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Merken   Drucken   20.09.2012, 14:53 Schriftgröße: AAA

Glencore-Chef Ivan Glasenberg: Ein Rohstoffmilliardär auf Minenjagd  

Er ist einer der mächtigsten Händler der Welt: Der scheue Multimilliardär Ivan Glasenberg will mit seiner Rohstofffirma Glencore den Minenkonzern Xstrata übernehmen. Nur die Scheichs können seinen Traum noch zum Platzen bringen.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk / Ym Yik
Premium Er ist einer der mächtigsten Händler der Welt: Der scheue Multimilliardär Ivan Glasenberg will mit seiner Rohstofffirma Glencore den Minenkonzern Xstrata übernehmen. Nur die Scheichs können seinen Traum noch zum Platzen bringen.
von , Hamburg und Mailand

Das Claridge's ist der richtige Ort für den Showdown. Seit über hundert Jahren verkehren in dem Londoner Luxushotel Glücksritter und Geschäftemacher aus aller Welt. Am Abend des 6. September trifft Ivan Glasenberg dort ein, der verschwiegene Chef des Schweizer Rohstoffhändlers Glencore . Tony Blair hat ihn nach London gebeten, damit er ein letztes Mal mit den Männern aus Katar verhandelt, die sich beharrlich weigern, ihm ihre Aktien am Minenbetreiber Xstrata  zu verkaufen. Als Vermittler soll Blair die Scheichs mit dem Rohstoffhändler versöhnen. Wie man hört, mit Erfolg: Glasenberg verspricht den Herrschern mehr Geld. Der Poker um den größten Deal des Jahres kann weitergehen.

Nachts um vier verlässt Glasenberg die Stadt wieder, am frühen Morgen bereits schwitzt der 55-Jährige auf dem Laufband im Fitnessraum der Firmenzentrale in Baar am Zuger See.

Vielleicht hat er in der Nacht seinen Nimbus als knallharter Verhandler zerstört, weil er nachgab. Vielleicht bewahrheitet sich aber auch nur, was einmal ein Geschäftspartner über ihn sagte: "Wenn du mit dem verhandelst, kannst du vielleicht einen relativ guten Deal abschließen. Aber am Ende weißt du, er wird gewinnen. Immer." Womöglich ist Glasenberg in jener Nacht sein Meisterstück gelungen: der entscheidende Schritt zur Erschaffung eines Rohstoffgiganten unter seiner Führung. Spätestens Montag wird er es wissen, dann läuft die Frist ab.

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Seit nun einem Jahrzehnt leitet Ivan Glasenberg das Unternehmen Glencore. Er ist in dieser Zeit zum mehrfachen Milliardär geworden - und Glencore zur absoluten Macht im internationalen Rohstoffhandel: 186 Mrd. Dollar Umsatz, 4,3 Mrd. Dollar Gewinn. Und nun will Glasenberg die nächste Stufe erreichen, will seinen alten Plan umsetzen und den Minenbetreiber Xstrata übernehmen, an dem Glencore rund 34 Prozent hält. Es würde der nach Umsatz größte Rohstoffkonzern der Welt entstehen, ein Koloss mit 90 Mrd. Dollar Börsenwert, mit allem, was dazugehört, vom Abbau bis zum Trading. Glasenberg wäre endgültig der König der Branche.

Geboren in Johannesburg, war Glasenberg zunächst Leistungssportler, mehrfacher Landesmeister - im Gehen. 1984 wollte er zu den Olympischen Spielen, aber das Apartheidregime wurde boykottiert. Glasenberg, Sohn eines Juden aus Litauen, wollte daraufhin als Israeli starten, aber es klappte nicht. "Für mich war das ein schlimmes Erlebnis", erzählte er "Bilanz". Von da an stürzte er sich in die Arbeit. "Viele mögen sagen, dass Glück wichtig ist", sagte er später mal vor Studenten seiner ehemaligen Uni in Los Angeles. "Aber ich denke, du schaffst dein Glück mit harter Arbeit selbst. Nur so kannst du sicher sein, keine Gelegenheit zu verpassen."

1984 heuerte der Wirtschaftsprüfer beim berüchtigten Rohstoffhändler Mark Rich an, dem "King of Oil", der ohne moralische Skrupel mit Diktatoren und Mullahs handelte und vom FBI gesucht wurde. Glasenberg störte das nicht, er fand seinen "Traumjob", wie er einmal sagte.

Seine erste Aufgabe war es, Käufer für Kohle aus Südafrika zu finden und so das Embargo gegen das Regime zu unterlaufen. Er stieg auf, lernte die Hochburgen der Rohstoffwelt kennen und trat schließlich in den Zirkel der "Rich-Boys" ein, die der Firmengründer systematisch förderte - bis sie ihn 1994 stürzten und die Firma in Glencore umbenannten.

2002 wurde Glasenberg der neue Vorstandschef. Erfolgsbesessen nennen ihn Weggefährten. Er kümmert sich um kleinste Details. "Ivan ist sehr aggressiv", sagte der frühere Morgan-Stanley-Chef John Mack. "Er versteht das Rohstoffgeschäft besser als jeder andere."

Die Zentrale von Glencore   Die Zentrale von Glencore

Glasenberg machte Glencore zur Gewinnmaschine. Heute betreibt die Firma Hafenterminals und eine Hochseeflotte, beackert 270.000 Hektar Farmland, besitzt Lagerhäuser, Schmelzhütten, Kohle- und Zinkminen. Ob das Handy in der Tasche, das Benzin im Tank, das Essen auf dem Teller - wahrscheinlich hat Glencore damit Geld verdient. Die Schweizer kontrollieren neun Prozent des globalen Getreidemarkts, 28 Prozent bei Kohle, 45 bei Blei, 50 bei Kupfer, 60 bei Zink. Sie zählen zu den führenden Händlern für Zucker, Speiseöle, Nickel, Aluminium, Erdöl. Voller Ehrfurcht sagte Stuart Stanley, der oberste Rohstoffhändler der Citigroup, einmal: "Glencore ist die Weltwirtschaft."

Wichtigste Säule ist Xstrata. Die beiden Unternehmen verbindet eine lange Geschichte. Glasenberg verhalf dort einst seinem Studienfreund Mick Davis, Südafrikaner wie er, zum Vorstandsposten - und verkaufte ihm vor zehn Jahren etliche Minen. Im Gegenzug wurde Glencore größter Anteilseigner. Seitdem hat Xstrata den Umsatz verhundertfacht. "Die haben die Rohstoffwelt aufgekauft, als es noch fast nichts gekostet hat. Es war visionär, wie sie den Boom erahnt haben", sagt ein Konkurrent. "Die Fäden dabei zog Glasenberg."

Der wollte mehr, wollte Xstrata nun ganz beherrschen. "Sein großer Traum war immer, die Nummer eins in der Rohstoffwelt zu sein: der Gigant unter den Giganten", sagt ein Insider.

Und dafür war er bereit, Opfer zu bringen. Fast nichts wusste man bis dahin über die mysteriöse Firma. Die Händler schwiegen, Fotos existierten nicht oder wurden aufgekauft. Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit auf die Geschäftspraktiken lenken. Mit viel Geld brachte Glasenberg selbst seine Uni dazu, ein altes Interview mit ihm aus dem Internet zu löschen. Doch 2011 sollte Glencore an die Börse, um an Kapital für Übernahmen zu kommen - und der Rohstofffürst musste aus dem Dunkel treten.

Er empfing Journalisten in der Zentrale in Baar. Fester Händedruck, kein Lächeln. Ein kleiner, gedrungener Mann, der sich nicht mit Small Talk aufhält und zur Sache kommt: Er wolle nicht länger als der geheimnisumwitterte Händler gelten, der in Krisengebieten wie dem Kongo Millionen verdient. Immer diese Vorwürfe: Umweltverschmutzung, Landraub, Ausbeutung, Steuertricks, Geschäfte mit Oligarchen und Despoten. Glencore sei ein normaler Konzern. "In den meisten Ländern in Afrika, wo wir investieren, herrscht Demokratie. Wir halten uns überall an die Gesetze", sagte er der "NZZ". "Und wir sind auch nicht die bösen Spekulanten, die die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben."

Der Börsengang gelang, 80 Prozent der Aktien gehören bis heute den 500 Partnern, so gut wie keiner verlässt die Firma. Glasenberg, das kam damals zur Überraschung seiner Miteigner heraus, besitzt mit rund 16 Prozent die meisten Anteile, derzeit ist das Paket 6,7 Mrd. Dollar wert.

Xstrata-Mine in Queensland, Australien   Xstrata-Mine in Queensland, Australien

Längst zeigte er offen sein Interesse an Xstrata. "Wir könnten Mehrwert erzielen", sagt er, Synergien heben, wenn Xstratas Rohstoffe nur endlich ins Glencore-System fließen würden. Ende 2011 einigt er sich mit Davis auf eine Fusion: Glencore will 2,8 eigene gegen eine Xstrata-Aktie tauschen, Davis soll Chef des neuen Konzerns werden, Glasenberg sein Stellvertreter. Im Februar verkünden sie die Pläne. Glasenberg scheint am Ziel.

Doch so einfach ist es nicht. Die Nervosität im Markt ist groß, die Angst vor einem Superkonzern, dessen Geschäfte nur wenige verstehen, ebenfalls. Glencore würde den kompletten Output eines der größten Minenkonzerne kontrollieren. Die EU ist besorgt, der Konzern könnte die Preise beeinflussen. Und dann kommen die Scheichs aus Katar.

Seit Ankündigung der Fusion hat ihr Staatsfonds Qatar Holding systematisch Xstrata-Aktien gekauft, rund zwölf Prozent der Anteile. Sie verkünden, Glasenbergs Angebot sei zu niedrig - und fordern 3,25 Aktien für jedes ihrer Papiere. Andere Investoren schließen sich an, gemeinsam können sie den Deal blockieren. Glasenbergs Traum gerät in Gefahr.

Er zeigt sich völlig überrascht und genervt von den neuen Gegnern. Das Verhalten der Scheichs sei "verwirrend". "Die Frage ist, was Katar wirklich will", schimpft er vor Investoren. "Ich habe keine Ahnung, woher deren Zahlen kommen und wie man die rechtfertigen will." Die Kataris würden versuchen, "uns auszuquetschen". Der Streit eskaliert. Ende August verkünden die Scheichs, das Angebot auf der Generalversammlung abzulehnen.

Am Abend vor der Versammlung kommt es dann zum Showdown im Claridge's. Scheich Hamad Bin Dschassim Al Thani, mächtiger Mann hinter der Holding, Premierminister und Cousin des Emirs, hatte Tony Blair gebeten, zu vermitteln. Und Glasenberg legt wirklich ein neues Angebot vor: 3,05 Aktien pro Xstrata-Papier, insgesamt rund 36 Mrd. Dollar für die ausstehenden Aktien. Und noch etwas: Davis soll als Chef des neuen Konzerns schon nach sechs Monaten Platz machen - für ihn, Glasenberg.

Bis kommenden Montag muss der Verwaltungsrat von Xstrata nun entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Einige kleinere Investoren haben Widerstand angekündigt. Katar hat sich noch nicht geäußert. Aber Beobachter gehen davon aus, dass die Scheichs hinter dem Deal stehen.

Einige glauben gar, dass Glasenberg nun richtig loslegen wird, sprechen vom "Anfang einer neuen Expansionswelle". Erdöl und Erdgas, das würde ihn wohl reizen, munkelt die Szene. Da sei er noch nicht die Nummer eins. Und dafür - welch Ironie - hätte Glasenberg mit den Scheichs ideale Partner im Rücken. Glencore könnte das Flüssiggas des größten Exporteurs der Erde verkaufen, und Katar hätte einen starken Vertriebspartner.

"Es sieht so aus, als hätten die Kataris Glasenberg einfach nur zeigen wollen, zu was sie fähig sind", glaubt ein Insider. "Nach dem Motto: Wir können auf Augenhöhe spielen." Es wäre eine strategische Entscheidung, keine finanzielle, wie Glasenberg vermutete. Sie hängen sich an ihn ran. Denn am Ende, heißt es ja, gewinnt Glasenberg, immer.

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  • Aus der FTD vom 21.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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