Das Internat Schloss Gaienhofen wirbt mit dem Slogan "Leben und lernen, wo andere Urlaub machen". Die evangelische Schule liegt in traumhafter Lage direkt am Ufer des Bodensees, mit Liegewiese und eigenem Bootssteg. Doch den Seeblick werden die nur noch rund 30 Internatsschüler nicht mehr lange genießen: Die Schulstiftung der badischen Landeskirche hat beschlossen, die traditionsreiche Einrichtung zum Ende dieses Schuljahrs zu schließen.
Die alten Internatsgebäude hätten mit "Millioneninvestitionen" saniert werden müssen, doch die wirtschaftliche Perspektive des Internats sei "unsicher", begründet Oberkirchenrat Christoph Schneider-Harpprecht die Entscheidung. Man habe sich jahrelang um eine bessere Auslastung bemüht, letztlich erfolglos. Stattdessen soll auf dem Gelände am See ein erweiterter Privatschulbetrieb mit zwei Gymnasien und einer Realschule mit Ganztagsbetreuung laufen.
Der Fall ist typisch für die deutsche Internatslandschaft: Die Schulen sind nicht nur durch einige bekannt gewordene Missbrauchsfälle schwer unter Druck geraten. Auch sinkende Schülerzahlen sowie der Ausbau der Ganztagsschulen machen ihnen zu schaffen. Und: Immer weniger Eltern können oder wollen im Monat 2000 #Euro# für eine Heimunterbringung ausgeben. "Wer sich das leisten kann, schickt sein Kind lieber nach --England--, der Sprache und der internationalen Kontakte wegen", sagt Detlef Kulessa von der Beratung Töchter und Söhne.
Und so ist der Umbau in Gaienhofen nur folgerichtig: das Internat aufgeben, den Ganztagsschulbetrieb ausbauen. Dafür gibt es staatliche Zuschüsse, das hält die Preise niedrig. Während ein Internatsplatz am Bodensee zuletzt 1333 Euro kostete, wird für einen Schulplatz nur 135 Euro fällig, plus 180 Euro für Nachmittagsbetreuung. "Da gibt es für viele Eltern keinen Grund mehr, ihr Kind ins Internat zu schicken", sagt Abteilungsleiter Patric Sedelmayr.
Und für die evangelische Kirche keinen Grund mehr, Internate zu bezuschussen, zumal die Kirchensteuereinnahmen sinken. Neben Gaienhofen wurden vor einigen Jahren bereits zwei Institute in Heidelberg und Mannheim geschlossen. "Die badische Landeskirche will einfach keine Internatsschulen mehr betreiben", sagt Tobias Engelsing, der viele Jahre Verwaltungsrat im Gaienhofener Internat war und für dessen Erhalt gekämpft hat. Und nicht nur die Protestanten im Südwesten ziehen sich aus diesem Segment zurück: Bundesweit sank die Zahl evangelischer Internate in den vergangenen Jahren von 40 auf nunmehr 34. "Es ist eine gewisse Erosion zu verzeichnen", sagt Gert Hilscher, Vorsitzender des Verbands der evangelischen Internate EID.
Auch bei der katholischen Kirche, dem größten Träger von Internaten in Deutschland, werden reihenweise Plätze abgebaut. "Es gibt einen massiven Rückgang vor allem von jüngeren Schülern", sagt Kulessa. Am Kolleg St. Blasien im Schwarzwald etwa wurden 80 Plätze gestrichen. Dafür werden nun sogar die Zimmer der Kinder wieder umgebaut. Viele Trennwände werden herausgenommen, um Platz für größere Räume zu schaffen. "Als religiöses Haus schrumpfen wir" , sagt Internatsleiter Pater Axel Bödefeld, "aber wir schrumpfen lieber, als dass wir unser Profil abschleifen."
Das Problem sind die Kosten: Konfessionelle Einrichtungen bieten aus sozialen Gründen vergleichsweise günstige Plätze an, teilweise schon für 500 Euro im Monat. Das ist nur möglich, weil sie von den Kirchen subventioniert werden und oft Ordensleute als Lehrkräfte dienen. Die Benediktiner, die das Kloster Ettal betreiben, finanzieren den Betrieb teils durch den Verkauf von Kräuterschnaps. Wenn solche Einnahmen wegbrechen, lässt sich ein günstiges Internat nicht mehr finanzieren.
Denn die Unterbringung ist teuer - für Eltern, aber auch für den Träger. "Die Rahmenbedingungen, die wir bieten, kosten einfach viel Geld: die enge Betreuung, die kleinen Klassen, die vielen Lehrer" , sagt Werner Esser, Leiter und Geschäftsführer des schleswig-holsteinischen Internats Louisenlund. Über 60 Prozent der Ausgaben seien Personalausgaben. Und da das Land nur einen kleinen Zuschuss für die externen Schüler gewährt, muss sich das Internat komplett aus Schulgebühren finanzieren. Das sind 30.000 Euro im Jahr. Eine Normalverdienerfamilie kann sich das nicht leisten. Weil Esser aber aus pädagogischen Gründen nicht nur Rich Kids im Gutshaus am Schleiufer haben möchte, vergibt die Stiftung, die das Internat trägt, Stipendien, für Leistungsbegabte wie für Bedürftige. "Wir lassen niemanden vor der Tür stehen, nur weil die Eltern das Schulgeld nicht zahlen können", sagt Esser. Leisten kann er sich das aber auch nur, weil zwei Drittel der Schüler Vollzahler sind. Zu viele Stipendien können auch Eliteeinrichtungen nicht vergeben, sonst kippt das Geschäftsmodell.
Die Situation scheint paradox: Bei den renommierten und sehr teuren Einrichtungen wie Salem, Louisenlund oder Neubeuern sind Eltern froh, wenn sie einen Platz ergattert haben. Alle anderen Internate nehmen oft jeden, der kommt - und zahlt. Insbesondere Anbieter in ländlichen Regionen ohne großes Renommee haben es zunehmend schwer, genügend Schüler zu finden. "Deutschland ist ganz klar ein Anbietermarkt", sagt Kulessa, "hier lässt sich immer sofort ein Platz finden." Wenn auch nicht zum Schnäppchenpreis. Denn, so Kulessa: "Der Wettbewerb wird nicht über den Preis geführt.
Mitarbeit: Jarka Kubsova
Lesen Sie in der August-Ausgabe des FTD-Schwestermagazins Capital, welche Internate günstige Angebote haben.
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| Vielfältig In Deutschland gibt es, je nach Zählweise, 200 bis 300 Internate: konfessionelle, reformpädagogische, elitäre, für besonders Begabte wie für Lernschwache. Sie werden von derzeit etwa 40.000 Kindern besucht. Die größten Träger sind die katholische und die evangelische Kirche. Beide dünnen derzeit ihr Angebot aus. |