Auf Fragen nach meinem Berufsleben erkläre ich, dass ich seit einem Vierteljahrhundert bei der Financial Times arbeite. Auf Nachfrage würde ich vielleicht noch hinzufügen, dass ich vor Ewigkeiten kurz bei JP Morgan beschäftigt war. Eventuell würde ich auch sagen, dass ich in Oxford studiert habe. Bei anderen Menschen interessiert es mich doch eher sehr, wo sie gearbeitet und wo sie studiert haben. Yale ist eine andere Nummer als irgendeine Provinz-Uni.
Doch wenn man einem Blog auf der "Harvard Business Review"-Website Glauben schenkt, ist dieses Namedropping nicht nur eitel und oberflächlich, sondern hat seinen Nutzen überlebt. Daniel Gulati, ein Unternehmer aus dem Hightech-Bereich, argumentiert, dass Prestige bei Weitem nicht mehr so prestigeträchtig ist wie einstmals.
So seien viele der großen Namen nicht mehr so beeindruckend wie früher, Goldman Sachs , News Corp. oder McKinsey würden längst nicht mehr so verehrt. Außerdem bedeutet der Aufstieg der sozialen Netzwerke, dass wir nicht mehr mit unserem Brötchengeber prahlen müssen, sondern mit unseren eigenen Leistungen angeben können. Wir können einfach über Twitter oder Facebook unsere Errungenschaften in die Welt hinausposaunen. Das Gute daran ist laut Gulati, dass die jungen Leute sich nicht mehr um Jobs bei Bain und Morgan Stanley prügeln müssen, in der Hoffnung, dass ihnen diese Namen später einmal alle Türen öffnen. Derartige Verbindungen führen bloß zu Schubladendenken. Hervorstechen kann man nur, indem man sich nicht länger darum schert, für wen man arbeitet, sondern darüber nachdenkt, was man eigentlich tut. Wir sollten auf unsere Leistungen stolz sein, nicht auf unseren Hausausweis. Dieser Blog gehört zu den aufbauendsten Dingen, die ich seit Langem gelesen hab - oder würde es zumindest, wenn er nicht so völlig falsch läge.
Gulati hat recht: Es sollte darauf ankommen, was wir geleistet haben. Aber das Problem ist, dass bis auf einige wenige Ausnahmen die meisten Menschen nichts wirklich Zählbares geleistet haben. Und selbst wenn, sind Leistungen ausgesprochen schwer zu messen. Ein Mark Zuckerberg benötigt keine klingenden Namen in seinem Lebenslauf, der Rest von uns schon.
Namen, die etwas hermachen, verlieren nicht an Bedeutung, sie sind heute wichtiger denn je. Das liegt daran, dass es auf dem Arbeitsmarkt so übel ist, dass jeder alles an Hilfe braucht, was er bekommen kann. Es liegt aber auch daran, dass Spitzenposten und Spitzenabschlüsse schwerer zu erlangen sind als früher. Zu meiner Zeit konnte man noch quasi aus Versehen an einer Elite-Universität landen. Hatte man erst einmal einen Abschluss in der Tasche, war die Jobsuche ein Klacks. Und sobald man es sich bei der Arbeit eingerichtet hatte, konnte man sich so halbwegs inkompetent durchwursteln, ohne entlassen zu werden.
Auf Erziehung und Glück kam es an, Anstrengungen und Talent waren deutlich weniger wichtig. Inzwischen ist die Reihenfolge umgekehrt. Jeder, der einen Job bei Goldman Sachs ergattern und ihn ein Jahrzehnt lang halten konnte, hat etwas erreicht, was gesellschaftlich nicht besonders wertvoll sein mag, aber schlüssig belegt, dass die Person klug ist und hart arbeitet (und möglicherweise arrogant und gierig ist). Wenn man so etwas bei einem Mitarbeiter sucht, sollte man es sehr ernst nehmen, wenn Goldman Sachs als Station im Lebenslauf auftaucht.
Wenn Gulati wirklich glaubt, dass soziale Netzwerke das Prahlen mit dem Arbeitgeber überflüssig machen, ist er verrückt. Je größer die Informationsflut da draußen, desto eher brauchen wir ein paar anständige Namen als Türöffner in unserem Lebenslauf. Wie es mich für einen künftigen Arbeitgeber attraktiver machen soll, wenn ich eine große Nummer auf Twitter bin, erschließt sich mir zudem auch nicht: Signalisiert es nicht eher, dass ich mehr Zeit mit dem Erstellen dummer kleiner Nachrichten verbringe als mit Arbeiten?
Und der Tatsache, dass einige einstmals große Namen an Prestige eingebüßt haben, misst Gulati zu viel Bedeutung zu. Vielleicht ist Goldman Sachs nicht mehr so renommiert wie früher, aber während einige Namen schwinden, tauchen andere auf: Google und Facebook sind angesagt.
Jemandem mit Ehrgeiz würde ich immer empfehlen, sich für das Prestige zu entscheiden. Natürlich ist das oberflächlich und ungerecht, aber es funktioniert. Das Tolle an einem großen Namen ist: Selbst wenn andere davon nicht beeindruckt sind, ist man selbst es vielleicht. Meiner Erfahrung nach funktionieren diese mächtigen Institutionen gut als Kuscheldecke, als Mutterleib und als Krücke. Auf alle drei Rollen wird im Allgemeinen eher herabgesehen, aber das ist falsch. Ich bin ein großer Befürworter von allen drei.
Quelle: The Financial Times