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Merken   Drucken   23.02.2009, 21:42 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Berthold Huber - Der Krisengewinnler

Goldene Zeiten für Gewerkschafter - die Politik braucht sie, weil Wahljahr ist, und Unternehmen wie Schaeffler brauchen sie, um Druck auf die Politik zu machen. IG-Metall-Chef Berthold Huber nutzt die Chancen für seine Zwecke. von Maike Rademaker
Auf dem Flipchart im Büro des ersten Vorsitzenden der IG Metall stehen keine Zahlen. Statt dass Krisenszenarien dräuen, schmücken krakelige grüne Blumen das Papier, unterzeichnet mit einem deutlichen, großen "Claire". "Das stammt noch von Weihnachten, meine Tochter war hier", sagt Berthold Huber  entschuldigend. Zum Wegräumen hatte der Gewerkschaftschef noch keine Zeit.
Huber dürfte auch in den kommenden Monaten nicht zum Aufräumen kommen. Der 59-Jährige ist der derzeit wichtigste und mächtigste deutsche Gewerkschafter. Nicht nur, weil die IG Metall mit ihren 2,3 Millionen Mitgliedern die größte Gewerkschaft ist. Sondern auch, weil es neben den Banken besonders seine Branchen sind, die in den Abgrund gerissen werden - die Automobilbranche und der exportierende Maschinenbau.
IG-Metall-Chef Berthold Huber   IG-Metall-Chef Berthold Huber
Kaum eine Entscheidung in Politik und Wirtschaft fällt deswegen derzeit ohne Huber. So gilt er als einer der Motoren für die Verlängerung der Kurzarbeit. Am Montag verschrieb VW  den 61.000 Mitarbeitern unfreiwilligen Urlaub, Daimler  will die Kurzarbeit vielleicht bis Ende des Jahres verlängern. Auch die Abwrackprämie, die der Automobilbranche eine Sonderkonjunktur verschafft, war zunächst Teil des Forderungskatalogs der IG Metall. "Steinbrück sollte uns dankbar sein", sagt Huber deshalb selbstbewusst zu diesem 1,5 Mrd. Euro teuren Coup - schließlich kassiere der Finanzminister bei jedem Autokauf Mehrwertsteuer.
Auch Maria-Elisabeth Schaeffler  muss dem Gewerkschaftschef wohl dankbar sein. Der frühere SPD-Chef Rudolf Scharping hat den Kontakt zwischen beiden hergestellt, nun will Huber ihr bei ihrem Ringen um Staatshilfe Rückendeckung geben. Diese Unterstützung hat ihren Preis: Jahrelang hat sich der angeschlagene Autozulieferer gegen Mitbestimmung und Transparenz gewehrt. Jetzt soll beides eingeführt werden.
Nur wegen der Jobs engagiert sich Huber allerdings nicht. Die Krise gefährdet vielmehr das Erfolgsprojekt des gelernten Werkzeugmachers und studierten Philosophen: die Mitgliederzahl der IG Metall zu halten. Üblicherweise sinkt sie, wenn es den Betrieben schlecht geht. Aber nur wenn die Jobs erhalten bleiben, hat die Gewerkschaft die Chance, ihren Dickschiff-Status zu bewahren.
Statt Proteste auf der Straße organisierte Huber schon immer lieber die Metaller im Betrieb - und handelte sich den Ruf als Reformer ein, der zu viele Zugeständnisse macht. 2003 agierte er zunächst an zweiter Stelle in der Spitze der IG Metall. Seit 2007 lenkt der Sozialdemokrat Huber die Gewerkschaft als erster Vorsitzender. Und seine kompromissreiche Strategie geht auf: Die Mitgliederzahl steigt, die Metaller strotzen nur so vor Selbstbewusstsein.
Die richtige Bewährungsprobe aber kommt erst noch für Huber: In der Autobranche gebe es weltweit Überkapazitäten, warnte er unlängst deutlich. Dem damit drohenden Jobabbau will er nicht tatenlos zusehen. Es müssten "industriepolitische Entscheidungen" fallen. Auch das dürfte in Berlin nicht überhört worden sein.
  • Aus der FTD vom 24.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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