Den Auktionshammer hört man im neunten Arrondissement von Paris schon seit 1852. Schnäppchenjäger sehen sich hier Tag für Tag Gemälde, Möbel und Kunstgegenstände aus den unterschiedlichsten Epochen an, immer in der Hoffnung, dass der Ruf "Verkauft!" einmal direkt auf eines ihrer Gebote folgt.
Drouot zählt zu den ältesten staatlichen Auktionshäusern der Welt. Bis zu 6000 Menschen zieht es jeden Tag an - private Sammler, Händler, Trödler, internationale Käufer - und Laure Kraemer.
Eigentlich sind die Kunst- und die Geschäftswelt nicht die harmonischsten aller Partner, aber Kraemer, die bei Drouot jetzt das Marketing verantwortet, zählt zu dem wachsenden Kreis derer, die von einem speziell auf den Kulturbetrieb zugeschnittenen Management-Masterprofitiert.
"Kultur und Kunst ist ein vollwertiger Wirtschaftssektor, der Fachwissen und Erfahrung erfordert", sagt sie. "Nach meinem Kunstgeschichtsstudium war ich der Meinung, dass ich durch mehr Management- und Marketingkompetenz meinen Horizont erweitern und in meiner beruflichen Entwicklung einen Schritt nach vorn machen könnte. Also suchte ich gezielt nach einer Business School mit einem Bezug zum Kulturbetrieb."
Kraemer entschied sich für den Master in Management of Cultural and Artistic Activities an der ESCP Europe, ein einjähriges Programm in Paris und Venedig, das die Kerndisziplinen Marketing, Management, Finanzen und Recht abdeckt, aber eben mit Bezug auf Kultur und Kunst. "Wir lernten neue Möglichkeiten für die Bewertung kultureller Produkte, die Diversifizierung finanzieller Quellen, neue Methoden, den gesellschaftlichen Reiz von Kultur zu steigern, und vor allem eine stärkere Konzentration auf Budgetprioritäten", sagt sie.
Dank einer Kooperation mit der Università Ca'Foscari Venezia bietet das ESCP-Programm einen Doppelabschluss. "Kulturelle Aktivitäten sind zunehmend international, was unter anderem an EU-Finanzierungen liegt", sagt Kraemer. Dass das Studium in Paris und in Venedig stattgefunden hat, habe die Erfahrung um eine internationale Dimension ergänzt.
"Wertvoll war aber auch, dass wir kulturelle Aktivitäten mit Blick auf die künftige Entwicklung behandelt haben, nicht als etwas Abgeschlossenes aus der Vergangenheit. Das Internet bietet viele Chancen. In Form von Onlineauktionen habe ich damit in meinem beruflichen Alltag jeden Tag zu tun", so Kraemer.
Viele Business Schools betrachten einen Fach-Master-Abschluss als unnötig: Management ist Management, ob man nun ein Museum oder einen Fertigungsbetrieb leitet. Maria Koutsovoulou von der ESCP Europe sieht das ganz anders. "Es ist nicht einfach, kreative Köpfe wie einen Tom Ford zu führen", sagt die promovierte Psychologin, die früher als Managementberaterin in den Sektoren Kultur und Mode gearbeitet hat. "Und die Arbeit eines Controllers oder Rechnungsprüfers sieht im Louvre oder in einem Pariser Theater oder Opernhaus ganz anders aus als in einer Bank. Wir schulen unsere Studierende in den notwendigen Prozessen und Werkzeugen, aber mit einem Bewusstsein und Respekt für Kreativität."
Neben dem tagtäglichen Führen kreativer Mitarbeiter unterscheidet auch der Spagat zwischen gewinnorientierten und gemeinnützigen Projekten die Arbeit in kulturellen Organisationen von einem Job bei einem Wirtschafts- oder Finanzunternehmen, sagt Renaud Legoux, außerordentlicher Professor an der HEC Montreal, die diesen Herbst mit einem Master of Management of Cultural Organisations an den Start geht. "Es sind meist kleine Organisationen, die stark vernetzt und in Bezug auf die Belegschaft sehr instabil sind", sagt er. "Darüber hinaus müssen Kulturbetriebe Beziehungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen pflegen, von Regierungen über Mäzene, private Spender und Stiftungen bis hin zu Unternehmen."
Die Master-Studenten an der HEC Montreal - eine Schule, die bereits seit 1988 einen Fachabschluss im Management von Kulturbetrieben anbietet - müssen aber auch Kurse belegen, in denen sie die Managementpraktiken anderer Bereiche vergleichend und kontrastierend untersuchen.
Für die Aussicht auf Praktika ist auch der Standort entscheidend. Legoux sagt, das HEC-Programm werde auf eine mehr als 20-jährige Zusammenarbeit mit Montreals Kunstbetrieben zurückgreifen können, und die Stadt ist ein pulsierendes Kulturzentrum, das in Sachen Kunstmanagement bereits viel Erfahrung gesammelt hat.
Auch Paris und Venedig bieten Studierenden viele Chancen, ihre Lebensläufe um interessante Praxiserfahrungen zu ergänzen. An der ESCP verbringen die 30 Studierenden eines Programmjahrgangs das erste Semester in Venedig, wo sie Kunst- und Kulturgeschichte studieren. Dann folgt ein weniger akademisches und stärker praxisorientiertes Semester mit Managementstudium in Paris. Anschließend steht ein vier- bis sechsmonatiges Praktikum auf dem Plan. Die Palette der Organisationen reicht vom Auktionshaus Christie's über die Unesco, die Kulturagentur der Uno bis hin zur Biennale Venedig. Abgeschlossen wird der Kurs mit einer Masterarbeit.
Das Programm besteht erst seit fünf Jahren, aber unter den Absolventen finden sich bereits hochrangige Manager wie der Controller des Louvre und der Vize-Verwaltungschef des Schlosses von Versailles.
"Die Ehemaligen bauen eigene Netzwerke auf, deshalb ist es jetzt deutlich einfacher, Stellen und Praktika zu bekommen, als noch im ersten Jahr", räumt Koutsovoulou ein.
Die ESCP sagt, die Nachfrage nach dem Programm, das 2012/2013 11.800 Euro kostet, sei so groß, dass locker doppelt so viele Studierende aufgenommen werden könnten. "Aber wir wollen sicherstellen, dass die Absolventen auch einen Job finden. Daher begrenzen wir die Zahl der Studierenden auf 30", sagt Koutsovoulou. Der ESCP-Campus in Madrid habe bereits Interesse bekundet, ein ähnliches Programm aufzulegen.
"Wir werden sehen, ob wir eine Partnerschaft mit örtlichen Institutionen aufbauen können. Gern würden wir an all unseren Standorten ein richtig starkes Kulturmanagementangebot aufbauen. Dabei würden wir auch gern mehr Doppelabschlüsse anbieten und mehr internationale Studierende gewinnen, vor allem aus Osteuropa, Lateinamerika und China", sagt sie.
Die Copenhagen Business School (CBS) bietet einen Doppelabschluss mit der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand an, wenngleich dieses Angebot auf fünf Studierende pro Universität und Jahr beschränkt ist.
Der zweijährige Master umfasst auch ein zehnwöchiges Praktikum bei Industriepartnern wie dem Verlagshaus Egmont, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsender Danish Broadcasting Corporation, dem Musikbranchenverband IFPI Denmark, italienischen Modehäusern, indischen Animationsstudios und Bollywood-Firmen.
"Der Doppelabschluss ist eine echte Herausforderung, denn er reißt die Studierenden aus ihrer gewohnten Umgebung und steckt sie stattdessen ein Jahr lang an eine Partneruniversität", sagt Rene Barseghian, der für Doppelabschlüsse zuständigen Koordinatorin an der CBS.
"Sie müssen sich schnell an ein anderes Bildungssystem gewöhnen, aber Studierende, die eine unkonventionelle Erfahrung suchen oder eine internationale Karriere anstreben, sind daran sehr interessiert", sagt sie.
Aus: The Financial Times, London. www.ft.com