| Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin. |
Ein Job hat doch vieles mit einer Ehe gemein. Manches ist besser (man bekommt Geld dafür), anderes ist schlimmer (mehr Meetings). Beiden geht ein Auswahlprozess voraus, bei dem man sich zurechtmacht und versucht, klüger oder hübscher auszusehen, als man tatsächlich ist. Beide sind sehr anspruchsvolle Verpflichtungen, die zusammen einen Großteil unserer Zeit ausmachen und nicht unwesentlich zu unserem Glück oder Unglück beitragen. Für beide müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit es klappt: Zunächst einmal muss eine anständige Wahl getroffen werden, danach kommt es auf unterschätzte Dinge wie Kompromisse, gegenseitigen Respekt, Anstrengung und mangelnde Fantasie an.
Natürlich gibt es auch einige Unterschiede: Bei einer Ehe wird man nicht mit 65 Jahren mit goldener Uhr und Party verabschiedet. Inzwischen endet aber auch immer häufiger das Berufsleben nicht so, denn heutzutage kann sich nicht jeder mehr eine Pensionierung erlauben.
Nun könnte man argumentieren, dass es nur in der Ehe um Liebe und Leidenschaft geht, aber das stimmt nicht mehr. Eine aktuelle Befragung von 5000 Briten ergab, dass Leidenschaft zwischen einem Mann und einer Frau durchschnittlich 938 Tage anhält. Moderne Jobs dagegen erfordern nicht nur während der ersten Jahre Leidenschaft, sondern immer.
Gratulationen sind eher selten, wenn man seinen bisherigen Partner gegen ein neueres Modell eintauscht, dennoch hält es praktisch jeder für einen Fortschritt, wenn man seinen alten Job kündigt, um einen neuen anzufangen. Das zeigt angeblich Ehrgeiz, Fantasie, Mut und was weiß ich noch.
Wenn sich Arbeit wie Arbeit anfühlt
Ich bin seit 27 Jahren bei ein und demselben Arbeitgeber, insofern hat mir diese Haltung nie zugesagt. Eine dauerhafte Beschäftigung sollte als Erfolg gewertet werden, ebenso wie eine dauerhafte Ehe. Bedenkt man, wie wichtig die erste Auswahl ist, überrascht es, wie wenig Ratschläge es zu diesem Thema gibt. Bislang jedenfalls. Jetzt gibt es auf der Website von Fast Company einen Artikel über die acht Anzeichen, an denen man erkennt, dass man den Job fürs Leben gefunden hat.
Einige Leser haben sehr positiv reagiert. Einer schrieb: "Es ist wirklich großartig, wenn man seine Bestimmung gefunden hat. Die Freude, die sich daraus ergibt, lässt sich nicht beschreiben. Dieser Artikel ist einfach großartig." Mir gefällt zwar Sinn und Zweck des Artikels, aber lieben tue ich ihn gewiss nicht. Im Grunde genommen habe ich selten so viele Aufzählungspunkte gesehen. Es folgen einige der acht Empfehlungen, woran man "den" Job erkennt, inklusive meiner Einwände.
"Er fühlt sich nicht wie Arbeit an." Wenn er sich so nicht anfühlt, ist es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch keine. Ich verstehe ohnehin nicht, was schlimm daran sein soll, wenn sich Arbeit wie Arbeit anfühlt. Das heißt ja nicht, dass man nicht trotzdem Spaß haben kann.
"Er stimmt mit den eigenen Grundwerten überein." Da ich nicht weiß, was meine Grundwerte sind, bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Wenn es nur bedeutet, dass ich keine 27 Jahre mit einem Arbeitgeber verbringen will, dessen Handeln ich nicht gutheißen kann, dann stimme ich dem Punkt wohl zu. Aber das liegt so sehr auf der Hand, dass man es eigentlich nicht extra erwähnen müsste.
"Man ist bereit zu leiden." Vergesst es, Freunde. Ich habe gelitten und bin wild entschlossen, das künftig zu vermeiden. "Es ist eine Ehre, sich zu engagieren." Nein, ist es nicht. Es ist schön, wenn man sich in seinem Job engagiert, aber auch gefährlich, wenn man es übertreibt. In jedem Fall hat das nichts mit Ehre zu tun.
Angemessene Erwartungen
"Man fällt erschöpft, aber auch erfüllt ins Bett und ist bereit für den morgigen Tag." Ach so? Wenn ich ins Bett gehe und mir die Arbeit im Kopf herumschwirrt, fällt es mir schwer, überhaupt einzuschlafen.
Das ganze Ding ist nicht einfach nur dummes Zeug, es ist auch unverantwortlich. Wer das ernst nimmt, reduziert seine Chancen, "den" Job zu finden, auf null. Ich habe stattdessen mein eigenes System entwickelt, mit dessen Hilfe ich feststellen kann, ob ein Arbeitsplatz es wert ist, an ihm festzuhalten: Die Leute sind nett; die Arbeit ist oft interessant; die Arbeitsmenge stimmt - reichlich, aber nicht übermäßig; man kann unterschiedliche Dinge tun; man bekommt auch mal ein "Danke schön" zu hören.
Das war's. Was mich zu einer anderen, aus der Mode gekommenen Ähnlichkeit zwischen Job und Ehe bringt: Das Geheimnis des Erfolgs besteht in angemessenen Erwartungen.
Quelle: The Financial Times