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Merken   Drucken   10.12.2008, 21:16 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Kostas Karamanlis - Der Zauderer

Einst galt Griechenlands Premier Kostas Karamanlis als Hoffnungsträger. Doch schon die Waldbrände 2007 offenbarten seine Entscheidungsschwäche. Nach den Unruhen im Land ist das Ansehen des Konservativen endgültig am Tiefpunkt. von Niels Kadritzke
Viele haben ihn schon abgeschrieben. "Stelle zu besetzen - gesucht wird eine Regierung", titelte Anfang der Woche eine Athener Zeitung. Gemeint war Kostas Karamanlis . Der Regierungschef und Frontmann der konservativen Nea Dimokratia (ND) bestätigt derzeit das Image des Zauderers, das ihm seit Beginn seiner Karriere anhaftet. Erst bekräftigt er die Position seines Innenministers, der zum größten Erfolg seiner Polizei deklariert, dass es bei den Krawallen keinen zweiten Toten gegeben hat. Gleich darauf kündigt Karamanlis angesichts des brennenden Zentrums von Athen eine harte Linie an, die er nicht umsetzen kann, ohne weitere Tote zu riskieren.
Karamanlis' Entscheidungsschwäche ist in Griechenland häufig Gesprächsthema. In kritischen Momenten, wenn eigentlich wache Präsenz gefragt ist, flüchte er gern mal in Computerspiele, wissen griechische Journalisten zu berichten. Seine Passivität hat dem 52-Jährigen allerdings zu normalen Zeiten nie geschadet. Seit seinem ersten großen Wahlsieg im April 2004 blieb er fünf Jahre unangefochten der beliebteste griechische Politiker, mit großem Vorsprung vor Oppositionsführer Giorgos Papandreou.
Karamanlis' Entscheidungsschwäche ist in Griechenland häufig ...   Karamanlis' Entscheidungsschwäche ist in Griechenland häufig Gesprächsthema
Das lag auch daran, dass die Griechen einem Mann, der keinerlei Ehrgeiz ausstrahlt, auch keine Gaunereien zutrauen. Von den Korruptionsvorwürfen, die viele Mitglieder seiner Regierung zu Fall brachten, blieb Karamanlis völlig unberührt. Über derartige Verdächtigungen erhebt ihn schon sein Name, der ihn fast automatisch für hohe politische Posten qualifiziert. So ist es keine Legende, dass ihn die ND-Partei nach ihrer Wahlniederlage von 1996 nur deshalb zum Parteivorsitzenden wählte, weil er als Neffe des legendären Patriarchen Konstantinos Karamanlis einen mutmachenden und vertrauenerweckenden Namen trägt. Zwar wurde der promovierte Jurist deshalb anfangs von vielen unterschätzt. Doch seit seinem Wahlsieg von 2004 war er nicht mehr "der Neffe", sondern der große Hoffnungsträger der Konservativen, der die Partei erfolgreich in der politischen Mitte verortet.
Die flächendeckenden Waldbrände vom Sommer 2007, bei denen Karamanlis wieder den Zauderer gab, erwiesen sich im Rückblick als der Anfang vom Ende einer fast mühelos erscheinenden Karriere. Zwar konnte er die Wahlen im September noch knapp gewinnen. Aber seine Partei verfügt im Parlament nur noch über eine hauchdünne absolute Mehrheit. Das paralysiert die Regierung, die damit von jedem einzelnen Abgeordneten erpressbar ist.
Inzwischen liegt die oppositionelle Pasok bei den Meinungsumfragen deutlich vorn, und die Popularität von Karamanlis ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Sein Rücktritt wäre angesichts der Zustände auf Griechenlands Straßen und am Beginn einer tiefgehenden ökonomischen Krise die einzig rationale Entscheidung, meinen viele Beobachter. Und Leute, die ihn besser kennen, gehen davon aus, dass der aktuelle Regierungschef gar nicht unglücklich wäre, wenn seine Stelle tatsächlich neu ausgeschrieben würde.
  • Aus der FTD vom 11.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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