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Merken   Drucken   11.11.2008, 21:54 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Drew Faust - Die Tabubrecherin

Drew Faust steht als Harvard-Präsidentin vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe. Aufgrund der Finanzkrise drohen der Eliteuni "beispiellose Verluste". Ein Situation wie geschaffen für die 61-Jährige. von Sebastian Bräuer
Drew Faust  spricht Missstände offen an - ohne Rücksicht auf Tabus zu nehmen. Schon im Alter von neun Jahren schreibt die heute 61-Jährige ohne das Wissen ihrer Eltern einen Brief an Präsident Dwight Eisenhower, in dem sie sich über die Rassentrennung in den USA beschwert. Als Jugendliche streitet sie sich mit ihrer Mutter über die Benachteiligung von Frauen. Mit 20 Jahren wehrt sich Faust erfolgreich gegen die nächtliche Ausgangssperre am Bryn Mawr College.
Auch jetzt bricht Faust, die seit Februar 2007 als erste Frau die Eliteuniversität Harvard leitet, mit einem Konsens. Ihr Bekenntnis, dass der universitätseigenen Stiftung "beispiellose" Verluste drohen, ist einmalig in der Universitätsgeschichte. So offen hat noch niemand zuvor Probleme an der Uni öffentlich gemacht. Allerdings ist die Lage angesichts der weltweiten Finanzkrise auch nahezu einmalig.
Faust führt als Harvard-Präsidentin 24.000 Mitarbeiter und kann aus einem Etat in Höhe von 3 Mrd. $ schöpfen. Die Professorin für Geschichtswissenschaft hatte zuvor noch keine Universität geleitet. Faust übernahm damals das Amt von Lawrence Summers, der wegen einer Bemerkung über die möglicherweise geringere Befähigung von Frauen in den Naturwissenschaften hinausgedrängt wurde.
Drew Faust spricht Missstände offen an   Drew Faust spricht Missstände offen an
Faust kennt Harvard schon länger. Vor etlichen Jahren übernahm sie den Dekaninnenposten am Radcliffe Institute, das 1999 in Harvard aufgegangen war. Sie kürzte dort massiv Kosten, entließ ein Viertel des Personals, straffte die Organisation. Schon bald erhielt sie den Spitznamen "Kettensägen-Drew". Es war schließlich ihr Vorgänger Summers, der ihr mehr Kompetenzen gab. Faust führte zwei Kommissionen, die mehr Professorinnen nach Harvard bringen sollten.
Mit dem ungewöhnlichen Warnruf hat Faust nun an der Eliteuniversität Bestürzung ausgelöst. "Jeder ist frustriert über die Aussage und vor allem darüber, dass sie keine Details genannt hat", sagt eine langjährige Beobachterin des Universitätsgeschehens.
Doch Faust wollte offenbar nicht wortlos hinnehmen, dass die älteste Universität der USA im Beiboot von Hedge-Fonds, Beteiligungsfirmen und Investmentbanken in die Krise gerät. Harvard drohe eine Periode starker finanzieller Zurückhaltung, schrieb sie in einem Brief. Während die Aktienkurse im Zeitraum von Juli 2007 bis Juni 2008 bereits einbrachen, erzielte Harvard in diesem Zeitraum noch das beste Ergebnis sämtlicher Unifonds - was die Befürchtung nährt, dass andere Lehrstätten noch stärker vom Abschwung betroffen sein könnten.
Mit ihrer einnehmenden Art und einer außergewöhnlich großen Gesprächsbereitschaft gelang es der ausgewiesenen Expertin für den amerikanischen Bürgerkrieg innerhalb weniger Monate, die anfänglichen Kritiker verstummen zu lassen, die sich an ihrer fehlenden Bekanntheit vor der Ernennung störten. "Sie ist nun deutlich beliebter als ihr Vorgänger Larry Summers", sagt eine Beobachterin.
  • Aus der FTD vom 12.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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