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Merken   Drucken   04.12.2012, 17:11 Schriftgröße: AAA

Jens Baas: Der Techniker

Er war Arzt und Unternehmensberater - jetzt ist Jens Baas Vorstand der Techniker Krankenkasse. Ihr geht es so gut wie keiner anderen Versicherung. Viele glauben, Baas habe den leichtesten Job im deutschen Gesundheitssystem. Wenn sie sich da mal nicht irren.
von Christiane von Hardenberg, Berlin
Jens Baas, Vorstand der Techniker Krankenkasse   Jens Baas, Vorstand der Techniker Krankenkasse

Mit Extremsituationen kann Jens Baas eigentlich umgehen. Als junger Arzt musste er mal einen Zeugen im Gericht reanimieren, nachdem dieser einen Herzinfarkt erlitten hatte - vor den Augen eines Dutzends Juristen. Als Unternehmensberater arbeitete er unter Hochdruck bis weit nach Mitternacht. Und jetzt, als er als neuer Chef der Techniker Krankenkasse (TK) live sein erstes Fernsehinterview geben muss, kommt er dann doch ins Schwitzen. Immer wieder presst er seine Lippen zusammen, rollt mit den Augen, wenn die Kamera auf ihn schwenkt. "Aufgeregt war ich schon", gesteht er später auf dem Weg aus dem Fernsehstudio und murmelt seiner Pressesprecherin zu: "Wie schön, dass noch die Frage nach unserer Prämienausschüttung kam. Das war gute Werbung für uns."

Bass war einst Transplantationsarzt, arbeitete später als Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Seit Juli ist der 45-Jährige Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. Mit 8,2 Millionen Versicherten ist sie zwar nicht die größte gesetzliche Kasse, aber mit Abstand die erfolgreichste. Dank der guten Konjunktur, aber auch eines guten Managements hat die TK Überschüsse im hohen dreistelligen Millionenbereich angehäuft und kann jetzt jedem Versicherten eine Prämie von 80 Euro auszahlen. Eine komfortable Ausgangslage für Baas. Derzeit ist sein Job fast ein Selbstläufer. Aber das könnte sich bald ändern.

Die Nummer zwei: Die fünf größten Krankenkassen nach Zahl der ...   Die Nummer zwei: Die fünf größten Krankenkassen nach Zahl der Versicherten

Wenn die Wirtschaft einbricht, die Überschüsse schmelzen und die privaten Krankenversicherungen weiter von der Politik gepäppelt werden. Dann wird Baas sich behaupten müssen.

Scheuen wird er die Herausforderung wohl nicht. Als Partner bei BCG hätte Baas mit 55 Jahren "steinreich" aufhören können. Doch das ist nicht seine Sache. Seine Frau nennt ihn ein "Spielkind", weil er Sachen liebt, die "richtig kompliziert" sind. "Das macht Spaß", sagt er: Lebern transplantieren, Schusswunden operieren, Banken und Krankenversicherungen optimieren, an seiner Harley-Davidson "rumschrauben". Oder die TK zu managen.

Mit 12.500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 20 Mrd. Euro wäre die TK ein DAX-Unternehmen, wäre sie an der Börse notiert. Baas hat sich als Arbeitgeber den Branchenprimus ausgesucht, so wie er auch schon an den besten Universitäten Medizin studiert und bei einer der besten Unternehmensberatungen gearbeitet hat. Baas sucht Exzellenz, jedoch nicht um seiner selbst willen: "Ich kann in meiner Lebenszeit bei der TK mehr erreichen als ein Gesundheitsminister", sagt er.

Als Gesundheitsminister würde er mit seiner direkten Art auch kaum durchgehen. Er hasst Partys, lieber fährt er mit Frau und Tochter in seiner Freizeit Motorrad. Baas ist kein Strippenzieher, er ist ein Macher. Er wird ungeduldig, wenn andere nicht so schnell verstehen wie er selbst.

Warum aber ist er, der komplizierte Dinge liebt, zur TK gegangen, einem der Läden, die gerade wie geschmiert laufen? Weil das nicht so bleiben muss. Baas will in einem Markt, der infolge der rückläufigen Bevölkerungsentwicklung immer kleiner wird, weiter wachsen und aus der Kasse ein "effizientes, kundenorientiertes Versicherungsunternehmen" machen. Das ist das eine Ziel. Das andere: mit mehr Wettbewerb das Gesundheitssystem aufmischen.

Als Arzt hatte Baas wenig Ahnung vom Gesundheitssystem und erst recht nicht von Betriebswirtschaft. Er transplantierte an den Unikliniken Heidelberg und Münster Lebern. Sein Karriereziel: berühmter Chirurg. Doch um ein guter Professor zu werden, habe ihm das Management-Know-how gefehlt, sagt er. Als Stipendiat der Studienstiftung kannte er die Unternehmensberatung BCG. Ein Jahr wollte er dort bleiben. Seine Chirurgenkollegen lästerten damals, er sei wohl der Einzige, der zur Beratung wechsele, um weniger zu arbeiten.

Eher zufällig wird er bei BCG zum Gesundheitsexperten: Als der Projektleiter, der ein großes Kassenprojekt managt, kündigt, fällt die Wahl wie selbstverständlich auf den ehemaligen Arzt. Von da an lernt er das Gesundheitssystem wirklich kennen. Als Berater ist er jahrelang für jede größere Kasse tätig, bekommt tiefe Einblicke - und bereut bald, sich einst privat krankenversichert zu haben. "Ich bin auf den typischen Versicherungsberater reingefallen", sagt er. Heute ist er überzeugt: "Es ist einfach nicht in Ordnung für unser Solidarsystem, wenn die Besserverdienenden nicht darin einzahlen." Selbst als Vorstandsvorsitzender kann er nicht Kunde im eigenen Unternehmen werden, einmal privat versichert, immer privat versichert.

Wenn er über die Koexistenz von gesetzlicher Kasse und privater Krankenversicherung spricht, wird der sonst eher unaufgeregte Manager aufgebracht. Kein Wunder, denn die Privaten, die angesichts ungebremster Kostensteigerungen und hoher Vertriebsausgaben zuletzt mit erheblichen Beitragssteigerungen zu kämpfen hatten, versuchen die Vorteile der gesetzlichen Kassen mitzunehmen, wo es nur geht. Sie profitieren beispielsweise von den ausgehandelten Arzneimittelrabatten zwischen Pharmaherstellern und Kassen, was ihnen dreistellige Millionenbeträge spart. "Es darf nicht sein, dass ein System derart bevorzugt wird", schimpft Baas.

Ginge es nach ihm, würde er die PKV ausbluten lassen. Nicht nur, weil er Vorstandsvorsitzender einer gesetzlichen Kasse ist, sondern weil er vom Solidargedanken im deutschen Gesundheitssystem überzeugt ist. "Ich würde mit keinem anderen System tauschen wollen", sagt er. Seiner Vorstellung nach dürfte die PKV keine Versicherten mehr aufnehmen, und die, die bereits drin sind, dürften innerhalb eines bestimmten Zeitraums in die GKV wechseln. Irgendwann hätte sich die PKV abgeschafft.

Nicht jeder teilt Baas' Ansicht. Unstrittig ist jedoch dessen Wahl zum Vorstandsvorsitzenden. Kaum einer kennt die Versicherungslandschaft und das Gesundheitssystem so gut wie Baas. Er gilt als "exzellente Wahl" für den Vorstandsposten, ein "Manager mit sozialer Verantwortung", heißt es über ihn. Als ehemaliger Arzt ist er zudem der wichtigsten Interessengruppe im System wohlgelitten und ein gern gesehener Gesprächspartner. "Das ist sehr hilfreich", sagt ein Kenner der Branche. Mühelos hätte Baas auch einen Vorstandsjob bei einer anderen Kasse bekommen, manche Konkurrenten nehmen es ihm übel, dass er zur TK ging. Aber er wollte genau dahin. "Es gibt keine schönere Stelle im Gesundheitssystem", sagt er.

Denn die TK gilt als Messlatte in der Branche. Keine Kasse ist so gut aufgestellt. Das liegt zum Teil an den guten Genen: Einst versicherte die TK nur Ingenieure und Techniker, die meist bei guter Gesundheit waren. Heute noch sind die TK-Versicherten vergleichsweise gesund und jung. Doch das ist es nicht allein. Die TK hat zudem vieles richtig gemacht: In den vergangenen Jahren hat sie ihre Kosten extrem gut in den Griff bekommen. Die Betriebsrente für die 12.500 Mitarbeiter ist nicht mehr umlagefinanziert, sondern kapitalgedeckt. Das spart dreistellige Millionenbeträge. Oft sind es aber nur kleine Stellschrauben, etwa die günstigere Versendung von Krankenscheinen, die der Kasse in der Summe eine Menge Geld spart.

Daran will Baas anknüpfen. Jede Vorstandsbeschwerde sieht er sich persönlich an, in seinen ersten Tagen bei der TK ging er jeder Klage nach. In den kommenden Jahren will er einen dreistelligen Millionenbetrag in die IT-Strukturen investieren, um noch kundenfreundlicher zu werden. "Wenn man das Gefühl hat, bei einer Behörde zu sein, läuft etwas falsch", sagt er. Baas will seinen Versicherten einen guten Service bieten und damit neue Kunden locken. Durch Zusatzleistungen wie etwa die Kostenübernahme bei homöopathischen Mitteln oder die jüngst angekündigte Prämienausschüttung.

Baas wäre kein guter Unternehmensberater gewesen, wenn er bei aller Kundenorientierung nicht auch die Kosten im Blick hätte. Mit den geplanten IT-Investitionen sollen auch Verwaltungskosten gespart werden. Derzeit ist die Kasse noch gut gefüllt: In den ersten drei Quartalen 2012 häufte die TK Überschüsse in Höhe von 873 Mio. Euro an. In der Branche blickt man jedoch mit Argwohn auf das dicke Finanzpolster der TK. Denn nicht nur effizientes Kostenmanagement und die gute Konjunktur sind der Grund dafür. Die Kasse profitiert dank ihrer soliden Versichertenbasis überproportional vom überholten Risikostrukturausgleich, der das finanzielle Gleichgewicht zwischen den einzelnen Kassen regelt. "Die TK bekommt dreistellige Millionenbeträge und kann damit Prämiengeschenke machen", stört sich ein Konkurrent. "Doch wenn die Politik ihre schützende Hand wegnimmt, dann wird auch die TK Probleme bekommen", sagt der Branchenkenner.

Erst kürzlich hatte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) eine Reform des Risikostrukturausgleichs gestoppt, der vor allem die TK benachteiligt hätte. Andere wiederum fürchten, dass der ehemalige Unternehmensberater zu sehr die Kosten im Blick hat. "Es wird sich zeigen, ob er es schafft, die Kosten im Griff zu haben und dabei eine gute Versorgung zu garantieren", sagt ein Experte.

Die Branche beobachtet Baas daher genau. "Spannend wird es erst, wenn es schwierig wird", sagt einer, der die Szene kennt, über Baas. Aber derzeit sieht es noch nicht danach aus.

  • Aus der FTD vom 05.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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