Die Geschäftsidee ist genial – aber das reicht noch lange nicht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. In unserer Serie zeigen wir, was Existenzgründer beachten müssen, wo die größten Aufgaben und die bösesten Fallen liegen.
Beim Zahnarzt kommen so manchem die tollsten Ideen: Schnell wegrennen etwa, oder aber ein Unternehmen gründen. So war es bei Rüdger Rubbert. Er war nicht begeistert von der Brücke, die ihm der Arzt mit einem komplizierten Eingriff über die Zähne spannte. Da kam ihm die Idee: Wenn der Zahn schon verloren ist, warum kann man ihn nicht samt Wurzel nachbauen und als naturnahes Implantat einsetzen? 2006 meldete Rubbert das Patent an, bekam aber Probleme, als er Investoren anzuwerben versuchte: "Die Nachfrage für Frühphasenkapital ist sehr hoch. Die Suche bindet viele Kapazitäten", erzählt er.
Es war der High-Tech Gründerfonds, der Rubbert rettete. In diesen Topf zahlen das Bundeswirtschaftsministerium, die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und diverse Großunternehmen ein. Bis zu 500.000 Euro Beteiligungskapital können junge Technologieunternehmen bekommen. Zusätzlich machte die staatliche Investitionsbank Berlin Geld locker, so kam Rubbert auf rund 1 Mio. Euro für den Start. 2009 eröffnete er Natural Dental Implants.
Kaum ein Land tut so viel für Existenzgründer wie Deutschland. Das haben Forscher der Universität Hannover und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit festgestellt, und zwar im "Global Entrepreneurship Monitor" von 2011. Die Studie beruht auf 155.000 Telefonbefragungen und auf Experteninterviews aus 49 Ländern. Bei den öffentlichen Förderprogrammen für Existenzgründer schnitten nur fünf von 18 vergleichbaren Industrieländern ähnlich gut ab wie die Bundesrepublik. Allerdings: Bei der Transparenz der Fördermittel sahen die Experten noch Spielraum nach oben. Wer hier durchblicken will, braucht gute Vorbereitung und einen kompetenten Berater.
Olaf Sprinz, Existenzgründerberater in Berlin, redet mit seinen Kunden immer zuerst über ihre Idee, nicht übers Geld. Bei der großen Auswahl an Fördermöglichkeiten bestehe die Gefahr, dass Gründer mehr sammeln, als gut für sie ist: "Im schlimmsten Fall bauen sie ihre Firma nach den Mitteln auf. Ich kannte ein Unternehmen, das hat 40 Mitarbeiter eingestellt, nur weil Geld da war. Das hat den Betrieb ruiniert." Auch Frank Heyduck, Existenzgründerberater im brandenburgischen Strausberg, rät zur Zurückhaltung: "Erstmal sollte klar sein: Was brauche ich eigentlich? Muss ich mir einen Transporter kaufen, oder kann ich einfach einen mieten, wenn ich ihn brauche?"
Im nächsten Schritt geht es an den Businessplan; den verlangt quasi jeder Geldgeber. Die Förderbank KfW empfiehlt angehenden Unternehmern, ihn selbst zu schreiben und sich dabei mit Investitions-, Finanzierungs- und Liquiditätsplan sowie der Umsatz- und Ertragsvorschau auseinanderzusetzen: "Lassen Sie den Businessplan von einem Berater der Kammer oder einem Steuerberater oder Unternehmensberater optimieren." Ähnlich unüberschaubar wie das Angebot der Fördertöpfe ist allerdings auch das der Berater. Eine Orientierung bietet die Onlineberaterbörse der KfW. Und: Sogar für die professionelle Hilfe gibt der Staat Geld - beim Programm "Gründercoaching Deutschland" übernimmt der Europäische Sozialfonds zwischen 50 und 90 Prozent der Kosten.
Der dritte Schritt bei der Beratung gilt der Frage: Welche Art von Kapital ist geeignet? Wer ein Technologieunternehmen gründen will, braucht oft große Summen. "Da kann Beteiligungskapital mit staatlicher Unterstützung sinnvoll sein", sagt Berater Sprinz. Der High-Tech Gründerfonds investiert direkt in Unternehmen. Die KfW unterstützt Gründer indirekt bei der Investorensuche: Bei ihrem ERP-Beteiligungsprogramm erhält der private Kapitalgeber einen Kredit, um seine Beteiligung zu refinanzieren. Bis zu 5 Mio. Euro können Technologieunternehmen aus dem ERP-Startfonds bekommen, wenn sie einen Leadinvestor haben. Das Geld stammt noch aus dem Marshallplan, deshalb die Abkürzung ERP (European Recovery Program). Viele Landesförderbanken bieten ähnliche Programme an. Gründungen an Hochschulen unterstützt das bundesweite Stipendienprogramm "Exist".
Wer dagegen wenig Geld braucht, wird sich eher nach einem Darlehen umschauen. Doch da bleibt es für viele Jungunternehmer leider beim Schauen, sagt Gründerberater Heyduck: "Als Neugründer kann ich noch nicht nachweisen, wie mein Geschäft läuft. Da ist es schwierig, eine Bank zu überzeugen." Wer könne, solle schon erste Aufträge vorlegen.
Wenn die Hausbank das Risiko dennoch scheut, springt die KfW mit ihrem Startgeld ein: Sie nimmt den Banken 80 Prozent der Haftung ab für den Fall, dass der Kreditnehmer nicht zurückzahlen kann. "Auch die Zinsen der KfW sind fantastisch", schwärmt Sprinz. Allerdings mahnt er auch: "Ob die Zinsen bei zwei, drei oder vier Prozent liegen, sollte bei einer technisch-innovativen Gründung nicht entscheidend sein. So knapp darf man nicht kalkulieren." Wichtiger sei, dass der Zinssatz verlässlich sei, am besten über die gesamte Laufzeit festgeschrieben - bei der Förderbank sind es fünf bis zehn Jahre.
Trotzdem bekommt nicht jeder Geld von der KfW. "Das größte Hindernis ist das Hausbankprinzip", sagt Sprinz. Wenn der Bankberater nicht überzeugt ist, leitet er den Antrag nicht an die KfW weiter. Und selbst wenn er ihn weitergibt, ist das noch keine Garantie: Rico Stockmann, ehemaliger Soldat, will sich in Märkisch-Oderland mit einem Outdoorladen selbstständig machen, mit Kletterseilen, Stiefeln, Spezialkleidung. Er beantragte 50.000 Euro Startgeld - vergeblich.
Die KfW habe bei ihm kaufmännische Erfahrung vermisst, sagt er. Ihn ärgert, dass er nicht persönlich mit den Entscheidern dort reden konnte: "Wenn sie sich meinen Businessplan genau angeschaut hätten, hätten sie gesehen, dass ich viel Erfahrung habe." Stockmann war fünf Jahre bei Wind und Wetter im Auslandseinsatz; in seiner Freizeit geht er klettern, viele ehemalige Kameraden legen Wert auf gute Stiefel und haben schon bei ihm vorbestellt. "Ich lasse mich von meiner Idee nicht abbringen", sagt er. Er fragte nochmal direkt seine Bank und bekam prompt ein Darlehen über 20.000 Euro. Damit kann er wenigstens schon einmal einen Onlineshop eröffnen.
Wer bei einer normalen Bank keine Chance hat, weil Sicherheiten fehlen oder die geringe Kreditsumme das Geldinstitut nicht reizt, für den kann ein Mikrodarlehen eine Alternative sein. Finanzinstitute wie die Mikrofinanzagentur Thüringen oder Minerva Mikrokredit beraten Gründer profund; der Staat sichert die Darlehen über den Mikrokreditfonds Deutschland ab. Oft sind die Konditionen flexibel; die Kreditnehmer können ohne Aufpreis vorzeitig tilgen. Das Modell könnte vielen passen: 80 Prozent der Gründer mit externem Finanzbedarf brauchen nach Erfahrung der KfW weniger als 25.000 Euro.
Das gilt meist auch für jene, die zuvor arbeitslos waren. Arbeitslosengeld-I-Empfänger können einen Gründungszuschuss bekommen. Das ist jedoch seit diesem Jahr schwieriger als früher: Nur wer nicht in eine Festanstellung vermittelt werden kann, hat eine Chance. Auch wer Arbeitslosengeld II bekommt, muss zunächst seinen Vermittler überzeugen, dass er ihm das Einstiegsgeld auszahlt.
Egal, welche staatlichen Mittel Jungunternehmer anzapfen - das Ziel sollte sein, bald ohne sie auszukommen. Bei Rubbert hat es geklappt. Inzwischen sind seine Zahlen so gut, dass er Business-Angels und einen Wagniskapitalfonds ins Boot holen konnte. Der Zahnarztbesuch hat sich für ihn eindeutig gelohnt.