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Merken   Drucken   08.07.2008, 21:01 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Marcus Brauchli - Der Überläufer

Marcus Brauchli ist Journalist durch und durch. Einst arbeitete er für eine Schülerzeitung, verdingte sich als freier Mitarbeiter der Agentur AP in New York - nun erklimmt er die Redaktionsspitze der "Washington Post". Auf diesem Posten kann er viel Einfluss ausüben, doch die Aufgaben, die ihn erwarten, sind immens. von Michael Gassmann
Das Washingtoner Blatt, das einst den Watergate-Skandal aufdeckte und allein dieses Jahr sechs Pulitzerpreise abräumte, hat wirtschaftlich schon rosigere Zeiten gesehen. Im ersten Quartal 2008 sanken
die Anzeigenumsätze des von der Graham-Familie kontrollierten Unternehmens um elf Prozent, der Aktienkurs fiel seit Jahresanfang um 27 Prozent, die Auflage schrumpfte seit 2006 um sieben Prozent auf 673.000 Exemplare. Zuwächse im Internetgeschäft können das bisher nicht kompensieren. Dazu kommt: Print und Online arbeiten nebeneinander her, nicht nur in zwei unterschiedlichen Tochterfirmen, sie sind auch räumlich getrennt. Während die Zeitungsredakteure in der Innenstadt residieren, arbeiten die Webredakteure auf der anderen Seite des Potomac in Arlington.
Marcus  Brauchli Marcus Brauchli, kurz in Diensten von Rupert ...   Marcus Brauchli Marcus Brauchli, kurz in Diensten von Rupert Murdoch, führt jetzt die "Post" ins Webzeitalter
Nun soll also der 47-jährige Brauchli die Integration vollbringen. Ausgerechnet er, ein Mann von außen. Erstmals in der Geschichte des Hauptstadtblatts darf ein Externer die Führung der Redaktion übernehmen - das kommt einer Revolution gleich. Immerhin, der Mann hat Erfahrung als Chefredakteur: Ein knappes Jahr leitete er die Redaktion des "Wall Street Journal".
Das US-Wirtschaftsblatt verließ Brauchli  vier Monate nach der Übernahme durch den Medientycoon Rupert Murdoch  - gegen eine Abfindung von 3 bis 5 Mio. $, wie die "Washington Post" berichtete. Von Ex-Kollegen erhält Brauchli Schelte, sie kritisieren ihn dafür, dass er sich Murdochs Einflussnahme nicht entschiedener widersetzt habe. "Er hat den leichten Weg gewählt", sagte Dean Starkman, ein Ex-"Journal"-Reporter. Rückendeckung erhält Brauchli aber von seiner neuen Herausgeberin, Katharine Weymouth.
Auch Weymouth steht für einen Generationswechsel. Die 42-Jährige ist erst seit Februar im Amt. Sie hat Brauchli angeheuert, damit er das ehrwürdige Blatt mit Gründungsdatum 1877 ins Webzeitalter steuert. "Marcus hat die Fähigkeit, strategisch zu denken", lobt sie den neuen Mann.
Brauchli soll nach ihren Worten beide Welten verzahnen. Der neue Chefredakteur selbst sagt: "Mein Mantra war immer, dass wir nicht durch das Medium definiert sind, sondern durch die Art, in der wir Journalismus betreiben."
In seiner neuen Funktion wird Brauchli auch vermehrt auf einen ehemaligen Studienkollegen von der New Yorker Columbia University treffen: Barack Obama .
  • Aus der FTD vom 09.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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