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Merken   Drucken   11.08.2012, 09:00 Schriftgröße: AAA

Mehr als Business-English: Wie Sprachreiseanbieter vom Bildungshunger profitieren

Sprachkurse sind beliebt, das Angebot wächst. Doch viele Anbieter verlangen hohe Preise und bieten wenig Lernerfolg
von Steffi Hentschke und Hamburg

Mit schwierigen Bedingungen kennt Stefan Schwarz sich aus. Der deutsche Geschäftsführer des Sprachreiseanbieters Education First (EF) war zuvor in der Zentrale des Unternehmens für Nigeria und den Iran zuständig. Vor zwei Jahren wurde er nach Deutschland entsandt, um den Standort voranzubringen. EF ist weltweit der größte private Konzern für internationale Bildung, nur hierzulande lief das Geschäft nicht rund: zu geringer Marktanteil, zu viele Beschwerden. Beschwerden gibt es immer noch, trotzdem läuft das Geschäft jetzt blendend.

Schwarz baute neue Standorte auf, investierte in Personal für mehr Beratung und Vermarktung. Das Ergebnis: Der Umsatz stieg im Vergleich zu 2010 um 50 Prozent. Rund 9000 Schüler und Studenten buchen jährlich bei ihm eine Reise.

Und nicht nur EF profitiert von der Lern- und Reiselust der Deutschen. "Die Nachfrage hat deutlich angezogen", sagt auch Monika Düngemann, Produktmanagerin bei LAL Sprachreisen, eine Tochter des Touristikunternehmens FTI. "Die Zielgruppe wird immer größer und immer jünger."

Nicht aufgepasst! Doch diese Vokabeln sollten Sprachschüler kennen ...   Nicht aufgepasst! Doch diese Vokabeln sollten Sprachschüler kennen - sie tauchen immer wieder in Verträgen auf

Rund 80.000 Kinder gehen jährlich ins Ausland, schätzt der Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV) - Tendenz steigend. Stark gefragt sind längere Sprachaufenthalte in den Ferien, aber vor allem nach dem Abitur - als Ersatz für das Highschool-Jahr, das heute häufig wegen der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium nur noch schwer möglich ist.

Mit schrumpfenden Schülerzahlen hat die Branche kaum zu kämpfen, ihre Klientel rekrutiert sie überwiegend am Gymnasium, und dort steigt die Zahl. Und: Mittlerweile werden sogar schon Grundschüler auf Sprachreise geschickt. "Eltern wollen ihre Kinder immer früher fit machen für die Arbeitswelt", sagt FDSV-Geschäftsführerin Julia Richter. Sie wollen, dass der Nachwuchs akzentfreies Oxford-Englisch spricht und interkulturelle Erfahrungen sammelt.

Dafür sind sie auch bereit, viel Geld auszugeben. Ein zweiwöchiger Sprachaufenthalt in England inklusive Flug, Verpflegung, Unterkunft und Unterricht kostet mindestens 1500 Euro. In der Branche werden allein mit Schülersprachreisen jährlich über 120 Mio. Euro umgesetzt, hinzu kommt noch mal die gleiche Summe im Erwachsenenbereich.

Der Markt ist hart umkämpft, der Konkurrenzdruck enorm: Rund 150 Anbieter buhlen um Kunden. Darunter sind viele kleine Firmen, wo der Geschäftsführer noch selbst die Reise begleitet. Und große wie EF oder LAL. Beide sind auf Wachstumskurs. "Das Geschäft läuft sehr, sehr gut", sagt Düngemann von LAL. Sie spricht von Umsatzsteigerungen "im zweistelligen Prozentbereich". Die Firma baut ihr Angebot gerade massiv aus und bietet auch Einzelunterricht sowie Abiturvorbereitung an. Der Studienreiseveranstalter Studiosus hingegen hat sich im vergangenen Jahr aus dem Segment verabschiedet, weil Sprachkurse zunehmend im Internet gebucht würden und nicht mehr über Reisebüros. LAL allerdings verkauft die meisten Kurse über Reisebüros.

Doch kein Anbieter im Markt tritt so aggressiv auf wie EF. Die Düsseldorfer geben zwölf Prozent ihres Gesamtbudgets für Marketing aus. Sie verschicken Tausende Kataloge, sind auf Messen präsent, plakatieren in Bussen, bei jeder Google-Suche nach Sprachreisen taucht der Name EF auf.


Sprachführer
Lernen 80.000 Schüler nehmen jährlich an Sprachreisen teil, 94 Prozent von ihnen wollen Englisch lernen - am liebsten in England oder auf Malta. Jugendliche gehen auch gern in die USA oder nach Südafrika. Im Schnitt buchen Eltern zwei Wochen Sprachaufenthalt.
Buchen Rund 150 Anbieter sind auf dem deutschen Markt aktiv - aber nur 50 davon gelten als seriös. Experten raten, nur bei Veranstaltern zu buchen, die dem deutschen Reiserecht unterliegen und ihre Leistungen transparent machen. Verbraucher können sich unter www.abi-ev.de informieren

EF ist bekannt und erfolgreich, aber auch umstritten: In Internetforen finden sich reihenweise Beiträge wütender Kunden, die sich über ungenaue Angaben im Prospekt, schlechte Beratung und versteckte Kosten beschweren. "EF, nein danke!!! Nur Abzocke!!", heißt es da etwa.

Auch Eva Huber sagt: "Wir machen mit denen nie wieder eine Sprachreise." Sie buchte für ihren Sohn Sebastian in diesem Sommer eine zweiwöchige Sprachreise nach Oxford und zahlte dafür insgesamt 2636 Euro. "Nach der Buchung kam plötzlich eine Rechnung mit lauter zusätzlichen Kosten, sogar für Währungsschwankungen sollten wir zahlen", sagt die Mutter. Auch inhaltlich war das Angebot dürr: Innerhalb von 13 Tagen wurde nur an sechs Tagen effektiv Unterricht gegeben, sonst gab es Tests, Besprechungen, Ausflüge. Huber fühlt sich "richtig geneppt". Für den Preis hätte ihr Sohn zwei Jahre lang einen Sprachkurs machen können - und dabei wohl deutlich mehr gelernt.

Beim Verband FDSV kennt man diese Klagen. "Immer wenn es Kritik an Sprachreisen gibt, taucht der Name EF auf", sagt Geschäftsführerin Richter. Um Qualitätsstandards zu gewährleisten, vergibt der Verband ein Gütesiegel an seine 25 Mitglieder. EF gehört nicht dazu.

Geschäftsführer Schwarz spielt die Vorwürfe herunter: "Wir sind in der Tourismusbranche, da gehören Beschwerden dazu." Bei etwa jeder zehnten Reise gebe es etwas zu beanstanden. "Wenn sich jemand bei uns meldet, gehen wir dem nach", sagt er, "wir messen die Schulen an ihrer Bewertung, und wenn da eine mehrfach negativ auffällt, entlassen wir den Schulleiter." Das Unternehmen selbst halte sich an das deutsche Reiserecht, darin seien etwa auch Ausgleichszahlungen für Währungsschwankungen ausdrücklich erlaubt.

Allerdings: Nicht nur EF macht Sprachschülern leere Versprechen. Der Verband stuft nur gut ein Drittel der Anbieter als seriös ein. Gerade bei Aufenthalten in Gastfamilien gebe es immer wieder Ärger, da die Veranstalter gar nicht so viele geeignete Familien finden könnten, wie Nachfrage besteht. In den Katalogen werden diese als herzlich offeriert. Doch: "80 Prozent der Familien machen das des Geldes wegen", sagt Barbara Engler vom Verein Aktion Bildungsinformation, sie berät seit 25 Jahren Verbraucher in Bildungsfragen.

Für sie steht fest: Kleine, etablierte Anbieter sind für Schülersprachreisen besser, da sie in der Regel ein enges Verhältnis zu den Sprachschulen und Gastfamilien pflegen. Bei diesen Anbietern gebe es deutlich weniger Probleme. "Hier liegt die Beschwerdequote bei nahezu null Prozent."

  • FTD.de, 11.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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