Wo lernt die Elite? Die besten Schulen mit MBA-Programmen, dazu Rankings, Trends und Entwicklungen.
Helen Kwok hätte es auch einfacher haben können. In ihrer Heimat gibt es zwei erstklassige Business-Schulen direkt vor der Haustür. Die 29-Jährige kommt gebürtig aus Hongkong und arbeitete neun Jahre lang dort. Doch Kwok war nicht zufrieden: "Die Krise 2008 hatte mir meinen Job verschafft, doch ich war noch gar nicht bereit dafür." So kündigte sie vor einem halben Jahr, packte ihre Sachen und zog nach Deutschland - für einen MBA an der Mannheim Business School (MBS).
Bei Familie und Freunden stieß sie damit auf Unverständnis - mitten in der Krise nach Europa? Kwok aber hatte schon Jahre zuvor ein Auge auf Deutschland geworfen, als sie in Amsterdam studierte und für ein Praktikum nach Deutschland ging. Trotz der Euro-Krise gibt sie sich optimistisch: "Ich habe schon Sorge, dass ich keinen Job finde nach dem Programm - aber Deutschland hat sich doch ganz gut gemacht bisher."
Kwok zauderte weniger als andere MBA-Interessierte: Zeitgleich zum europäischen Schuldendesaster im Jahr 2011 sank die Bewerberzahl erstmals seit Jahren an fast allen europäischen Schulen um zehn bis 25 Prozent. Doch die Führungsspitzen der Managerschmieden geben sich gelassen. Claire Lecoq, Direktorin für Marketing, Zulassung und Karriere-Services an der IMD Business School in Lausanne, weiß aus Erfahrung: "Gibt es eine Krise, sinken die Bewerberzahlen immer."
Erik Schlie, Dekan des Instituto de Empresa (IE) in Madrid, kann die Bedenken der Studenten gut verstehen: "Die Leute wissen einfach nicht mehr: Lohnt es sich, einen festen Job aufzugeben, um einen MBA zu machen?" Deshalb steige auch die Nachfrage nach berufsbegleitenden Programmen. Wie sich ein Bewerber letztendlich entscheide, hänge von seinem persönlichen Risikoprofil ab, sagt Schlie: "Glauben sie, dass sie auch später einen Job finden, geben sie ihren momentanen Job für das Studium auf." Die IMD will trotzdem nichts unversucht lassen: "Während der Assessment-Center reden wir mit unsicheren Bewerbern, machen ihnen Mut, den MBA in Europa zu machen", sagt Lecoq. Da wird der Prüfstand plötzlich zur Seelsorge.
Deutschlands MBA-Hochburgen hat die Krisenstimmung kaum eingeholt. Ralf Bürkle, Pressesprecher der MBS, gibt sich zuversichtlich: "Europa ist immer noch einer der Märkte, auf dem sich im MBA-Bereich am meisten tut." Auch Heidrun Hoffmann, Senior-Program-Managerin an der WHU Otto Beisheim School of Management, sieht keinen Anlass zur Sorge: "Wir haben konstant steigende Bewerberzahlen, auch in diesem Zyklus. Wir werden von Jahr zu Jahr bekannter."
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Solange aus der Nachfrage noch eine den Qualitätsansprüchen genügende Klasse gebildet werden kann, macht sich Oliver Ashby vom Recruiting der London Business School (LBS) wenig Gedanken. Ein bisschen ist die Sorge um den Bewerberschwund also Klagen auf hohem Niveau. Und nicht nur Bürkle in Mannheim und Hoffmann von der WHU sind sich sicher: Das europäische Erlebnis -gekoppelt mit der Internationalität von Programm, Teilnehmern und Mitarbeitern - macht das postgraduale Studium in Europa weiter beliebt.
Die Internationalität gilt als Steckenpferd europäischer MBA-Programme. Fragt man die Schulen nach der Anzahl von Nationalitäten, die während des Studiums zusammenträfen, verkünden sie stolz Zahlen, die zwischen 20 und 50 liegen. Schlie sagt daher, dass das MBA-Programm der IE weltweit funktionieren würde: "Wir sind eine globale Business School, die zufälligerweise in Spanien liegt." Ähnliche Aussagen hört man auch von zahlreichen anderen Schulen.
Doch besonders Studenten aus Entwicklungsländern interessieren sich weniger für das kreative, internationale Portfolio der Schulen, sondern mehr für vielversprechende Jobs. Genau dort setzt die London Business School (LBS) an: "Unser Career Service versucht alles, um den Studenten Praktika während des Studiums zu vermitteln. Denn die sind gerade in solch schwierigen Zeiten der Schlüssel zu einem späteren Job", sagt LBS-Recruiter Ashby.
Der Ton auf dem Karrieremarkt ist auch für Hochqualifizierte ein wenig rauer geworden. Caroline Diarte Edwards, Leiterin des Bereichs Bewerbung, Finanzierung und Marketing der Insead in Frankreich, kann das bestätigen: "Die Herausforderung ist da. Wir arbeiten da mit einem weltweiten Netzwerk zusammen, sodass jemand, der in Paris oder London derzeit keinen Job findet, in Übersee bessere Chancen hat."
Wer nicht gerade einen Job in der Finanzindustrie sucht, hat auch in Großbritannien eine Chance: "Von unseren Alumni bleiben immer noch rund 70 Prozent allein in England - auch jetzt, nur eben vermehrt in der Industrie", sagt Ashby. Doch es wird nicht leichter: Gerade kleinere Unternehmen wenden sich teils ab.
Bürkle von der MBS ist da deutlich pragmatischer: "Wer später einen Job in Europa will, der bekommt auch einen", sagt er. "Die Schule gibt sich sehr positiv, was unsere Jobaussichten angeht", bestätigt Studentin Kwok. Sie und ihre Kommilitonen lassen sich davon nicht so recht anstecken: "Viele wollen schon gern in Deutschland oder Europa bleiben. Aber wir sind durch die internationale Ausbildung mobil, können überall hingehen."
Auch zurück nach Asien, denn dort hängen die guten Jobs nicht so hoch wie zum Teil in Europa. Für den europäischen Arbeitsmarkt hat die Internationalität der hiesigen MBA-Programme durchaus Nachteile: Denn einige Studenten planen ohnehin eine Rückkehr ins Heimatland - und arbeiten, wenn überhaupt, nur kurz in Europa.
Den europäischen Business-Schulen erwächst zunehmend Konkurrenz aus Asien. Schulen in Hongkong, Singapur und Indien sind in den Rankings gut vertreten. MBS-Pressesprecher Bürkle macht das nicht bange: Natürlich seien China und Indien Mitbewerber für europäische Schulen, gemessen an der Anzahl der Plätze, die gute Business-Schulen in Indien anbieten, sei das aber ein Tropfen auf den heißen Stein. Und Jürgen Weigand, akademischer Leiter der MBA-Programme an der WHU, ergänzt: Eine Ausbildung in China und Indien sei, wenn auch international, eher auf die lokalen Märkte zugeschnitten. Diarte Edwards von Insead erklärt hierzu allerdings, ihre Schule biete mit dem Campus in Singapur eine Zwischenlösung an, die bei den Studenten gut ankomme.
Dass die MBA-Bewerber ausbleiben oder das Programm als überambitioniert abgetan wird, sorgt IE-Dekan Schlie nicht: "In einem europäischen MBA bekommt man einfach ein ganz besonderes Paket." Kwok hofft jedenfalls, in Deutschland oder Europa einen Job zu finden. "Ich habe schon zwei Interviews geführt und weitere Bewerbungen abgeschickt. Aber Unternehmen in Deutschland brauchen immer so lange, um sie zu bearbeiten."