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Merken   Drucken   28.07.2012, 11:00 Schriftgröße: AAA

Blick ins Ausland - China: Ein Diplom für 25 Euro

Von Uhren bis Kleidung wird in China alles gefälscht - jetzt hat die Branche ein neues Geschäft entdeckt: Diplome und Doktortitel. Schon für 25 Euro basteln Profis falsche Abschlüsse, mit denen sich Lebensläufe aufpolieren lassen.
von Peking

Im Vergleich zu Karl-Theodor zu Guttenberg ist Tang Jun glimpflich davongekommen: 2010 wurde der ehemalige Präsident von Microsoft  China beschuldigt, seinen amerikanischen Doktortitel für 2595 Dollar gekauft zu haben. Doch selbst als er das im vergangenen Jahr einräumte, war seine Karriere nicht beendet. Er ist jetzt Chef des chinesischen Konglomerats New Huadu Industrial Group - und entschuldigt hat er sich bis heute nicht.

Das mag daran liegen, dass er in China reichlich Gesellschaft hat. Nach dem Skandal wurden etliche Schummler enttarnt: 200 Funktionäre, Manager und Universitätsprofessoren allein in den ersten fünf Monaten 2011. Der Schwarzmarkt für gefälschte Diplome boomt: Am Stadtrand Pekings lässt sich ein Abschluss schon für 200 Yuan (25 Euro) in einer halben Stunde basteln. Wer einen gefälschten Abschluss einer US-Uni haben will, muss aber bis zu 30.000 Dollar zahlen.

Das chinesische Bildungsministerium geht davon aus, dass sich mindestens 500.000 Chinesen mit gefälschten Diplomen schmücken - heimischen wie ausländischen. Im Land soll es mehr als 100 Fake-Hochschulen geben. Erst im April standen wieder neun Kleinkriminelle in Peking vor Gericht: Sie hatten Diplome nicht existierender amerikanischer Colleges an Manager verkauft. "Früher hatten wir gefälschte Zigaretten, gefälschte Kleidung und jetzt sind es gefälschte Diplome", sagt Zhou Xiaozheng von der Renmin University in Peking. "Leute, die schon ein hohes Level erreicht haben, wollen ihrer Position etwas Glanz verleihen und ihre politische Stellung sichern", sagt er. "Aber sie wollen keine drei Jahre für etwas verschwenden, was man mit etwas Geld bekommen kann."

Die Methoden für das Kopieren internationaler Abschlüsse sind besonders ausgefeilt. Manche Titelmühlen geben sich Namen, die existierenden angelsächsischen Unis ähneln, und betreiben Schein-Büros in Campusnähe von prestigeträchtigen chinesischen Unis. Microsoft-Manager Tang erwarb seinen PhD von der "Pacific Western University" - einer nicht akkreditierten Institution auf Hawaii, die keinerlei Veranstaltungen anbot und 2006 per Gerichtsbeschluss geschlossen wurde.


Das Pauksystem
Ausgebaut Bildung gilt in China als Schlüssel für den sozialen Aufstieg. Die Regierung hat deshalb das Hochschulsystem stark ausgebaut. Heute gibt es 2358 anerkannte Hochschulen, davon bieten 1112 vierjährige Bachelorstudiengänge an, sind also mit deutschen Hochschulen vergleichbar. Die übrigen entsprechen eher Berufsschulen.
Abgeschlossen Im Jahr 2010 gab es an Chinas Unis 14,2 Millionen Studenten; 2000 waren es noch 4,4. In diesem jahr werden voraussichtlich sieben Millionen junge Menschen einen Hochschulabschluss machen.
Aufgewertet Das Studiensystem gilt selbst im Land als schlecht, weil zu theorielastig. Vor zwei Jahren hat die Regierung daher einen Zehn-Jahres-Plan zur Reform des Bildungswesens verabschiedet. Die Qualität der Lehre soll verbessert, die Lehrmethoden moderner werden, und mehr Studenten sollen im Ausland studieren können.

Seit einigen Jahren geht die chinesische Regierung verschärft gegen die Betrüger vor. Bewerber auf Behördenjobs müssen elektronische Antibetrugssysteme passieren. Ausländische Prüfinstitutionen wie das National Recognition Information Centre (Naric) unterstützen dabei sowohl die chinesische Regierung als auch Unis, die ihren Namen schützen wollen.

Auch deutsche Hochschulen müssen sich immer wieder mit der Frage befassen, ob ein chinesisches Zeugnis echt ist oder nicht. "Mit der Einschätzung waren sie völlig überfordert", sagt Stefan Hase-Bergen, Leiter der Außenstelle Peking des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). "Manche haben die meisten Bewerbungen aus China einfach liegen gelassen." Der DAAD hat daraufhin mit dem Auswärtigen Amt in Peking eine akademische Prüfstelle eingerichtet. Seit 2001 nehmen deutsche Prüfer alle chinesischen Studienbewerber unter die Lupe. Nur bei etwa 60 Prozent der Bewerber wird die Studienberechtigung anerkannt.

In China selbst steigt der Druck zum Fälschen höherer Abschlüsse im gleichen Maße, wie die Absolventenzahl echter Hochschulen zunimmt und deren Berufschancen sinken. "In großen Städten bedeutet ein Bachelor-Abschluss derzeit nichts, vor allem für hohe Positionen", sagt Zhou. Mit der wachsenden Zahl von Chinesen, die im Ausland studiert haben, verlieren auch ausländische Diplome an Wert. "Wenn du in China vor 20 Jahren einen westlichen Abschluss hattest, warst du goldbeschichtet", sagt Ning Guan vom Naric. "Jetzt brauchst du mehr, um wettbewerbsfähig zu sein."

Zu diesen gewissen Extras zählt Berufserfahrung. Für chinesische Firmen sind praktische Erfahrungen mittlerweile wichtiger als die Hochschulbildung. Der Markt reagiert bereits, so Ning: "Der neue Trend ist das Fälschen von Berufsqualifizierungen und von Nachweisen für praktisches Training."

  • FTD.de, 28.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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