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Merken   Drucken   08.11.2012, 12:00 Schriftgröße: AAA

Business Schools: MBA-Coaching mit Sensoren auf dem Kopf

Kletterwand war gestern: Business-Schulen entwickeln immer ausgefallenere Techniken des Coachings. Ob mit Tagebuch oder mit Sensor auf dem Kopf - im Mittelpunkt steht die Persönlichkeitsentwicklung.
© Bild: 2012 FTD/Marek Haiduk
Kletterwand war gestern: Business-Schulen entwickeln immer ausgefallenere Techniken des Coachings. Ob mit Tagebuch oder mit Sensor auf dem Kopf - im Mittelpunkt steht die Persönlichkeitsentwicklung.
von Stefanie Helbig

Sich mit einem streitlustigen Schauspieler allein in einem Raum zu messen, mag schon Herausforderung genug sein. Doch das ist nicht alles: Stellen Sie sich vor, Sie trügen derweil einen kabellosen Sensor auf dem Kopf, der die elektrische Aktivität Ihres Gehirns misst. Im Nebenraum säße jemand, der Gehirnaktivität und Gesichtsausdrücke überwacht. Nebenbei würden Sie per Video aufgenommen. Die bloße Simulation eines Konflikts ist hier nicht gefragt - und Schummeln zwecklos.

Was ein bisschen klingt wie eine Mischung aus Verhör und Brainwashing-Experiment, ist glücklicherweise recht harmlos: Das beschriebene Szenario ist ein Coaching im Global Executive MBA-Programm der Handelshochschule Leipzig (HHL) in Kooperation mit der spanischen Escuela de Alta Dirección y Administración (EADA) in Barcelona. Mit dem Konzept will die Schule neue Wege in Sachen Persönlichkeitsentwicklung beschreiten. Dafür geht es mit den Teilnehmern in einen eigens eingerichteten Trainingsraum bei Barcelona.

"Coaching neu denken"

Coaching ist in Business-Schulen mittlerweile Usus. Es gibt Einzelgespräche und Gruppenübungen; auch an der Kletterwand sollen sich die Teilnehmer erproben, um Vertrauen zu erfahren. Beliebt sind zudem kreative Techniken wie das Aufmalen von persönlichen Zielen. Was EADA und HHL zusätzlich anbieten, geht aber in eine neue Richtung.

Die Teilnehmer gewöhnten sich schnell an den Sensor. Davon ist Steven Poelmans, Professor und Direktor des Coaching Competency Center an der EADA, überzeugt. Mit gutem Grund: Wenn jemand wenig Aufregung zeige, sehe er das in dessen Gehirnströmen. Durch die Videoaufzeichnungen können zudem selbst Mikroausdrücke des Gesichts, nicht willentlich steuerbare Zuckungen, ausgewertet werden.

"Wir müssen Coaching neu denken", sagt Poelmans. Er setzt auf die Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaften. Denn in deren Instituten liege noch viel zu viel Wissen ungenutzt in den Schubladen: "Wir müssen es aus den Laboren holen" - das ist Poelmans Mission. Deshalb hat er mit seiner Firma Workitout das Trainingsprogramm Neurocoachinglab entwickelt, das die Erkenntnisse der Hirnforscher mit dem Alltag in Unternehmen verbinden soll. Der Vorteil liegt für ihn auf der Hand: Die Bewertung baue auf objektiven Daten auf, der Fortschritt sei dementsprechend messbar.

Wertediskussion abseits vom Lehrbetrieb

Auch andere Schulen haben das Coaching weiter ausgebaut, wenn auch weniger futuristisch. An der WHU können sich EMBA-Studenten seit drei Jahren von einem Coach betreuen lassen. Drei Sessions werden pro Person angeboten, Klaus Dechet hat an allen teilgenommen. "Wir haben es uns in einer Wohnhütte bequem gemacht, Ofen an, Telefon aus, kein Wlan", erzählt er. Mit Blick auf Bäume habe er dann mit seinem Betreuer ethische wie philosophische Diskussionen geführt und Werte definiert, die ihm wichtig sind. "Das war in einigen Punkten schon eine Überraschung", sagt Dechet. Eine solch persönliche Auseinandersetzung mit sich selbst sei in einer Vorlesung schwierig.

In den folgenden zwei Blockhütten-Sessions hat er seine Berufspläne in dieses Wertesystem integriert und konkrete Schritte abgeleitet. "Es war gut, einen Sparringspartner zu haben, der seine eigene Erfahrung einbringt - einem aber auch den Spiegel vorhält", sagt Dechet. Unter anderem habe dies dem Ingenieur geholfen, sich neu zu orientieren.

Innovativ, aber vertraulich

Zuständig für die Sessions an der WHU ist Leadership Choices, ein externer Anbieter. Managing Director Karsten Drath ist selbst Alumnus der WHU: Vor zehn Jahren hat er seinen EMBA an der Schule abgeschlossen. Folglich kennt er die Schule aus beiden Perspektiven: als Teilnehmer und als Coach.

Vertrauter Einblick, formale Trennung - das Programm ist nicht zufällig so konstruiert: "Wir sind bewusst nicht Teil der WHU, auch um das Thema Vertraulichkeit hochzuhalten", sagt Drath. Davon ist das gesamte Verfahren geprägt: Jeder Student kann seinen Coach frei wählen; ein gemeinsames Dinner am Anfang des zweiten Jahres bietet Gelegenheit, einander kennenzulernen. Auf den Mentor, der zu ihm passen könnte, geht der Coachee in spe einfach persönlich zu. Alles weitere läuft unbürokratisch: Wann, wie und wo die Treffen stattfinden, welche Themen es sein sollen, all das macht das Duo unter sich aus. Nicht alle Studenten machen von dem Angebot Gebrauch: Die Teilnahme am Coaching ist freiwillig, und in einem sehr zeitintensiven EMBA-Studium neben dem Beruf verzichtet manch einer darauf, weitere Stunden zu investieren.

Selbstreflexion für Manager

Dabei kann eine individuelle Reflexion des Berufslebens eine handfeste Ergänzung zu den Hard Facts im Studium sein: "Dass man weiß, wie es geht, heißt noch nicht, dass man ein guter Unternehmer ist", sagt Drath. Dem pflichtet Poelmans bei: "Je größer unser innerer Beobachter, desto besser sind wir als Führungskraft." Volker Stößel, Director Media Relations der HHL, weiß, warum das Thema für manche trotzdem delikat ist: Die Teilnehmer sind gestandene Manager, bereits in der Persönlichkeit gereift. Da kann es schwerfallen, sich noch mal neu einzulassen.

Doch auf genau die Fähigkeit zur Selbstüberprüfung will Poelmans hinaus. "Das beste Feedback ist das, was man sich selber gibt", sagt er. Seine Daten sind schonungslos - Gelegenheit, um ehrlich zu sich zu sein.

Sensibilisierung und Weiterentwicklung

Auf neues Potenzial durch Selbstreflexion setzt auch der Essec & Mannheim Executive MBA. Im Kleingruppen-Coaching geht es auch darum, "mittels Testverfahren unterschiedliche Persönlichkeits- und Kommunikationstypen im Team zu identifizieren", erklärt Daniel Veit, akademischer Direktor des Essec & Mannheim Weekend Executive MBA. Zudem werden die Gruppenmitglieder sensibilisiert, diese Vielfalt der Charaktere und Arbeitsstile zu nutzen.

Darüber hinaus schreiben die Teilnehmer in Mannheim ein Tagebuch, dass sie - sofern sie denn wollen - am Ende des Programms ihrem Coach vorlegen können. Der bespricht mit ihnen weitere Entwicklungsschritte für die Zeit nach dem EMBA.

Die WHU geht sogar noch einen Schritt weiter: Nicht nur Manager sollen von den Methoden profitieren. Die Schule setzt auch in der eigenen Führungsetage Coaching ein. So können die WHU-Mitarbeiter sich gleichermaßen durch die Techniken entwickeln.

  • FTD.de, 08.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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