FTD.de » Karriere » Gründung » Musikfernsehen, Klappe die zweite!
Merken   Drucken   09.08.2012, 11:59 Schriftgröße: AAA

Tape.tv: Musikfernsehen, Klappe die zweite!

MTV und Viva sind tot, es lebe das Social Web: Die Gründer der Online-Videoplattform Tape.tv vermarkten ihre Idee als Musikfernsehen der Zukunft. Mit seinem Wunschprogramm will das Berliner Startup in Europa expandieren.
von Malte Brenneisen
Tape.tv-Gründer Stephanie Renner und Conrad Fritzsch   Tape.tv-Gründer Stephanie Renner und Conrad Fritzsch

Tape.tv im Überblick
Gründung der GmbH: Januar 2008
Geschäftsstart: Juli 2008
Produkt: Online-Musikfernsehen

"Dieses Jahr will ich 'ne richtig fette Sau!", schwärmt Tape.tv-Mitgründerin Stephanie Renner. Es ist eine Anspielung auf das jährliche Sommerfest für Mitarbeiter und Gäste aus der Musikszene, bei dem traditionell ein Spanferkel gegrillt wird. Der Satz lässt sich jedoch auch anders verstehen: Der Online-Musikdienst will angreifen - und zwar bald. Bis zum Jahresende möchte das Gründerduo Stephanie Renner und Conrad Fritzsch internationales Musikfernsehen auf allen Kanälen machen. Aus dem Streaming-Dienst soll ein Hybridsender werden, der auch auf Smart-TVs, Tablet-Computern und Smartphones läuft.

Tape.tv Zu Besuch beim Musikströmer

Es ist der dritte "Tag des Schweins" für das junge Unternehmen, und der erste im neuen Unternehmenssitz. Was früher die australische Botschaft war, ist seit Oktober Tape.tv-Senderzentrale, ein dreistöckiger Betonklotz im Stil der Siebziger und mit 1600 Quadratmetern Bürofläche. Am bisherigen Gründerstandort in Weißensee war es zu eng geworden. Seit dem Ferkelschmaus im vergangenen Sommer wurden aus 50 Mitarbeitern mehr als 85. Risikokapitalgeber investierten im Mai weitere 5 Mio. Euro in das Unternehmen. Zu den Finanziers gehörten unter anderen StudiVZ-Mitgründer Dario Suter, Christophe Maire (Brands4Friends, Plazes), Atlantic Capital Partners und der VC Fonds Kreativwirtschaft der staatlichen Investitionsbank Berlin.

Sie alle investieren vor allem in das Konzept, klassische Ideen des Musikfernsehens mit dem Social Web zu verbinden. Bislang bietet Tape.tv kostenlos Musikvideos im Internet. Der erste Titel läuft, sobald der Besucher die Seite öffnet - als hätte er gerade den Fernseher angeschaltet. Allerdings weiß Tape.tv zu diesem Zeitpunkt oft schon, was der Zuschauer sehen möchte: Sobald der Zugriff auf andere Plattformen zugelassen wird, kombiniert Tape.tv soziale Referenzen, die beispielsweise durch Facebook-Likes oder abgespielte Musiktitel auf anderen Streaming-Seiten hinterlassen wurden, mit den Empfehlungen von Freunden und erstellt daraus den persönlichen Lieblingsmusik-Algorithmus. Ergänzt wird der Musik-Mix durch redaktionell aufbereitete Programminhalte - und natürlich durch die Funktionen einer normalen Video-Seite: Wer sich von Hand durch das Sound-Archiv wühlen möchte, kann Musikvideos per Eingabe suchen, Stimmungen einstellen sowie Titel "herzen" oder durch den Klick auf ein Minus zurück ins Archiv verbannen.

Wachstumsmarkt Streaming

Die eigentliche Vision der Gründer ist jedoch die geschmacksbasierte Unterhaltung, einfach, passgenau und auf Knopfdruck. "Tape.tv soll in Zukunft wie ein Restaurant sein, in dem der Kellner schon vor der Ankunft der Gäste weiß, was ihnen am besten schmeckt", sagt Geschäftsführer Fritzsch. Das aktuelle Buffet des Startups umfasst mehr als 45.000 Musikvideos und Eigenproduktionen - stets umzingelt und begleitet von einem Bouquet bunter Reklame.

Während insbesondere die Audiostream-Anbieter wie Spotify oder Deezer auf Abomodelle setzen, will Tape.tv weiterhin mit Werbung Geld machen. Mit dem dafür gegründeten Vermarkter Tape Media entwickelt das Team interaktive Werbemöglichkeiten in und um die Tape.tv-Videos. Fritzsch sagt: "Werbung darf nicht nerven und muss sich cool in unsere Formate einfügen". Mit cool einfügen meint er zum Beispiel interaktive Bannerwerbung, die das kassettengroße Videofenster umrahmt. Darüber können sich die Zuschauer etwa durch die "VW Beetle Tour" von Deutschrapper Samy Deluxe klicken - eine Konzertreihe, die exklusiv mit dem Autokonzern organisiert wurde. Für eine solche 360 Grad-Werbung veranschlagt der Vermarkter auf Anfrage einen Tausenderkontaktpreis von 25 Euro. Zum Vergleich: das entspricht dem Preis, den FTD.de für eine Skyscraper-Werbung verlangt. 2011 hat Tape.tv laut Fritzsch mit Bannerwerbung, Videospots und anderen Formaten Bruttowerbeerlöse in Höhe von 20 Mio. Euro erwirtschaftet. Der Begriff bezieht sich auf die Verkäufe von Werbung zu den Listenpreisen. Um auf den tatsächlichen Umsatz des Startups zu kommen, müssen allerdings die Rabatte eingerechnet werden, die bei großen TV-Sendern und vielen Websites oft bei über 50 Prozent liegen. Es ist folglich davon auszugehen, dass der tatsächliche Umsatz unter 10 Mio. Euro liegt. Fritzsch wollte sich zu den Umsatzzahlen nicht äußern.

Fest steht: Werbung rund um Streaming-Dienste ist ein Wachstumsmarkt. In Bezug auf das Musikgeschäft scheint es zudem im Moment so, als entwickele sich der neue Vertriebsweg zum Nachfolger von Schallplatte, CD und MP3. Fast 20 Prozent der Songs, die über deutsche Kopfhörer laufen, werden bereits mit Video und Audio-Streams empfangen - so lautet zumindest das Ergebnis der "Who eats Who"-Studie vom Bundesverband Musikindustrie, der in Kooperation mit dem Institut für Marketing und Medien der Universität Hamburg Anfang des Jahres Online-Nutzer befragte. Immer weniger Musikliebhaber wollen demnach ihre Musik selbst besitzen und sparen sich mit dem Abspielen im Netz den Platz im Regal oder auf der Festplatte. Erst wurde aus dem Plattenshop an der Ecke der virtuelle Musikladen iTunes, nun, mit wachsenden Internet-Bandbreiten, drängen Streaming-Dienste wie Simfy oder Lastfm.com auf den Markt.

Teil 2: Ein Werber macht Musikfernsehen

  • FTD.de, 09.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
Kommentar schreiben Pflichtfelder*




 

Fragen über die FTD Zum Abschied noch ein Quiz über uns

Die Quizze auf FTD.de waren so berüchtigt wie beliebt: Nie einfach, immer spaßig, oft ironisch, gelegentlich selbst für Experten unlösbar - am Ende selbstreferenziell. Viel Spaß!

An welchem Tag erschien die erste FTD?

Alle Tests

Der FTD-Comic des Tages
Alex vom 06.12.

Der Comic aus der FTD mehr

 



  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler