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Merken   Drucken   25.08.2012, 13:00 Schriftgröße: AAA

Karrieretipps: Lucy Kellaway - Jeder heisst einfach nur noch Pussycat

Kommentar Die Legende vom "Cosmopolitan", Gurley Brown, sah zu Lebzeiten zwar lächerlich aus - formulierte aber die fünf besten Tipps für Frauen und Männer im Beruf.
von Lucy Kellaway

Zu Lebzeiten hatte Helen Gurley Brown ein bisschen was von einer Witzfigur. Noch mit über 70 Jahren ließ sich die ehemalige Langzeit-Chefredakteurin der "Cosmopolitan" die Brüste vergrößern und beharrte darauf, Mädels - auch die ganz alten - brauchen vor allem zweierlei: viel Sex und viel Geld.

Beides ist zwar in etwas begrenztem Maße gut, aber nicht unbedingt miteinander vereinbar. Wer die ganze Zeit nur arbeitet, der lernt niemanden kennen, mit dem er Sex haben kann. Und lernt man doch jemanden kennen, ist toller Sex schwer hinzukriegen, schwirren im Hirn nur Zins-Swaps herum. Doch nun, nach ihrem Tod, ist Gurley Brown ein Vorbild für mich. Fast alles, was ich in der vergangenen Woche über sie gelesen habe, lässt mich ihr nacheifern wollen - vielleicht abgesehen von den häufigen Besuchen beim Schönheitschirurgen und wie sie ihrem Ehemann jeden Morgen das Frühstück zubereitet hat.

Schnell toppt geistreich

Ansonsten hat sie etwas fertiggebracht, was anscheinend heute niemand mehr tut: außerordentlich vernünftige und lebensnahe Dinge über die Arbeit zu sagen. "Man muss mit dem Rohmaterial, das einem zur Verfügung steht, nämlich sich selbst, arbeiten und darf niemals locker lassen", sagte sie einmal. Bei ihr gibt es kein seichtes Gewäsch darüber, dass jeder Begabung hat. Stattdessen verweist sie unumwunden darauf hin, wie mies ihr eigenes Rohmaterial war - sie hatte Akne und Hasenzähne. Egal, vieles ließ sich richten. Eifer war ein guter Anfang. "Je schneller man sich bei Leuten meldet, desto weniger geistreich muss man sein", sagte sie in einem weiteren schockierend vernünftigen Augenblick.

Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin   Lucy Kellaway ist FT-Kolumnistin

Kurz bevor dieses in hautenges Leopardenmuster gekleidete Genie starb, erhielt ich eine Pressemitteilung zu "I Shouldn't be Telling You This", dem Buch, das die jetzige Chefredakteurin der amerikanischen "Cosmopolitan", Kate White, kommenden Monat herausbringt. Demnach haben in den 50 Jahren seit Gurley Browns Buch "Sex und ledige Mädchen" die Ratschläge für berufstätige Frauen jämmerlich nachgelassen.

Whites erster Rat: Angeln Sie sich einen Job, für den Sie Leidenschaft empfinden. Das ist nicht nur zum Gähnen, das ist Quatsch. In Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit sollte sie niemandem etwas anderes erzählen als "Greifen Sie beim am wenigsten schlimmsten Job zu".

Kein Vergleich zum Original. Ich habe mich durch Gurley-Brown-Zitate aus fünf Jahrzehnten gearbeitet und bin zu dem Schluss gekommen, dass ihr eigentliches Vermächtnis nichts mit Sex und alles mit Arbeit zu tun hat. Tatsächlich finden sich unter den Zitaten die fünf weisesten und aufmunterndsten Ratschläge, die ich jemals gehört habe. Und sie sind nicht nur für berufstätige Mädels, sondern auch für berufstätige Jungs:

Fünf Ratschläge zum Merken

Der erste lautet, Mund halten. Sie hat es besser formuliert: "Man bedenke immer, bestreitet man ein Gespräch ganz allein, langweilt man jemanden." Das muss ich mir merken, und Sie auch.

Der zweite stellt auf den ersten Blick einen merkwürdigen Karrieretipp dar: "Beim Schminken sollte sich eine Frau sagen, ‚Heute Abend wirst du flachgelegt, Süße.'" Bildlich gesprochen ist das die Art psychologisches Stimulans, das wir alle jeden Tag brauchen - nicht so sehr flachgelegt, als vielmehr belohnt zu werden.

Den dritten empfinde ich tröstend: "Unsicherheit ist gut. Sie zwingt einen, etwas besser zu machen, treibt einen dazu an, sämtliche Begabungen zu nutzen." Lange Zeit hatte ich den Verdacht, neurotisch zu sein sei nützlich - auch wenn es alle anderen als lästig empfinden. Der beste Weg, gut zu sein, ist zu befürchten, man sei zu nichts Nutze.

Der vierte Tipp macht mich noch glücklicher: "Lieber ließe ich mir einen Weisheitszahn ziehen als zu einem Empfang zu gehen", sagte sie.Networking ist für Schlappschwänze. Halleluja.

Der letzte Tipp aber ist der wertvollste. Gurley Brown hat die Lösung zu einem Problem gefunden, mit dem so viele von uns zu kämpfen haben: Wir können uns beim besten Willen keine Namen merken, auch wenn wir jahrelang mit diesen Leuten zusammengearbeitet haben. Sie hatte eine ganz einfache Lösung: Sie nannte alle Welt "Pussycat", Schmusekätzchen. Genial daran war, dass sie, anstatt Leuten das Gefühl zu geben, bedeutungslos zu sein, ihnen das Gefühl gab, sie liebe sie. Deshalb liebten die Leute auch sie.

Die Sache hat nur einen Haken. Fange ich damit an, meine Kollegen mit "Pussycat" anzusprechen - oder gar "Pushycat", wie Gurley Brown es aussprach -, könnten sie das als etwas merkwürdig empfinden. Deshalb habe ich eine Alternative gefunden, die für eine kühle Britin angemessener ist. Von nun an und zum Gedenken an den größten Managementguru aller Zeiten werde ich jetzt alle Welt mit "Dear" ansprechen.

Quelle: The Financial Times

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