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Merken   Drucken   10.11.2012, 14:15 Schriftgröße: AAA

Chancen im Beruf: Kinder als Karrierekiller

Noch immer haben Mütter in Deutschland schlechtere Karrierechancen als Frauen ohne Kinder. Es liegt auch im Interesse der Unternehmen, das zu ändern.
von Raimund Wildner

Raimund Wildner ist Geschäftsführer des GfK Vereins und Professor für BWL und Statistik. Der GfK Verein ist eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Markt- und Sozialforschung und Mehrheitseigner des Marktforschungsunternehmens GfK.


Da steht die Gleichberechtigung von Männern und Frauen seit über 60 Jahren im Grundgesetz. Da gibt es seit mehr als sechs Jahren ein Gleichstellungsgesetz, das eine Benachteiligung von Frauen verbietet. Und doch sind Kinder noch immer das Karrierehindernis schlechthin - und das im Jahr 2012. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie "Leben & Arbeiten in Deutschland". Eines, das erschreckt.

Der Preis ist zu hoch - für alle Besonders trifft es Frauen, die kleine Kinder haben und keine Rundumbetreuung organisieren können. Auf einen privaten Termin kann man verzichten, wenn es der Job erfordert. Ein Kind kann nicht darauf verzichten, vom Hort oder von der Kita abgeholt zu werden. Beschäftigte mit betreuungsbedürftigen Kindern - egal ob Männer oder Frauen - erwarten deshalb zu Recht, pünktlich Feierabend machen zu dürfen. Viele verzichten auf den nächsten Karriereschritt, wenn der nur durch Mehrarbeit zu erreichen ist. Beides wird leicht als mangelndes Engagement ausgelegt. Was die Unzufriedenheit auf beiden Seiten noch erhöht.

Raimund Wildner   Raimund Wildner

Der Preis dafür ist zu hoch - und zwar für alle: Er ist zu hoch für die betroffenen Arbeitnehmer, die unter der ständigen Doppelbelastung leiden. Er ist aber auch zu hoch für die Arbeitgeber, denn Stress und Unzufriedenheit führen zu Fehlzeiten und schlechteren Arbeitsergebnissen. Und er ist zu hoch für unser Land, das Kinder braucht, wenn Wohlstand und soziale Sicherungssysteme erhalten werden sollen. Das heißt: Kinder und Karriere dürfen sich nicht gegenseitig ausschließen. Denn wir brauchen beides. Was also ist zu tun? Wir brauchen ElternförderungZunächst brauchen wir ein Bewusstsein dafür, wo das eigentliche Problem liegt. Bis heute wird vor allem über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen diskutiert. Das ist gut und wichtig, denn es gibt noch immer zu wenig Frauen in Führungspositionen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, dass die Trennlinie weniger zwischen Männer und Frauen verläuft, sondern zwischen denen, die sich um betreuungsbedürftige Kinder kümmern, und jenen, die es nicht tun. Es gibt alleinerziehende Väter, kinderlose Frauen, Partner, die sich die Erziehung teilen. Unsere Institutionen sind aber noch immer auf Frauenförderung zugeschnitten.

Viele Firmen und Gemeinden haben Frauenbeauftragte und Pläne zur Frauenförderung. Zeitgemäßer wären Elternförderung und Elternbeauftragte. Diese könnten sich dann zum Beispiel um die Öffnungszeiten von Kindergärten kümmern. Tagesstätten, die um 16 Uhr schließen, mögen eine gute Betreuung bieten, für den betreuenden Elternteil sind sie eine Karrierebremse. Ja, längere Öffnungszeiten kosten Geld. Aber eine verpasste Karriere ist für die Wirtschaft unter dem Strich teurer.

Auch in den Betrieben sind Elternbeauftragte sinnvoll. Natürlich kann es nicht darum gehen, Eltern bei der Vergabe von Positionen zu bevorzugen. Aber darum, ihnen die Chance zu geben, einen richtig guten Job zu machen. Und da könnten Arbeitgeber eine ganze Menge tun: Das beginnt bei Unterstützung und Beratung in der Kinderbetreuung, geht über Angebote für den Wiedereinstieg nach der Elternzeit bis zur Möglichkeit, Fach- und Führungspositionen in Teilzeit auszuüben.

Ja, Kinder sind schlecht für die Karriere. Das ist so, aber es müsste nicht so sein. Es gibt Wege, beides miteinander zu vereinbaren, wir sollten sie nutzen. Das ist gut für die Menschen, gut für die Unternehmen und gut für das Land. Und es ist letztlich auch eine Frage der Humanität.

  • FTD.de, 10.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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