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Merken   Drucken   18.02.2009, 17:34 Schriftgröße: AAA

Geschichte eines Zocker-Stars: Weinsteins Relativitätstheorie

Mit riskanten Wetten hat Deutsche-Bank-Händler Boaz Weinstein viel Geld verdient - bis die Lehman-Pleite das Vabanquespiel platzen ließ. Jetzt macht der 35-Jährige als Hedge-Fonds-Manager weiter. von André Kühnlenz
Boaz Weinstein ist das, was sie an der Wall Street einen Star nennen. Gerade einmal 35 Jahre alt, gilt der Amerikaner mit italienischen und polnischen Wurzeln lange Zeit als cleverster Händler der New Yorker Finanzszene, der seinem Arbeitgeber Deutsche Bank dank ausgeklügelter Anlagestrategien Millionen in die Kassen spült. Kaum einer kennt sich besser aus im weltweiten Finanzkasino als der Mann, der 1998 zur Deutschen Bank kommt und sich rasch einen Namen macht im Handel mit Anleihen und Kreditderivaten - jenen ebenso komplizierten wie riskanten, aber auch gewinnträchtigen Zockerpapieren, die Investorenguru Warren Buffett schon 2002 für "finanzielle Massenvernichtungswaffen" hält.
Heute ist Weinstein der Mann, der allein im vierten Quartal 2008 rund 1 Mrd. Euro verbrannt hat. Den die Deutsche Bank  als den Leiter ihres weltweiten Kredithandels vor die Tür gesetzt hat. Und dessen spezielle Anlagestrategie noch immer von zahlreichen Banken, vor allem aber von Hedge-Fonds verfolgt wird - und die deshalb Gefahr laufen, bald ebenso horrende Verluste einzufahren wie der Mann, der sich auf der Networkingseite LinkedIn noch immer als "Managing Director at Deutsche Bank" vorstellt.
Boaz Weinstein   Boaz Weinstein
Dabei scheint Weinsteins Strategie lange Zeit unschlagbar. Noch bis ins dritte Quartal des vergangenen Jahres scheffelt seine Truppe Geld, obwohl die Finanzkrise zu der Zeit schon länger als ein Jahr wütet. Das Prinzip klingt kompliziert, ist im Kern aber einfach: Ein Investor kauft Anleihen eines Unternehmens und gleichzeitig die dazu passenden Credit Default Swaps (CDS) - Buffetts "Massenvernichtungswaffen". Mit diesen Kreditderivaten sichern sich Anleger für den Fall ab, dass der Emittent der Anleihe zahlungsunfähig wird. Einspringen müssen dann jene Banken, die die CDS ausgegeben haben. Die Prämie für die Kreditderivate schmälert zwar die Rendite, die die Anleihe dem Investor bringt, aber immerhin: Er verdient noch immer mehr als mit schnöden Staatsanleihen und ist zugleich abgesichert für den Fall, dass der Emittent des Bonds pleitegeht und ausfällt.
Kreditrisikoaufschlag entscheidend
Doch Weinstein und seinen Mitstreitern reicht das nicht. Sie sind klassische Arbitrageure, die daran verdienen, dass sich die Preise zwischen einzelnen Wertpapieren ständig verändern. In ihrem speziellen Fall sind das die Prämie für den CDS auf eine Anleihe, der Kurs der Anleihe selbst sowie deren Rendite. Die wiederum setzt sich zusammen aus - vereinfacht gesagt - drei Bestandteilen: dem Zins, den eine entsprechende Staatsanleihe abwirft, der sogenannten Swap-Differenz, die das Risiko des gesamten Finanzsystems abbildet, sowie dem Kreditrisikoaufschlag, der das individuelle Ausfallrisiko des Unternehmens widerspiegelt, das die Anleihe begeben hat.
Entscheidend für Weinsteins Strategie ist nur der letzte Bestandteil der Anleiherendite, der Kreditrisikoaufschlag. Ihn ständig mit der CDS-Prämie zu vergleichen ist die Hauptaufgabe seines Teams. In normalen Zeiten, also vor Ausbruch der Finanzkrise, kostet die CDS-Prämie etwas mehr, als der Risikoaufschlag dem Investor einbringt - die Experten sprechen von einer "positiven Basis". Zusammen mit einem Teil der Swap-Differenz verdienen Profis in diesem Szenario gleichwohl noch immer mehr, als hätten sie nur in Staatsanleihen investiert.
Dass die Basis negativ wird, also die Prämie des Kreditderivats unter den Risikoaufschlag der Anleihe fällt, kommt dagegen in fernen Vorkrisenzeiten eher selten vor. Wenn aber doch, schlägt die Stunde der Arbitrageure. Dann bieten sich zusätzliche Renditechancen, die auch andere Anleger anlocken. Denn allen ist aus Erfahrung klar: Lange wird diese "Anomalie" nicht Bestand haben. Entweder steigt die Prämie des Kreditderivats wieder. Dann lässt sich der CDS mit Gewinn verkaufen. Oder aber der Risikoaufschlag der Anleihe sinkt. Dann aber steigt zwangsläufig der Kurs des Bonds, denn Rendite und Kurs bewegen sich bei Anleihen stets in gegenläufiger Richtung. Der Investor kann die Anleihe zu einem höheren Kurs verkaufen, der Effekt ist derselbe wie beim Verkauf des Kreditderivats: Er macht Gewinn. Und das praktisch ohne Gefahr für das eingesetzte Kapital, denn das Risiko, dass der Emittent der Anleihe ausfällt, ist ja durch den CDS gedeckt.

Teil 2: Die Deutsche Bank verdient prächtig

  • Aus der FTD vom 19.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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