Drew Faust spricht Missstände offen an
Faust kennt Harvard schon länger. Vor etlichen Jahren übernahm sie den Dekaninnenposten am Radcliffe Institute, das 1999 in Harvard aufgegangen war. Sie kürzte dort massiv Kosten, entließ ein Viertel des Personals, straffte die Organisation. Schon bald erhielt sie den Spitznamen "Kettensägen-Drew". Es war schließlich ihr Vorgänger Summers, der ihr mehr Kompetenzen gab. Faust führte zwei Kommissionen, die mehr Professorinnen nach Harvard bringen sollten.
Mit dem ungewöhnlichen Warnruf hat Faust nun an der Eliteuniversität Bestürzung ausgelöst. "Jeder ist frustriert über die Aussage und vor allem darüber, dass sie keine Details genannt hat", sagt eine langjährige Beobachterin des Universitätsgeschehens.
Doch Faust wollte offenbar nicht wortlos hinnehmen, dass die älteste Universität der USA im Beiboot von Hedge-Fonds, Beteiligungsfirmen und Investmentbanken in die Krise gerät. Harvard drohe eine Periode starker finanzieller Zurückhaltung, schrieb sie in einem Brief. Während die Aktienkurse im Zeitraum von Juli 2007 bis Juni 2008 bereits einbrachen, erzielte Harvard in diesem Zeitraum noch das beste Ergebnis sämtlicher Unifonds - was die Befürchtung nährt, dass andere Lehrstätten noch stärker vom Abschwung betroffen sein könnten.
Mit ihrer einnehmenden Art und einer außergewöhnlich großen Gesprächsbereitschaft gelang es der ausgewiesenen Expertin für den amerikanischen Bürgerkrieg innerhalb weniger Monate, die anfänglichen Kritiker verstummen zu lassen, die sich an ihrer fehlenden Bekanntheit vor der Ernennung störten. "Sie ist nun deutlich beliebter als ihr Vorgänger Larry Summers", sagt eine Beobachterin.