leidenschaftlicher Bergsteiger und ein engagierter Katholik ist, nicht als Getriebener - "eher bin ich ein Umtriebiger", sagt er. Aber er weiß auch um die Nachteile. "Wer alles anfasst, wird nicht allem gerecht", sagt er. Und: "Die Zahl der Fehlgriffe ist immer noch hoch." Es sind diese Momente, in denen hinter der öffentlichen Person, hinter der Professionalität des Chefvolkswirten und Medienprofis der Mensch Norbert Walter hervortritt.

Teil 2: Glaubwürdigkeit durch Offenheit

  • Aus der FTD vom 20.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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