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Merken   Drucken   04.12.2008, 21:53 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Sarkozys Guru

Seit der Finanzkrise hat Henri Guaino mehr denn je das Sagen über den Kurs des französischen Präsidenten. Der Anti-Europäer, Linksgaullist und Spezialist für patriotische Wohlfühlreden ist der Kopf hinter Sarkozys jüngstem Konjunkturplan. von Lutz Meier
Manchmal entdeckt man ihn im Dunklen. Oft steht Henri Guaino in einem schattigen Winkel, wenn Nicolas Sarkozy eine seiner Reden vorträgt. Wahrscheinlich prüft er, ob der Zauber wirkt. Wer weiß das schon, wenn der Mann im Dunkeln steht, die Arme verschränkt, die Mundwinkel nur leicht hebt? Die Reden, die Henri Guaino dem Präsidenten schreibt, zählen zu den stärksten Waffen Sarkozys. Selten verfehlen die Worte von Zusammenhalt und großen Werten, von historischer Pflicht und Identität ihre Wirkung. Guaino, offiziell "Spezialberater" im Élysée, inoffiziell "die Feder des Präsidenten", hat den flatterhaften Politiker geerdet, den Filou versteckt, den Staatsmann entworfen. Es gibt Leute, die sagen, Sarkozy habe wegen Guaino die Wahl gewonnen.
Gestern waren wieder Guaino-Sätze dabei, als der Präsident sein 26-Mrd.-Euro-Ausgabenprogramm umriss. "Die Welt, die morgen aus der Krise hervorgeht, wird von Grund auf eine andere sein", sagte er. "Ein neuer Ausgleich zwischen Staat und Markt, zwischen Kapital und Arbeit, dem Kurzfristigen und Langfristigen." Die Verkündung historischer Wendepunkte, der entschlossene Wille zur Versöhnung aller welthistorischen Gegensätze, der hohe Ton dessen, der der Geschichte eine Richtung gibt, statt auf sie zu reagieren: Das hat Sarkozy von Guaino. Seit der Finanzkrise bedient sich Sarkozy mehr denn je bei dem Mann, den das Magazin "Nouvel Observateur" als "Sarkos Guru" bezeichnet.
Henri Guaino   Henri Guaino
Dabei geht es nicht um schöne Worte. Guaino ist ein Ideologe durch und durch. Er hasst den Liberalismus (und die Liberalen in der Regierung hassen ihn). Er will der Republik de Gaulles eine neue Identität geben, über Europa spricht er mit Verachtung. Den EU-Vertrag von Maastricht hat Guaino bekämpft, er dürfte dessen heutige Aufweichung als Triumph sehen. Es ist seine Idee von der Rolle des Staates als Lenker der Wirtschaft, die Sarkozy gestern vertrat. "20 Jahre habe ich von diesen Dingen geredet", jubelte Guaino, als die Krise nun das Thema aufbrachte. Der Mann aus Arles, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und Wirtschaftspolitik studiert hat, ist Etatist, ein Linksgaullist alter Schule, der auch Benachteiligten geben will. Als Wirtschaftspolitiker ist er ein glasklarer Nationalist. Vor allem aber: ein Überzeugungstäter.
Das ist es wohl, was Sarkozy an den 51-Jährigen bindet. Sarkozy ist ideologisch geschmeidig. Aber er bewundert Menschen, die eine Haltung haben. Die Schriftstellerin Yasmina Reza, die ihm im Wahlkampf folgen durfte, schildert die zwei als ungleiches Paar, Sarkozy als Abhängigen von Guainos Geist. "Ich brauche Leute wie ihn", zitiert sie Sarkozy.
Guainos Status war nicht immer so unbestritten wie jetzt. Bei der Mittelmeerunion, die er für Sarkozy umsetzen sollte, scheiterte Guaino mit seinem anti-europäischen Konzept. In Afrika ließ er den Präsidenten eine Rede halten, die Sarkozy als Erbe des französischen Kolonialismus erscheinen ließ - zu dessen Missvergnügen. Guainos Stern sank.
Das ist nun vergessen. "Ein Wendepunkt der Geschichte", stellte Guaino fest, als die Finanzkrise aufzog. Auch seiner eigenen.
  • Aus der FTD vom 05.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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