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Merken   Drucken   20.05.2012, 11:00 Schriftgröße: AAA

Die teuren Fehler der Chefs: Lucy Kellaway - Patzen ist weniger anstrengend

Kommentar Gerade kleine Fehler können einen schnell den Chefsessel kosten - oder auch mal 2 Mrd. Dollar. Dennoch werden wir sie weiter begehen.
von Lucy Kellaway

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Scott Thompson ein kluger Mensch ist. Aber dennoch hat der ehemalige Yahoo-Chef etwas unglaublich Dämliches getan. Sich mit einem Abschluss in Computerwissenschaften und Buchhaltung zu brüsten, wenn man nur einen Abschluss in Buchhaltung hat, ist idiotisch.

Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin   Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin

Auch die Leute beim Getränkekonzern Diageo sind vermutlich nicht die Dümmsten. Aber dass sie sich kürzlich weigerten, einem kleinen Brauer einen ihm zustehenden Preis zu übergeben, war Schwachsinn erster Güte. Und die Banker von JP Morgan sind ganz entschieden clever, aber offenbar auch zu clever. "Fehler, Nachlässigkeiten, schlechtes Urteilsvermögen", wie Bankchef Jamie Dimon es nannte, haben zu 2 Mrd. Dollar Verlust geführt.

Fast immer sind es die dummen Kleinigkeiten, die uns den größten Ärger einbrocken. Es sind die Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie dämlich sind, sie aber trotzdem tun.

Der Psychologe Keith Stanovich von der Universität Toronto hat den Begriff "dysrationalia" - "Dysrationalie" - dafür geprägt, wenn kluge Menschen blödsinnige Fehler begehen. Er argumentiert, dass wir auf dämliche Irrtümer programmiert sind. Zum Teil liegt es daran, dass wir uns für besser halten, als wir sind. Außerdem suchen wir nach Beweisen, die unsere Meinung stützen. Und wir lassen uns leicht ablenken.

Ich muss nicht lange suchen, um zu begreifen, wie groß die Dummheit der Menschen sein kann. Erst vergangene Woche habe ich es geschafft, in einem Großraumbüro etwas Abfälliges über einen Kollegen zu sagen - während der Betreffende hinter mir stand. Mein Patzer war vergleichsweise belanglos, weil er technikfrei erfolgte, sodass insgesamt nur drei Personen beteiligt waren. Weil jetzt jeder online ist, werden selbst kleine Patzer gigantisch. Das Internet hat es viel leichter gemacht, den Fehler im Lebenslauf des Yahoo-Chefs aufzudecken und der Welt Gelegenheit zu geben, sich darüber aufzuregen.

Lernresistent beim E-Mail-Schreiben

E-Mails und SMS sind noch immer die schnellste Methode, sich wegen Belanglosigkeiten Mordsärger einzuhandeln. Auch wenn allen bewusst ist, dass man in einer E-Mail bei der Arbeit nur Dinge schreiben sollte, die der Rest der Welt ruhig erfahren kann, hält sich trotzdem nicht jeder daran.

Die Leute bei Goldman Sachs gehören zu den Cleversten überhaupt. Das hat den ehemaligen Händler Fabrice Tourre nicht davon abgehalten, in einer E-Mail zu prahlen, er habe sein Produkt aus "purer Lust an intellektueller Masturbation" entwickelt und der Markt sei zu blöd, es richtig zu bepreisen. Zuletzt war die Bank erneut in der Defensive und flöhte seine Mails nach denjenigen, die Kunden offenbar als "Muppets" bezeichnet haben.

Es geht nicht nur darum, dass wir nicht darauf achten, was wir schreiben - es geht auch darum, an wen. Zehn Jahre nach Erfindung der E-Mail haben wir noch immer nicht gelernt, die richtigen Empfänger in das Adressfeld einzutragen.

Vergangene Woche hat die Eastern Michigan University irrtümlich die gesamte Studentenschaft exmatrikuliert, weil eine an wenige gerichtete Botschaft an alle gesandt wurde. Die Leistungen würden nicht den Erwartungen entsprechen, deshalb betrachte man sich doch bitte als vor die Tür gesetzt, hieß es darin. Am selben Tag erhielt ich von meinem technisch versierten Sohn eine Mitteilung, die eigentlich an einen Freund gehen sollte: Seine Mutter, also ich, sei verrückt geworden.

Besteht denn überhaupt keine Aussicht auf Besserung? Fraglich, wenn Sie mich fragen. Vergangene Woche schwor ich hoch und heilig, nie wieder über Dritte herzuziehen, sofern ich nicht in einer schalldichten Kabine eingeschlossen sei. Aber ähnliche Schwüre habe ich Hunderte Male geschworen und genauso häufig gebrochen. Ich habe mir fachkundige Untersuchungen zu diesem Thema angesehen und die vorherrschende Meinung besagt, kleine Fehler lassen sich nur abstellen, wenn man begreift, warum man sie macht.

Andere kommen ja damit durch

Ich weiß, warum ich schlecht über andere rede: Um die Person zu erheitern, mit der ich rede, und weil ich gern sage, was ich denke. Ich kann auch verstehen, warum Menschen Lebensläufe verfälschen - nämlich um sich in ein besseres Licht zu rücken. Vor allem kann ich nachvollziehen, warum wir schlampig sind - es strengt deutlich weniger an, als gründlich zu sein. Am allereinfachsten zu begreifen ist, warum wir immer glauben, damit durchzukommen - weil es das letzte Mal funktioniert hat, weil es bei anderen geklappt hat und weil wir es glauben wollen.

All das habe ich seit Langem verinnerlicht. Mir ist aber auch klar, dass das nicht das Geringste daran ändert. Wenn ein Unternehmen glaubt, unsere "Dysrationalie" mit Regeln und Ethikkursen abstellen zu können, begeht es keinen kleinen Irrtum. Es ist vielmehr ein sehr großer Fehler.

Quelle: The Financial Times

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