Nichts deutete darauf hin, dass der junge Türke, der Anfang der 60er-Jahre nach Deutschland kam, die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen umkrempeln würde. Zunächst arbeitete Kadir Nurman vier Jahre bei Daimler am Fließband. Dann trieb ihn das Heimweh wieder in die Türkei zurück. Doch dort vermisste Nurman plötzlich das Leben in Deutschland. So packte er erneut seine Koffer und zog nach Westberlin. Aber anders als bei seiner ersten Ankunft fand er keinen Job. Deutschland steckte in der Wirtschaftskrise.
Zuerst versuchte Nurman sein Glück mit einem Restaurant. Ein Flop, denn seine Landsleute kochten lieber zu Hause, und bei den Deutschen kam die türkische Küche nicht an. Von einer Urlaubsreise in seine Heimat brachte Nurman schließlich eine neue Geschäftsidee mit: Dönerkebab, von einem senkrechten Drehspieß geschnittenes Grillfleisch - in Anatolien ein traditionelles Tellergericht.
In der Nähe des Bahnhofs Zoo eröffnete er 1972 mit dieser Idee einen neuen Laden. Wenige Monate zuvor hatte in München das erste McDonald's-Restaurant des Landes eröffnet. Die Ära des Fast Food begann. Der ideale Zeitpunkt, um einen neuen Imbiss auf den Markt zu bringen. Nurman grillte Kalb- und Rindfleisch am großen Spieß, füllte es in Berliner Schrippen, packte Zwiebeln dazu und ein bisschen grünen Salat, verkaufte das Ganze für 1,50 D-Mark.
Die Kunden waren skeptisch. Döner? Was ist das denn? Doch Nurman war vom Erfolgspotenzial der Idee überzeugt. Deutschland ist ein Land, in dem viel gearbeitet wird, glaubte er, die Menschen haben es immer eilig, da müsse auch das Essen schnell gehen. Andere Berliner Türken kopierten sein Konzept, statt Schrippen nahmen sie oft türkisches Fladenbrot, Salat und frisches Gemüse kamen dazu, Gewürze, verschiedene Saucen. In Kreuzberg eröffnete in den 70ern eine Dönerbude nach der anderen. Plötzlich rotierten an jeder Ecke die Fleischspieße.
Anfangs stellten die Imbissbesitzer ihre Döner noch selbst her, in den 80ern begann die Massenproduktion der kiloschweren Fleischkegel. Der einsetzende Preiskampf ließ den Döner vielfach zu einem Hackprodukt mutieren, deshalb stellte die Stadt Berlin eine "Verkehrsauffassung für das Fleischprodukt Dönerkebab" auf, nach der er maximal 60 Prozent Hack enthalten darf. Später legte auch das Deutsche Lebensmittelbuch Richtlinien fest.
Die BSE-Krise in den 90ern wurde zur Geburtsstunde des Geflügeldöners, später kamen auch Varianten mit Schafskäse sowie reine Gemüseversionen auf den Markt, der Döner nahm Ernährungstrends auf. Nur die Biowelle ging bisher an ihm vorbei, denn die Branche sieht keine Chance, dass die Kunden einen für Ökoware angemessenen Preis zahlen würden.
Der 78-jährige Nurman lebt noch immer in Berlin. Rückblickend bedauert der Rentner, dass er sich seine Erfindung nicht als Marke schützen ließ: "Dann wäre ich jetzt Millionär." Die neuen Kreationen lässt er übrigens nicht als Döner gelten. Er selbst isst nur die puristische Urversion.
Inzwischen hat sich sein Gericht zum beliebtesten Fast Food in Deutschland entwickelt - und ist ein Wirtschaftsfaktor geworden. Etwa 60.000 Menschen verdienen hierzulande mit Döner ihr Geld, es gibt 16.000 Grillbuden, Deutschland ist der größte Dönerexporteur der Welt. Der Gesamtumsatz der Branche liegt bei 3,5 Mrd. Euro.