Simone Menne ist es gewohnt, unterschätzt zu werden. Sie habe "lange Zeit und sehr penetrant vielen Leuten" gesagt, dass sie eines Tages Finanzvorstand werden wolle, erzählte die 51-jährige Managerin einmal der FTD. Aus dem Mund einer Frau war das aber offenbar manchen ihrer Lufthansa-Kollegen zuviel des Ehrgeizes: "Einige haben versucht, mir das auszureden - und mir geraten, mir bescheidenere, vermeintlich realistischere Ziele zu setzen."
Menne ignorierte solche Ratschläge - und hat sich durchgesetzt: Zum 1. Juli löst sie Stephan Gemkow als Finanzvorstand der Lufthansa ab. Menne ist nicht nur die erste Frau im Spitzengremium der größten deutschen Fluggesellschaft, sondern auch die erste, die überhaupt bei einem DAX-Konzern die Zahlen kontrollieren darf.
Am Dienstag will Lufthansa-Chefaufseher Jürgen Weber seinen Aktionären die neue Finanzchefin vorstellen. Es dürfte für ihn die einzig angenehme Episode auf der Hauptversammlung sein, die ansonsten turbulent zu werden verspricht - wegen schlechter Ergebnisse, unzufriedener Mitarbeiter und nörgelnder Vielfliegern.
Nun soll Menne künftig den schwierigen Spagat zwischen Service und Sparkurs meistern. Sie sei "beängstigend gut", sagt ein Kollege über sie. Zudem verfüge sie über eine charmante, weibliche Hartnäckigkeit, mit der sie sich auch in der männerdominierten, von Ingenieuren geführten Lufthansa-Welt durchsetzen könne. Seit 23 Jahren arbeitet sie für den Konzern: Unter anderem drei Jahre in Nigeria, später als Leiterin des Finanz- und Rechnungswesens bei der Technik-Tochter, dann als Finanzchefin bei der britischen Tochter BMI, die jetzt an British Airways verkauft wurde.
Ihr jetzt erfolgter Aufstieg zum Konzernvorstand ist jedoch nur auf dem Papier die logische Konsequenz. In der Praxis musste Menne hart kämpfen: Es gibt bei der Lufthansa nur wenige Top-Managerinnen, viel präsenter im Selbstverständnis sind Flugbegleiterinnen in ihren schicken Kostümen. Als Menne etwa im Juni 2010 - ebenfalls als erste Frau - in den Vorstand der Tochter BMI berufen wurde, war das dem Konzern nur eine winzige Meldung in der Mitarbeiterzeitung wert. Auf eine eigene Mitteilung, wie sie andere Manager bei einem solchen Aufstieg bekommen, verzichtete die Presseabteilung.
Menne, die selbstbewusst, aber freundlich und zugänglich wirkt, hat sich intensiv mit der Rolle von Karriere-Frauen auseinander gesetzt - und spricht über bestimmte Phänomene inzwischen gelassen. Sie sei "auch immer ein bisschen Exot gewesen", sagte sie über ihre Rolle. Nachteile habe sie zwar nie erfahren. Sie musste aber die Unterschiede zwischen Männern und Frauen lernen. "Als Frau ist man den Männern entweder zu nett oder zu zickig. Wir treffen für ihre Ohren selten den richtigen Ton."
Ihr sei etwa oft vorgeworfen worden, dass sie nicht auf den Tisch haue, um sich durchzusetzen. Ein Vorwurf, der inzwischen abprallt: "Wenn ich meine Themen mit freundlicher Penetranz anbringen kann, ist das doch auch in Ordnung." Zudem sei sie manchmal im Vorteil: Sie könne etwa leichter mal etwas vorlaut sein, Humor einsetzen, Dinge augenzwinkernd vortragen.
Auch mit den Klischees, die ihr im Laufe der Jahre immer wieder begegnen, geht sie entspannter um. Kolleginnen etwa seien erfreut, "dass man nicht zwingend ein Mannsweib sein muss, um Erfolg zu haben". Auch ihre private Situation analysiert Menne, kinderlos, nüchtern: "Es war zunächst Zufall und später eine bewusste Entscheidung, dass ich lieber Karriere machen möchte. Ich bereue das aber nicht, mein Job macht mir großen Spaß."
Sie möchte eine Vorreiterin sein - über die Lufthansa hinaus. Sie sieht jedoch nicht nur die männlichen Entscheider in der Pflicht. Auch die Frauen selbst, mahnt sie, müssten anders auftreten. Sie selbst sei von ihren Eltern mit einem gesunden Selbstvertrauen erzogen worden: "Meine Mutter hat immer gearbeitet, als Einzelkind habe ich viel Aufmerksamkeit erfahren."
Viele Frauen müssten jedoch erst lernen, sich selbst mehr zutrauen, und klarer über ihre Ziele zu reden, um nicht übersehen zu werden. Bei der Lufthansa etwa traue man Frauen "eher Positionen in der zweiten Reihe, als gute Zulieferin zu - und nicht als Macherin, als Vorstand", sagte Menne noch vor zwei Jahren. Das hat sich, das hat sie jetzt geändert.