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Merken   Drucken   29.07.2008, 13:10 Schriftgröße: AAA

Florian Streibl: Der verlorene Sohn der CSU

Der Filius des Ex-Ministerpräsidenten kennt das Innenleben der CSU seit seiner Kindheit. Jetzt tritt er gegen die Partei seines Vaters Max an - für die Freien Wähler. von Nikolai Fichtner (Oberammergau)
Florian Streibl wollte nie Politiker werden. Er kennt das Geschäft, als Kind hat er oft genug darunter gelitten. Seinen Vater, Max Streibl, den CSU-Politiker und bayerischen Ministerpräsidenten, sah er selbst an Wochenenden kaum. Er erlebte, wie die Intrigen und Machtkämpfe an seinem Vater zehrten und diesen am Ende zerstörten. Und wie sein Vater litt, als die CSU ihn nach der Amigo-Affäre totschwieg.
Streibl hat dann Theologie studiert, später Jura. Sein Elternhaus in Oberammergau ließ er in ein Geschäftshaus umbauen. Im dritten Stock ist seine Anwaltskanzlei. Ein Schwarz-Weiß-Foto erinnert an den letzten Wahlkampf des Vaters. Aus dem Fenster kann Streibl die Dorfkirche sehen, das Passionsspielhaus und die Alpen am Ortsrand.
Und doch will Florian Streibl mit 45 Jahren in den Bayerischen Landtag. Warum dieser Sinneswandel? Streibl denkt nach, man merkt, dass er lange mit sich gerungen hat. Weil er irgendwie doch gestalten will, sagt er. Und weil er eine politische Heimat gefunden hat, die nicht nach dem Prinzip Partei funktioniert. Bei der Landtagswahl im September tritt Streibl an - für die Freien Wähler.
Bei der Passion auf der Seite der Traditionalisten
Es ist nicht so, dass ihn inhaltlich viel trennen würde von der CSU. Streibl ist katholisch und konservativ. Als die Oberammergauer vor einem Jahr per Bürgerentscheid darüber abstimmten, ob die Passionsspiele dramaturgisch so verändert werden dürften, dass Jesus am Abend stirbt und nicht wie die letzten 400 Jahre am Nachmittag, kämpfte er aufseiten der Traditionalisten. Als Student war Streibl selbst fünf Jahre in der CSU. Jetzt will er ebenjenen Wahlkreis für die Freien Wähler erobern, den bis zuletzt Edmund Stoiber innehatte. Der Mann, der vor 15 Jahren seinen Vater nach der Amigo-Affäre aus dem Amt drängte.
Der Wahlkreis reicht von der Münchner Stadtgrenze bis an den Alpenrand. Hier kann man in diesen Monaten beobachten, was passiert, wenn sich eine Volkspartei zu sehr vom Volk entfernt. Wenn selbst Leute wie Streibl der CSU den Rücken kehren, gerät etwas ins Wanken, was lange selbstverständlich war. Bei den Kommunalwahlen im März erzielte die CSU in ihrer einstigen Hochburg Oberbayern ihr schlechtestes Ergebnis. Zum ersten Mal seit Gründung des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen ging eine Landratswahl verloren, gegen einen Freien Wähler.
Während der CSU-Parteitag mit Großleinwand und dramatischer Musik den Wahlkampfauftakt inszeniert, treffen sich in Geretsried, südlich von München, die Freien Wähler in der Teeküche eines Ingenieurbüros. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Schokoriegeln. Es sind fünf Männer mittleren Alters, drei von ihnen sind Landtagskandidaten. Streibl trägt Trachtenjacke, weißes Hemd, Krawatte, am Vormittag haben sie Fotos gemacht für die Plakate. Jetzt trinken sie Kaffee und suchen in ihren Kalendern nach Wahlkampfterminen. Ein Ingenieur, zwei Rechtsanwälte, zwei Elektrotechniker.
Was die Freien an der CSU nervt
"Die Nähe ist an sich schon da zu den CSUlern", sagt einer. "Wenn nur dieses Besserwisserische, Bemutternde nicht wäre." Man sei nicht in die Politik gegangen, um Anweisungen von oben entgegenzunehmen. Früher, da hätte die CSU noch auf die Basis gehört, sagen sie hier. Doch irgendwann habe nur noch ein kleiner Zirkel aus der Staatskanzlei heraus regiert.
"Wir wollen den klassischen CSU-Wähler gewinnen, der aus Enttäuschung zu Hause bleibt", sagt Lorenz Weidinger, der Kreischef der Freien. Konservative Politik für konservative Wähler - das macht die Freien so gefährlich für die CSU. Umfragen sehen sie bei fünf Prozent. Und wenn die Ex-CSU-Rebellin Gabriele Pauli Anfang Juli nicht beigetreten wäre, lägen sie womöglich noch ein paar Prozentpunkte höher, glauben sie in der Teeküche.
In den nächsten Wochen wird Streibl Plakate kleben und sich auf Dorffesten sehen lassen. Er wird den Leuten erklären, warum er, dessen Nachnamen sie kennen, nicht für die CSU antritt, sondern gegen sie. Streibl sagt: "Mein Vater wäre wahrscheinlich sehr stolz auf mich."
  • Aus der FTD vom 29.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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