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Merken   Drucken   26.01.2009, 11:59 Schriftgröße: AAA

Milliardenbetrug bei Société Générale: Erst kam Kerviel, dann kam es schlimmer

Fast am Anfang der Finanzkrise stand Jérôme Kerviel - jener Aktienhändler, der die französische Großbank Société Générale 5 Mrd. Euro kostete. Nun, wo die Untersuchung fast beendet ist, sieht sich der Franzose als erstes Opfer der Turbulenzen. von Lutz Meier (Paris)
Es gibt heute Leute bei der Großbank Société Générale , die sagen, es sei eine glückliche Fügung des Schicksals gewesen, dass die Affäre, die den Namen Jérôme Kerviels  trägt, aufgeflogen ist, kurz bevor die große Finanzkrise so richtig ausbrach. Natürlich sagt es keiner öffentlich. Aber wenn man den Verantwortlichen heute so zuhört, kann man schon zu dem Schluss kommen, dass die Société Générale deswegen vorerst so glimpflich davon gekommen ist, weil später die Subprime-Krise kam, die Pleiten und Beinahepleiten und die Milliarden vom Staat.
Wenn alles gut geht, wird die Société Générale in den kommenden Wochen weitere 1,7 Mrd. Euro aus der Bankenhilfe der französischen Regierung in Anspruch nehmen. Akute Liquiditätsprobleme hat die Bank dann vorerst keine. Für das abgelaufene Jahr rechnet sie mit einem Nettogewinn von 2 Mrd. Euro. Trotz Kerviel und Bankenkrise kann man sagen, dass die Bank, in der alles stattfand, heute besser dasteht als vor einem Jahr.
Damals sprach die Branche noch über die immensen Verluste der Société Générale. Jetzt spricht sie über die Hunderte von Milliarden, die der Bankensektor vernichtet hat. Vor einem Jahr fragten Politiker und Kritiker noch nach den Kontrollen bei der Société Générale. Jetzt fragen sie nach den Kontrollen der Finanzbranche. Plötzlich sieht die Affäre nicht mehr aus wie das Resultat des schweren Versagens einer einzelnen Bank - sondern wie ein Beispiel für die vielen Exzesse einer pflichtvergessenen Branche.
Jérôme Kerviel (r.) mit seinem Anwalt nach einer Anhörung bei ...   Jérôme Kerviel (r.) mit seinem Anwalt nach einer Anhörung bei den für Finanzstrafsachen zuständigen Untersuchungsrichtern
Zwar hat die Société Générale durch die unautorisierten Wertpapiergeschäfte ihres Händlers Kerviel fast 5 Mrd. Euro verloren, was die Bank geschwächt hat. Aber rasch erwischte es auch die Konkurrenten. Nur kurze Zeit wurde die Société Générale nach der Affäre als Übernahmekandidat gehandelt. Jetzt nicht mehr. Die Abschreibungen der Société Générale infolge der Finanzkrise sind höher als die Kerviel-Milliarden. Die Bank gehört zusammen mit Crédit Agricole zu den am meisten betroffenen Banken im Land.
Dennoch scheint sie durch die Finanzkrise vorerst immunisiert. Die Übernahmegerüchte hat sie überwunden, die Rücktrittsforderungen des Staatspräsidenten gegen Bankchef Daniel Bouton ausgesessen. Zwar zog sich Bouton einige Monate nach der Affäre auf den Posten des Verwaltungsratschefs zurück, dort redet er aber bis heute kräftig mit. Frédéric Oudéa, der neue Société-Générale-Chef, predigt gleichzeitig bei jedem Auftritt den Neuanfang.
Hinzu kommt, dass die Kerviel-Affäre die Société Générale zwang, frühzeitig neues Kapital aufzunehmen. Daher konnte die Bank ihre neuen Aktien im Februar noch zu einem Preis am Kapitalmarkt verkaufen, der rückblickend recht hoch erscheint. Anders zum Beispiel als die Investmentbank Natixis, die nach Verlusten neue Aktien geradezu verschleudern musste. Anders womöglich auch als der Erzkonkurrent BNP Paribas, der nach der Kerviel-Affäre Gefallen an einer Übernahme der Société Générale signalisierte.

Teil 2: Welche Strategie Kerviel verfolgte

  • Aus der FTD vom 26.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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