Kürzlich bin ich mit Ryanair geflogen. Es war kein Vergnügen. Abflug war in Frankfurt-Hahn, einem Flughafen, der seinen Namen nicht verdient, da er, wie Kenner wissen, 125 Kilometer von der Main-Metropole entfernt ist. Entsprechend schwierig ist es, dort hinzukommen. Hat man das geschafft (in meinem Fall durch eine einstündige Busfahrt von Koblenz aus), erwarten einen ein containerartiges Terminal und ein Fußmarsch zum Flieger. Dessen Interieur ist so hässlich, dass es Absicht sein muss, denn aus ästhetischen Gründen kann niemand auf die Idee kommen, Passagiersitze in zitronengelbem Plastik gestalten zu lassen. Der Kaffee an Bord war scheußlich und kostete drei Euro. Als ich einige Stunden später in Marrakesch ankam, war ich heilfroh, die Tortur überstanden zu haben. Jedoch: Der Flug hat mich nur 59 Euro gekostet.
Kürzlich war ich im neuen Apple-Store in Hamburg. Es war himmlisch. Seine Lage direkt am Jungfernstieg ist ebenso großartig wie das Interieur, ein Designertempel für Designerelektronik. Von einem Genie oder Genius, wie Apple seine Verkaufsberater nennt, bin ich in die Wunder des neuen iPads eingeführt worden. Als ich meinem Genie erzählte, dass das Gerät ein Geschenk an meine Frau werden solle, meinte er, sie könne damit jederzeit zurückkommen, um es zu konfigurieren. Als ich den edlen Tischcomputer, verpackt wie ein Schmuckstück, ins Freie führte, fühlte ich mich stolz und zufrieden, obwohl ich eben um 699 Euro erleichtert wurde.
Ob Auftritt, Preisgestaltung, Geschäftsgebaren oder Tätigkeitsfeld - die irische Fluggesellschaft und der kalifornische Computerkonzern wirken wie zwei Gegenpole. Hier billigste Flüge, dort teuerste Designelektronik, Trash versus Stil, Marktschreier kontra Trendsetter. Doch so unterschiedlich die beiden Unternehmen erscheinen mögen, so ähnlich sind sie sich im Kern: Beide Konzerne sind aus Geschäftskonzepten gewachsen, die sich nicht im Geringsten um die Launen und Befindlichkeiten einzelner Konsumenten kümmern.
Bei Ryanair ist das offensichtlich - schon bei der Buchung. Die Website ist erkennbar designfrei, wer nicht schnell genug bucht, fliegt raus und muss sich noch einmal anmelden. Jede noch so kleine Dienstleistung kostet etwas, von der Zusendung der Flugbestätigung per SMS und dem Online-Checkin über das Aufgeben eines Gepäckstücks bis hin zum bevorzugten Einlass in die Maschine und der Sitzplatzreservierung. Klare Botschaft an die Konsumenten: Wenn Du mehr haben möchtest, bezahle. Wenn Dir das nicht passt, verschwinde. Selten war ich so darauf bedacht, alles richtig zu machen wie bei der Buchung meines Ryanair-Fluges. Ein falsches Datum, ein fehlender Ticketausdruck, Gepäckübergewicht - ich wusste, dass alles böse bestraft werden würde, im besten Fall mit Aufzahlung, im schlimmsten mit Zurückgelassen werden.
Während es bei Ryanair Furcht ist, die den Verbraucher völlig gleichschaltet, ist es bei Apple Faszination. Wer hier kauft, wähnt sich sicher, das derzeit Edelste und Beste seiner Art zu bekommen, benutzerfreundlich bis zum Exzess, perfekt in Design und Verarbeitung. Deshalb verzeiht er, dass es hier so gut wie keine Auswahl gibt, weder in Form noch Farbe. Scherzte Henry Ford einst, dass sein T-Modell in jeder Farbe erhältlich sei solange es Schwarz ist, haben sich Steve Jobs und sein Kumpanen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entschlossen, ihre Produkte millionenfach in weiß strahlen zu lassen. Auf die Idee gekommen, bei der Produktentwicklung potenzielle Kunden zu befragen, sind sie sowieso nie.
Wer etwas Gottgleiches schaffen will, darf sich nicht an der durchschnittlichen Meinung der Menschheit orientieren. Die soll lieber dankbar sein, für die Wunder aus Apples Laboren - und fleißig kaufen. Dass sie das in den schicksten Läden der Neuzeit können und dort von versierter Beratung übermannt werden, ist auch nicht aus Kundenfeedback erwachsen, sondern Jobs' Vision eines neuen Einkaufserlebnisses. Das lässt sich Apple allerdings bezahlen. Im gesamten Einzelhandel sind die Quadratmeterumsätze nirgendwo so hoch wie in den Apple-Stores.
Teil 2: Kunden sind lästig - mit Verlaub