Das Problem Ich leite bei einem kleinen Mittelständler ein gut funktionierendes Team aus fünf Mitarbeitern. Alles Sachbearbeiter mit jahrelanger Erfahrung, wir kommen gut miteinander aus. Jetzt hatte ich für drei Monate einen jungen, aufgeweckten Praktikanten, der sich für unser Geschäft interessiert und sich binnen kürzester Zeit sehr gut eingearbeitet hat. Am liebsten hätte ich ihn direkt behalten. Mein Problem: Seit er weg ist, finde ich meine Mitarbeiter träge, unflexibel und anstrengend. Ich weiß, dass ich ihnen damit Unrecht tue, aber es gelingt mir nicht, mich zu konditionieren und die Zeit zurückzudrehen. Was tun?
Jessica, 39 J., Exportgeschäft
Annes Antwort Beim Lesen Ihrer E-Mail schoss mir das Bild einer etwas angestaubten Amtsstube durch den Kopf. Dunkles Mobiliar, alter, an den Türschwellen zertretener Teppich und auf den Tischen noch das eine oder andere grüne Telefon mit Wählscheibe. Mit gänzlich unaufgeregten Mitarbeitern, die seit Jahren eingespielt ihre Arbeit machen. Und plötzlich ist da ein knallgelber Ikea-Kollege, reißt die Fenster auf und lässt die Sonne rein. Wundert mich jetzt nicht, dass Sie seine Anwesenheit genossen haben.
Aber: Er ist weg und der Alltag zurück. Bildlich gesprochen könnten Sie jetzt natürlich einen groß angelegten Frühjahrsputz einleiten. Und gemeinsam mit Ihren Kollegen schauen, wie Sie frischen Wind in das Team kriegen. Vielleicht schaffen Sie es ja, den einen oder anderen zu begeistern, und es ändert sich etwas. Ich glaube allerdings eher, dass das ein für alle Beteiligten mühsames Unterfangen wird. Denn Ihre Mitarbeiter werden sich wahrscheinlich nur ein bisschen drehen, was Ihnen nicht reicht. Entsprechend bald wird Ihre schleichende Unzufriedenheit für alle zu spüren sein.
Sie könnten natürlich auch die gute Erfahrung direkt umsetzen und jemanden wie Ihren Praktikanten einstellen: einen Digital Native, mit dem Sie das Exportgeschäft 2.0 ausrufen. Geht das? Ich kann Ihr Geschäft nicht beurteilen, aber versuchen könnten Sie es ja mal!
Allerdings trifft das für mein Empfinden alles nicht den Kern. Es stellt sich vielmehr die Frage, wofür dieser junge Kollege mit seiner aufgeweckten Art eigentlich steht. Und welches Bedürfnis er bei Ihnen auslöst. Sie sagen, Ihr Team ist erfahren, aber heißt das bei genauer Betrachtung vielleicht auch "in die Jahre gekommen"? Außerdem schreiben Sie, Sie kommen gut miteinander aus - bedeutet das vielleicht auch, Sie leben friedlich und eher gelangweilt nebeneinanderher? Was ist es genau, wonach Sie sich sehnen? Vielleicht war der Kollege ein Bote, der Ihnen den Wunsch nach einer Veränderung gebracht hat. Heißt im Klartext: Setzen Sie sich doch mal ans Fenster, schauen Sie raus, und lassen Sie sich von den Gedanken überraschen, die Ihnen so durch den Kopf gehen. Ich bin gespannt, wohin die Sie tragen.
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