Als Asun Fernandez Cos vor einem Jahr nach Deutschland kam, konnte sie nur "Danke" sagen. Die Liebe hatte die 29-jährige Spanierin nach Hamburg gebracht, die Krise in ihrem Heimatland lässt sie nun bleiben. Fernandez Cos lernt Deutsch, sie will in der Hansestadt als Lehrerin arbeiten. Die Chancen stehen gut, sie hat ein Stipendium für einen Sprachkurs am Goethe-Institut und ihr Hochschuldiplom wird anerkannt. Die Liebe ist zwar weg, aber zurück nach Spanien will sie nicht. "Nein", sagt sie und schüttelt entschlossen den Kopf, "auf keinen Fall." Der Arbeitsmarkt, das tägliche Leben - alles sei in ihrer Heimat viel schwieriger geworden.
Der Zuzug von Menschen aus den Euro-Krisenstaaten sorgt derzeit für einen regelrechten Boom beim Deutschlernen. Ob in Spanien oder Italien, ob in Hamburg oder Schwäbisch-Hall - überall sind Sprachkurse ausgebucht. Das Goethe-Institut (GI) verzeichnet Rekordzahlen bei Deutschseminaren. Im vergangenen Jahr gab es in den weltweit 149 Instituten 234.587 Teilnehmer. Wichtigster Wachstumsmarkt: Südeuropa. Allein in Spanien schrieben sich im vergangenen Jahr 35 Prozent mehr Menschen für die Kurse ein, in Portugal waren es 20, in Italien 14 Prozent mehr. Und der Trend hält an.
Viele Institute müssen Räume anmieten, um mehr Kurse anbieten zu können. In Madrid wurden im vergangenen Jahr zehn neue Sprachlehrer eingestellt, weitere sollen folgen. Lehrbücher müssen nachgeordert werden. "Das Geschäft läuft prächtig", sagt der Direktor des Frankfurter Goethe-Instituts, Günther Schwinn-Zur, "mit Beginn der Euro-Krise ging es bei uns steil bergauf." Vor allem gut qualifizierte Leute würden kommen, Ingenieure, Ärzte, sogar Piloten waren schon da. "Die jungen Leute kommen nicht, weil sie Goethe und Schiller im Original lesen möchten, sondern weil sie im Beruf weiterkommen wollen", sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts.
Die Einrichtungen reagieren darauf und bieten in Kooperation mit den Außenhandelskammern verstärkt Sprachkurse in Kombination mit Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt sowie Betriebsbesichtigungen an. Auch maßgeschneiderte Firmenkurse sowie Spezialkurse für Ärzte oder Betriebswirte gibt es. Unternehmen, die ausländische Fachkräfte rekrutieren, zahlen häufig dafür.
So auch vier mittelständische Firmen aus Karlsruhe, die im April insgesamt sieben Spanier zu Praktika ins Badische eingeladen hatten. Die Unternehmen finanzierten Taschengeld, Sprachkurs und Unterkunft. "Am Anfang klappte es mit Händen, Füßen und ein bisschen Englisch, aber die wichtigen Begriffe haben sie dann sehr schnell gelernt", sagt etwa Bernd Bechtold, Inhaber eines Gebäudedienstleisters, der zwei Leute übernommen hat. Zwei Frankfurter Krankenhäuser zahlten in diesem Jahr acht jungen Portugiesinnen einen sechsmonatigen Sprachkurs am GI in Porto - um sie danach als Krankenschwestern nach Deutschland zu holen.
Deutsch lernen ist nicht günstig: Beim Goethe-Institut kostet ein vierwöchiger Intensivkurs mit täglich fünf Stunden Unterricht knapp 1000 Euro. Für das GI lohnt sich das Sprachenlernen daher auch finanziell. Die Einnahmen aus den Kursen sind gestiegen auf nunmehr 123 Mio. Euro, rund ein Drittel des Gesamtbudgets. Das Institut sieht sich jedoch nicht als Profiteur der Krise: "Wir begleiten die Menschen auf ihrem Weg zu neuen beruflichen Chancen", sagt Präsident Lehmann.
Auch die Volkshochschulen profitieren von dem Boom. "Wir verzeichnen eine ganz starke Nachfrage nach Deutschkursen", sagt der Direktor des VHS-Verbands, Ulrich Aengenvoort. Und die Klientel ändert sich: Es kommen "mehr junge, gut ausgebildete Leute, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen". Die VHS haben deshalb auch ihr Angebot an berufsbezogenen Deutschkursen ausgeweitet. Darin lernen die Teilnehmer, wie man sich bewirbt, und sie machen ein Praktikum.
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| Sprachvermögen In den meisten Ländern weltweit ist Englisch erste Fremdsprache. Doch immer mehr Menschen sprechen zusätzlich Deutsch. Nach einer Erhebung von 2010 lernen über 14 Millionen Menschen Deutsch. Heute dürften es deutlich mehr sein, denn das Interesse ist stark gestiegen. Allein die Goethe-Institute erhöhten die Zahl ihrer Sprachkurse von 15542 im Jahr 2010 auf 16805 für 2011. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 234587 Kursteilnehmer. |
Für das GI jedoch geht es nicht allein darum, arbeitssuchenden Spaniern zu helfen. Die Förderung der deutschen Sprache in der Welt gilt als wichtiges außenpolitisches Instrument, um zukünftige Spitzenkräfte an Deutschland zu binden und so auch den Wirtschaftsstandort zu stärken. Das Auswärtige Amt, das die Goethe-Institute maßgeblich finanziert, hat erkannt, dass deutsche Sprachkenntnisse der deutschen Wirtschaft helfen, ausländische Fachkräfte zu rekrutieren. Vor dem Hintergrund wurde beispielsweise das Programm "Unternehmen Deutsch" für französische Schüler aufgelegt. Sie erfahren dabei, wie deutsche Firmen aufgebaut sind, und erleben dann während eines zweiwöchigen Praktikums bei Miele, Volkswagen oder EADS , wie diese in der Praxis funktionieren.
Noch bis vor etwa zwei Jahren beklagten Außenexperten einen massiven Rückgang der Deutschlerner in der Welt. Die Sprache Goethes drohte von Englisch verdrängt zu werden. Im vergangenen Jahr erhielt das GI daher Sondermittel in Höhe von 8 Mio. Euro, um die "Bildungsoffensive Deutsche Sprache" zu starten. Seitdem werden sogenannte Deutschmobile durch Polen und Italien geschickt, Rapper traten in Russland auf, in sozialen Netzwerken kursieren Videos mit dem Superheld German.
Die Werbung zeigt Wirkung. Nicht nur im krisengeschüttelten Südeuropa erlebt die deutsche Sprache eine Renaissance - auch im Nahen und Fernen Osten. In Indien etwa werden in den nächsten fünf Jahren 1000 Schulen Deutsch als erste Fremdsprache anbieten. In zehn Jahren könnten eine Million indische Kinder Deutsch gelernt haben. Ein großes Potenzial für die deutsche Wirtschaft. "An Deutsch sprechenden indischen Fachkräften besteht schon jetzt großer Bedarf", sagt Michael Steiner, der deutsche Botschafter in Indien.
Doch der Boom stößt bereits an Grenzen: Es fehlen Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache. "Es gibt derzeit einen enormen Bedarf an Sprachlehrern", sagt Lehmann vom GI, "wir durchkämmen alle Fakultäten nach geeigneten Germanisten, um diese auszubilden, aber der Markt ist leer gefegt." Die Universitäten hätten in den vergangenen Jahren ihre Ausbildungskapazitäten zurückgefahren, wegen zu geringer Nachfrage. Das rächt sich nun. Das GI hat einen Fernlehrgang "Deutsch lehren lernen" aufgelegt. In Indien ist die Leiterin des Projekts "Deutsch an 1000 Schulen" fast schon verzweifelt auf der Suche nach 1000 Lehrern. Den Großteil rekrutiert sie aus Absolventen des Goethe-Instituts. Wenn Asun Fernandez Cos doch aus Hamburg nach Spanien zurückkehren würde, hätte sie immerhin beste Chancen als Deutschlehrerin.