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Mia Wong hat im Job stets mehrere Garnituren Bekleidung dabei. Regelmäßig wechselt die Tutorin zwischen ihren Stunden die Garderobe. "Ich versuche, nicht zweimal dasselbe Kleid im Unterricht zu tragen", sagt die Mittdreißigerin. Als es kürzlich doch passierte, sei sie prompt von einer Schülerin darauf angesprochen worden.
Wong ist Nachhilfelehrerin des Bildungsunternehmens King's Glory. Aber nicht irgendeine: Wong ist Startutorin, verehrt wie ein Popstar. Schüler wollen Autogramme von ihr und verfolgen zu Hunderten ihren Unterricht per Video, um von der angehimmelten Englischlehrerin zu lernen.
Nachhilfe ist in Hongkong ein ganz großes Geschäft. Vor einigen Jahren wurden die Umsätze des Sektors auf 500 Mio. Hongkong-Dollar geschätzt, rund 50 Mio. Euro. Seitdem sind neue Schulen dazugekommen, die etablierten weiter gewachsen. Mit Modern Education ist seit 2011 sogar das erste Nachhilfeunternehmen börsennotiert.
Zwar hat privater Zusatzunterricht durch Tutoren in ganz Asien lange Tradition. Doch in der 7-Millionen-Einwohner-Stadt Hongkong spielt er eine Sonderrolle: Nirgendwo sonst ist der Rummel um die Lehrer größer, profilieren sich Erzieher so sehr als Popstars. In Anzeigenkampagnen zeigen sie sich mal cool, mal autoritär, im Kostüm eines chinesischen Opernsängers oder in knappen Shorts mit kessem Lächeln. Der meiste Ruhm - und ein üppiges Gehalt - winkt denjenigen, denen es gelingt, Prüfungsfragen am besten vorherzusagen und ihren Schützlingen gute Noten zu sichern.
Wong, heute im eleganten schwarzen Hemdblusenkleid mit roten Pumps, unterrichtet für das King's Glory bis zu 500 Schüler gleichzeitig. Sie beschäftigt rund 100 Assistenten, die sie bei der Vorbereitung der Stunden, der Videoübertragung und während des Unterrichts unterstützen. Und sie begegnet einem in der ganzen Stadt: auf Plakatwänden, Doppeldeckerbussen und in ganzseitigen Zeitungsanzeigen.
"Der Trend hat in den vergangenen fünf Jahren richtig um sich gegriffen", sagt Mark Bray, Professor an der Universität Hongkong. Bray, der das Nachhilfephänomen in vielen Ländern untersucht hat, macht kulturelle Gründe für den Run auf die Tutoren aus. "Bildung wird in Asien seit Jahrhunderten ein sehr großer Wert zugemessen." Hinzu komme die Verunsicherung nach den wiederholten Umstrukturierungen des Bildungskanons in der Stadt seit der Rückübertragung Hongkongs an China 1997. Und schließlich mache sich Gruppenzwang breit. Schüler, die keine Nachhilfe bekommen, seien heute oft schon die Minderheit. Offizielle Zahlen fehlen, doch nach Schätzungen eines lokalen Wohltätigkeitsvereins von 2010 nehmen 72 Prozent der Schüler in Hongkong in den ersten Jahren der weiterführenden Schule an Tutorien teil. Zum Ende der Schulzeit sogar 85 Prozent. 1992 waren es nicht einmal halb so viele. Für die Schüler ein erheblicher Zeitaufwand, der 16-jährige Song Ho Yin etwa nimmt wöchentlich neun Stunden. "Über die Hälfte meiner Mitschüler machen das auch so", sagt er.
Erziehungswissenschaftler sehen den Trend kritisch: Das System fördere stupides Pauken statt lösungsorientiertes Lernen. Es binde die Schüler so stark ein, dass kaum Zeit für Freizeit bleibe. Und wegen der Kosten benachteilige es Kinder aus ärmeren Familien.
"Noch vor ein paar Jahren sind nur schwache Schüler zu uns gekommen", sagt CY Chan, Star-Physiktutor bei Cantab Education, einer weiteren Nachhilfeschule. "Heute dagegen nehmen fast alle Schüler Tutorien." Der 40-Jährige trägt ein lässiges Blumenhemd, darüber ein weißes Jackett. Ein Gürtel des französischen Luxuslabels Hermès gibt einen Hinweis darauf, wie gut das Geschäft für ihn läuft.
Tatsächlich ist das Geschäft ausgesprochen lukrativ. Im Monat kostet ein Kurs, einmal die Woche 75 bis 90 Minuten, rund 500 Hongkong-Dollar. "Das Anfangsgehalt liegt bei rund 20.000 Hongkong-Dollar im Monat", sagt Wong. "Doch manche von uns verdienen das Zehnfache, einige gar 100-mal so viel." Und damit meint sie wohl sich selbst.
| Schlaue Schüler |
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| Abgeschaut Das Bildungssystem funktioniert nach britischem Vorbild: Es gibt zwölf Jahre Schulpflicht. Mit dem Abschluss können die Schüler studieren. Die acht staatlichen Hochschulen schneiden in internationalen Rankings stets gut ab: Die Universität Hongkong gilt hinter der Universität Tokio sogar als die zweitbeste Uni Asiens. |
| Aufgespart Dabei investiert der Stadtstaat Hongkong gar nicht so viel Geld in Bildung: 2011 lag der Bildungsetat bei rund 5,9 Mrd. Hongkong-Dollar, das sind 3,9 Prozent des BIPs - der OECD-Durchschnitt liegt jedoch bei 5,9 Prozent. Das Land will zukünftig mehr investieren, um noch besser zu werden. |
| Ausgezeichnet Schon jetzt zählen Hongkongs Schüler zu den besten weltweit. In der letzten Pisa-Studie belegte das nicht OECD-Mitglied in Mathematik und Naturwissenschaften den dritten Platz und gehört neben Schanghai und Südkorea zu den Spitzenreitern Asiens. |