Die Unternehmensberatung Capgemini etwa zahlt chinesischen Mitarbeitern bei bestimmten Beförderungen eine Woche Urlaub in Sanya, einem beliebten Ferienort auf der Insel Hainan im Süden der Volksrepublik. Dabei darf die ganze Familie den Angstellen begleiten. "Wir hoffen, unsere Leute so enger an das Unternehmen zu binden", sagt Stephan Dyckerhoff aus der Unternehmensleitung der Beratung in Schanghai. Allzu viele Berater habe Capgemini in den vergangenen Jahren nach kurzer Zeit verloren. Teilweise lockten neue Arbeitgeber mit über 50 Prozent mehr Gehalt, heißt es von Unternehmern.
Capgemini ist kein Einzelfall. Ausländische Konzerne klagen regelmäßig über die hohe Wechselbereitschaft chinesischer Arbeitnehmer und rasant steigende Gehälter, die die Personalknappheit mit sich bringt. Laut einer Umfrage der Europäischen Handelskammer in China und der Beratung Roland Berger haben über 70 Prozent der befragten Unternehmen Schwierigkeiten, Manager in der Firma zu halten. Die Mehrzahl hält das Problem für deutlich schwerwiegender als in Europa. Eine Studie der Personalberatung Watson Wyatt kommt zum Ergebnis, dass 88 Prozent der deutschen Firmen in China das Personalmanagement vor Ort Kopfzerbrechen bereitet. Damit rangieren Mitarbeitersuche und -führung auf dem ersten Platz der Herausforderungen, weit vor bürokratischen Hindernissen oder dem Schutz geistigen Eigentums.
Auch wenn Arbeitskraft vielen ausländischen Konzern als Flaschenhals ihres Chinageschäfts gilt: Sie ist in der Volksrepublik keineswegs knapp. Rund 800 Millionen Arbeitnehmer gibt es, jedes Jahr verlassen gut vier Millionen Absolventen die Universitäten. Doch nur eine kleine Gruppe davon ist den Anforderungen der internationalen Firmen gewachsen. Fremdsprachenkenntnisse, für die Konzerne unabdingbar, seien nach wie vor Mangelware, sagt Charles-Edouard Bouée, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger in Schanghai. "Die Fähigkeit zur Teamarbeit, Kreativität und Führungsqualitäten sind noch schwieriger zu finden." An Chinas Universitäten rangiert auswendig lernen weit vor Gruppenarbeit, die Ausbildung macht Absolventen zu zielstrebigen Einzelkämpfern.
Wer einmal bei einem multinationalen Konzern angefangen hat, entspricht dagegen den Anforderungen der Wettbewerber deutlich besser - und wird heiß umworben. Der Arbeitgeberverband Hongkong schätzt die Fluktuation in den Unternehmen der Volksrepublik für das laufende Jahr auf 16,4 Prozent. Besonders schnell wechseln Angestellte im Handel (30 Prozent), in Hotellerie und Gaststätten (25 Prozent), aber auch im Beratungsgeschäft (21 Prozent) den Chef. Auf höher dotierten Posten lässt die Veränderungsbereitschaft leicht nach, im Management liegt sie bei rund zwölf Prozent. Zum Vergleich: In Europa lägen die Raten im niedrigen einstelligen Bereich, sagt Hartwig Martius, Personalberater bei Boyden in Hongkong.
"Der energische Wettstreit um qualifizierte Arbeitskräfte führt zu einer deutlichen Inflation der Gehälter. Mein Eindruck ist, dass insbesondere multinationale Konzerne diese Inflation antreiben", sagt Roland-Berger-Berater Bouée. Wer neu nach China komme, sei bereit, für den Firmenaufbau fast jedes Gehalt zu zahlen. Im Schnitt verdient ein Finanzvorstand in der Volksrepublik heute 195.000 $, zeigt eine Übersicht der Beratung Korn/Ferry. Angestellte auf einfacheren Positionen konnten ihr Gehalt 2006 um acht Prozent steigern.
Martius empfiehlt, schon bei der Auswahl von Kandidaten darauf zu achten, wie sehr diese aufs Gehalt bedacht seien, und sich im Zweifel gegen Bewerber zu entscheiden, die bereits eine Wechselhistorie haben. Dyckerhoff von Capgemini rät, über Standorte außerhalb der Metropolen Peking, Schanghai und Shenzhen nachzudenken. "Wir stoßen dort auf eine geringere Wechselbereitschaft."
Andere versuchen es damit, mehr zu bieten als nur ein Gehalt. "Auf die Dauer ist ein gutes Gehalt allein zu wenig, die Mitarbeiter suchen nach Selbstbestätigung", sagt Bouée. Er versuche, Bewerbern klarzumachen, dass viele Projekte langfristig angelegt seien, dass Erfolgserlebnisse nur mit Durchhaltevermögen möglich seien. Doch Bouée räumt ein, dass das schwierig ist. "Dieses Land befindet sich so sehr in Bewegung, so vieles ist neu. Konsum, Strukturen, internationale Möglichkeiten - da ist es kein Wunder, dass gute Mitarbeiter rasch weiterziehen."