Betritt man Heinrich von Pierers Büro, fällt ein bunter Fleck ins Auge. Am Fenster, neben dem Schreibtisch, hängt ein großes, goldgelbes Herz aus Holz. Es ist bemalt mit bunten Blumen, dazwischen steht in Kinderschrift: "Alles wird gut", also der Satz, mit dem Nina Ruge einst ihre Sendung beendete. Vor sieben Jahren hat die Moderatorin es ihm mitgebracht, als sie von einer Unicef-Veranstaltung kam. Pierer war damals wie sie Botschafter des Kinderhilfswerks.
Das Herz sei doch eine bunte Abwechslung, brummelt Pierer. Nüchtern-modern hat er sein Büro in einem schlichten Gebäude in Erlangen eingerichtet: Anthrazitgrauer Teppich, hellgraue Möbel, selbst der Blick raus ist an diesem Herbsttag ziemlich grau.
Aufmunterung hatte er in den vergangenen Jahren nötig. 38 Jahre war er bei Siemens, stieg auf zu einem der mächtigsten Manager des Landes - bis ihn 2007 die Korruptionsaffäre stürzte. Doch schon vorher zollte er dem Leben an der Spitze Tribut. So spannend und erfüllend diese Zeit war, entglitt ihm doch teilweise die Kontrolle über sein Leben.
In seinen ersten Jahren bei Siemens , in der Rechtsabteilung in Erlangen, fährt Pierer noch täglich zum Essen nach Hause. Er bringt seine zwei Kinder frühmorgens zum Kindergarten und holt sie mittags wieder ab - ein normales Familienleben. "Das hat mir Spaß gemacht", sagt Pierer. Für die Arbeit gilt das weniger. Gutachten und juristische Stellungnahmen erstellen - ihm wird langweilig.
Doch bald mischt er bei Großaufträgen mit. Kernkraftwerke reizen ihn, kaum ein Projekt ist so anspruchsvoll, die Technik, die politische Dimension. Als der kaufmännische Leiter eines Projekts im Iran verstirbt, wird Pierer der Nachfolger. Der promovierte Jurist und Diplom-Volkswirt kennt das Projekt wie kaum ein Zweiter, weil er die juristische Seite verhandelt hat. Mit zwei Reaktorblöcken und einem Volumen von 12 Mrd. D-Mark ist es der größte Auftrag, den Siemens je bekommen hat.
Als die Siemens-Leute mal wieder mit den Iranern in Klausur sind, für sechs Wochen am Spitzingsee in den bayerischen Alpen, verpasst Pierer die Geburt seines dritten Kindes. Erst in der Nacht fährt er die 250 Kilometer nach Erlangen. Da die Klinik schon geschlossen ist, klettert er über einen Zaun, um seine Frau und seinen Sohn zu sehen. Am nächsten Morgen sitzt er wieder am Spitzingsee.
Trotz der Verhandlungen mit den Iranern geht Pierer damals noch zu Elternsprechstunden, weil seine Frau das nicht mag, und er kümmert sich um die Hausaufgaben seiner zwei Schulkinder. Doch dann kommt im Iran die Revolution, Siemens muss den Bau des Kernkraftwerks abbrechen, Tausende Deutsche nach Hause holen, die milliardenschwere Anzahlung der Iraner retten. Jede Woche, sagt Pierer, muss er beim Vorstand zu Fragen antreten. "Fragen, zu denen wir keine Antwort hatten."
In dieser Zeit schlägt Pierer einmal seiner 13 Jahre alten Tochter das Buch über den Kopf, als sie ihre Aufgaben nicht kann. "Da habe ich gedacht, jetzt reicht's. So weit darf es nicht kommen. Das hat mir gezeigt, dass meine Nerven nicht mehr so gut waren. Da habe ich aufgehört mit den Schulaufgaben."
1986 wird er Generalbevollmächtigter, 1989 Chef der Kraftwerkssparte KWU, 1992 Siemens-Vorstandschef. Als der damalige Aufsichtsratschef ihm den Aufstieg auf den Chefposten in München andeutet, sagt er zu seiner Frau: "Das verändert unser Leben."
Als KWU-Chef hatte er das Büro in Erlangen und war abends oft bei der Familie. Künftig würde er in München wohnen und noch mehr arbeiten als bisher. Groß diskutiert hat seine Frau dies nicht, die als Tochter eines Siemens-Direktors mit Siemens quasi aufgewachsen ist. Gratuliert habe sie ihm aber auch nicht, erzählt Pierer. "Meine Ernennungen sind in der Familie nicht groß gefeiert worden." Nur ein einziges Mal, als er Generalbevollmächtigter wurde, hat er seine Frau zum Essen eingeladen, in das Traditionslokal Feiler in Muggendorf in der Fränkischen Schweiz. Generalbevollmächtigter, das war etwas. "Da hat man zur Topmannschaft gehört und genoss in Erlangen hohes Ansehen."
Nun also Vorstandsvorsitz, München, Wittelsbacherplatz. Eine Riesenaufgabe für Pierer, der in dem verzweigten Konzern mit 400.000 Mitarbeitern außer dem Kraftwerksgeschäft kaum etwas kannte. "Man denkt sich, Menschenskinder, warum haben die mich da ausgesucht, so eine große Aufgabe, so eine lange Tradition, so viele Menschen, die da dranhängen." Als Erstes muss er Siemens Nixdorf sanieren, Zehntausende Arbeitsplätze bei dem Computerhersteller abbauen. "Die Herausforderung war gewaltig. Die IT-Bereiche kannte ich nicht, das musste ich alles lernen." Nicht nur Rechner zählten dazu, auch Halbleiter und Telekomnetze. Pierer nimmt "Nachhilfestunden" bei Technikvorstand Claus Weyrich.
Wenn Pierer nicht auf Reisen ist, sitzt er um sieben Uhr am Schreibtisch in seiner Wohnung im Stadtteil Bogenhausen, um sich auf den Tag vorzubereiten oder aufzuarbeiten, was am Vortag liegen geblieben ist. Viertel vor acht holt ihn sein Fahrer ab, kurz vor acht ist er im Büro. Dann folgen Termine. "Der Tag ist fremdbestimmt", sagt Pierer. "80 Prozent sind vorgegeben von anderen Leuten mit Dingen, die Sie einfach machen müssen. Sie haben einen bestimmten Rhythmus, bestimmte Pflichten, da kommen Sie auch nicht raus."
| Höhen und Tiefen |
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| Fundament Heinrich von Pierer (geboren 1941) wächst in Erlangen auf, wo er 1968 in Jura promoviert. 1969 schließt er noch ein Volkswirtschaftsstudium ab und beginnt als Syndikus in der Siemens-Rechtsabteilung. Von 1972 bis 1990 sitzt er für die CSU im Stadtrat. |
| Karriere Über Führungspositionen in der Energiesparte steigt er 1989 in den Vorstand auf, wird 1992 Vorstandschef, ab 2005 leitet er den Aufsichtsrat. |
| Umbau 1998 leitet er mit dem Zehn-Punkte-Programm den Rückzug aus vielen Geschäftsbereichen ein. 2000 bringt er die Halbleitersparte als Infineon AG an die Börse, die an BenQ verkaufte Mobilfunksparte scheitert 2007. |
| Krise 2006 bricht die Korruptionsaffäre auf. 2007 tritt Pierer zurück und gründet 2008 eine Beratungsfirma. Mit Siemens einigt er sich 2010 auf eine Schadensersatzzahlung von 5 Mio. Euro. |
Pierer wird zum Helden der Deutschland AG. Nach der Wiedervereinigung kauft er Werke in Ostdeutschland. Er bringt Siemens an die New Yorker Börse, forciert die Expansion des Konzerns in China. Als erster Wirtschaftsführer darf Pierer vor der Uno-Hauptversammlung in New York reden. Zeitweise gilt er als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.
Obwohl Pierer sein Leben an der Spitze genießt, hat es Schattenseiten. Am meisten bedrückte ihn, erzählt er, dass er mit seiner Arbeit nie fertig war. "Wir hatten immer das Gefühl, etwas ist unerledigt." Er zieht noch bei der Erinnerung die Stirn kraus, drückt sich die Fingerkuppen zwischen die Augen. "Immer unerledigt. Wenn Sie heimgegangen sind, waren mehr Probleme auf dem Tisch, als Sie morgens vorgefunden haben. Da haben Leute gesagt, ich soll Prioritäten bilden. Wie soll das gehen? Wenn die Halbleiter pleite sind; wenn plötzlich die Gasturbinen zu brummen beginnen; oder ich soll plötzlich nach China fahren. Das war intellektuell und physisch eine unglaubliche Herausforderung: Immer das Gefühl zu haben, es kann alles auch schiefgehen. Weil die Aufgabe so groß ist und man nicht alles verstehen kann, was man macht. Weil man auf viele Menschen angewiesen ist, denen man vertrauen muss."
Wie bloß schaltet man da ab? "Von der Firma ganz abschalten, das kann man nicht. Die Frage ist, ob man nachts wach liegt oder ob man sagt, jetzt schlafe ich, und morgen früh geht's wieder weiter. Das konnte ich eigentlich ganz gut."
Deswegen macht er spätestens um 22 Uhr Schluss. Dann vielleicht noch ein Glas Rotwein, ein Telefonat mit seiner Frau, Fernsehnachrichten. Und Sport, am Wochenende Wandern in der Fränkischen Schweiz und Tennis mit seinen Kumpels. Mit 18 Jahren war Pierer bayerischer Jugendmeister und hat mit dem Spielen nie aufgehört. "Beim Tennis kann man schnell abschalten, da muss man sich auf den Ball konzentrieren." Das Tennis und seine Familie, das ist noch heute das Wichtigste neben der Arbeit. "Die Familie gibt einem einen Rückhalt, einen Ausgleich. Ich glaube auch, dass Kinder wichtig sind. Ich hätte nicht ohne Kinder leben mögen."
Statt seiner Kinder hat er als Vorstandschef allerdings meist Leibwächter um sich. Ab und zu versucht er, ihnen zu entwischen. An schönen Sommerabenden fährt er in seine Wohnung, zwei Aktentaschen im Gepäck, und tut so, als wolle er noch arbeiten. "Kaum waren die Sicherheitsleute draußen, hab ich mein Fahrrad aufgepumpt." Dann radelt er sechs Kilometer zum Aumeister, einem Biergarten am nördlichen Zipfel des Englischen Gartens, und holt sich Weißbier und Brotzeit, im Selbstbedienungsbereich. "Diese Kellner sind immer leicht mürrisch, das mochte ich." Dann setzt er sich an einen der Biertische, mit einer Zeitung.
Gesellschaft wollte er keine. "Ich muss ja den ganzen Tag quasseln. Den ganzen Tag schauen die Leute Sie an und erwarten, dass Sie etwas Weitsichtiges, Kluges sagen. Das ist aber unmöglich! Also, ich konnte das nicht."
2005, nach über zwölf Jahren an der Spitze, wird Pierer Aufsichtsratschef und Berater von Angela Merkel. Die Reisen werden weniger, die Tage lockerer, er ist wieder öfter in Erlangen. Am 15. November 2006 dann passiert etwas, das sein Leben dreht: Razzia bei Siemens, Schmiergeldskandal. Monatelang kämpft Pierer. Im April 2007 tritt er ab.
Die schwärzeste Phase beginnt.
Bei Älteren hat Pierer gesehen, welche Leere entsteht, wenn sie aus dem Beruf ausscheiden. "Von 100 oder in meinem Fall von 150 auf null gesetzt zu werden, halten manche Leute auch gesundheitlich nicht aus." Bei ihm aber, er lacht auf, ist eine solche Leere nicht eingetreten. Sein alter Arbeitgeber hält ihn weiter auf Trab. 6 Mio. Euro Schadensersatz fordert Siemens von Pierer, bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. "Unerfreulich rückwärtsgerichtet" war das, sagt Pierer. Er liest 18.000 Seiten Ermittlungsakten durch.
Es wenden sich Vertraute gegen ihn. "Das ist übel, wenn diese Leute Geschichten erfinden." Anwälte interessiere die Wahrheit ohnehin nicht. "Die führen einen abstrakten Kampf und warten, dass man die Nerven verliert und einen Vergleich schließt." Seine Frau bittet ihn immer wieder, einen Schlussstrich zu ziehen. Zu sehr belastet der Streit die Familie. 2010 zahlt er 5 Mio. Euro - um des Friedens willen. Dass er sich auf eine so hohe Summe einließ, damit hadert er heute noch ein wenig.
Doch selbst diese Zeit hatte Lichtblicke. Es gibt Vertraute, die zu ihm stehen. Die türkische Unternehmerfamilie Koc beruft ihn in den Aufsichtsrat. Jürgen Großmann bittet ihn in den Aufsichtsrat seines Stahlunternehmens Georgsmarienhütte, Uli Hoeneß holt ihn in den Verwaltungsbeirat des FC Bayern. "Hoeneß kam auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen. Das war schon beachtlich!"
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Als Siemens ihm im 2008 das versprochene Büro in der Zentrale streicht und sogar Hausverbot erteilt, vermittelt ihm ein Freund ein Büro in Erlangen, zur Untermiete bei einer Kanzlei. Dort gründet Pierer seine Beratungsfirma Pierer Consulting. Jetzt fährt er wieder zum Mittagessen zu seiner Frau - wenn er nicht unterwegs ist. Bald werden die Beratungsaufträge mehr, und Mandate bei der Berenberg Bank, beim Deutschen Milchkontor und beim Anbieter gebrauchter Software Usedsoft kommen hinzu.
Auf 40 Arbeitsstunden pro Woche komme er wieder, schätzt Pierer - "aber verteilt. Ich bin wieder Herr meiner Zeit." Beim Tennis hat er in diesem Jahr seine 61. Saison mit Verbandsspielen absolviert. Mit seinen Enkelkindern fährt er zu Spielen des FC Bayern und hat mit ihnen einen speziellen Triathlon erfunden. Im Spielkeller, mit Tischtennis, Kicker und Flippern. Pierers Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern sei unheimlich herzlich, erzählt ein Siemensianer, der ihn gut kennt. Das rückt auch den Ärger mit Siemens nach und nach in den Hintergrund. "Das macht ihm noch zu schaffen, aber er hat Distanz gewonnen. Er versucht, seinen Frieden zu machen und Gelassenheit zu finden", sagt der Ex-Kollege.
Pierer selber resümiert: "Die Wunden heilen, aber die Narben bleiben. Es gibt Dinge, die kann man nicht mehr ganz wegwischen. Aber trotzdem muss man es irgendwann hinter sich lassen." Fast wie es auf Nina Ruges Unicef-Herz steht: Es wird zwar nicht alles gut. Aber vieles besser.