Eigentlich wollte ich ignorieren, dass zurzeit jede Menge Athleten nach London strömen, um an einer Sportveranstaltung teilzunehmen. Ich mache mir nichts aus Laufen, Springen, Werfen, Treten oder Schlagen. Sportfeste in der Schule waren für mich der Horror - die Ziellinie schien so unerreichbar weit weg. Ich fand schon immer, einer der wunderbaren Vorteile des Erwachsenwerdens ist, dass man nie wieder an Wettlauf oder Sprünge übers Seitpferd denken muss.
Allerdings muss ich jetzt feststellen, dass es unmöglich ist, nicht über Sport nachzudenken. Olympia ist überall - egal wo ich hinschaue, was ich lese oder trinke, wie ich mich bewege und womit ich mir die Haare wasche. Manches ist gar nicht so übel: Mir macht es eigentlich nichts aus, dass die Cola-Light-Dose vor mir auf der einen Seite fünf Ringe hat, denn ich kann sie umdrehen und feststellen, dass das leckere Chemiegebräu innen drin genauso schmeckt wie immer. Auch die Flaggen und Fähnchen sind verzeihlich, eigentlich sind sie sogar ganz lustig.
Weniger verzeihlich ist die Tatsache, dass ich an einem "Verkehrsbrennpunkt" arbeite und dass seit dieser Woche 800.000 mehr Menschen U-Bahn fahren. Mit dem Fahrrad ist es nicht besser: Wer eine der Olympia-Spuren nutzt, muss 130 Pfund Strafe zahlen. Und die Mall kann man überhaupt nicht entlangfahren, weil sie gesperrt ist - offenbar, um in Sachen Stau zu helfen.
Allmählich fühle ich mich wie eine Jüdin oder Muslimin zu Weihnachten: gefangen in einer Mammutfeier, für die alles stehen und liegen bleibt, nur ich habe nichts für das Jesuskind übrig. Oder für muskelbepackte Männer und Frauen in hautenger Kleidung. Weihnachten dauert wenigstens nur ein paar Tage. Die Olympischen Spiele dagegen dauern einen ganzen Monat.
Selbst in meinem Büro bin ich nicht sicher. Mein Posteingang ist voll mit Nachrichten von Managementvordenkern, die banale Lektionen anbieten, wie Unternehmen von Sportlern lernen können. Einer sagt, Führungskräfte sollten immer die Goldmedaille im Blick haben. Ein anderer meinte, auch Unternehmen sollten nach dem "Schneller, stärker, weiter" streben.
Die einzige Studie, die mir gefällt, fand ich in der Zeitschrift "Psychological Science". Danach können Sportler ihre Leistung steigern, indem sie Glücksunterhosen tragen. Stimmt das, ist dieser Rat für uns alle unbezahlbar. Da es anscheinend unmöglich ist, dieses weltumspannende Sportfest zu ignorieren, habe ich mich entschlossen, meine eigenen Olympia-Lektionen für die Wirtschaft aufzustellen. Das ist leichter gesagt als getan, denn es gibt nur eins, was Unternehmen von Sportlern lernen können: Reich sein hilft.
Mehr als die Hälfte des britischen Olympiateams in Peking besuchte eine Privatschule. Das beweist: Im Sport, wie überall auch sonst, verschafft ein dicker Geldbeutel einen großen Vorsprung. Ansonsten scheint eine zentrale Lektion darin zu bestehen, dass dieses Fest der Wettkämpfe jegliche andere Art des Wettbewerbs ausschaltet. Nie zuvor habe ich in einer freien Marktwirtschaft erlebt, dass Leuten gesagt wird, sie können nur mit Visa-Karte zahlen oder nur Pommes frites von McDonald's essen.
Und noch etwas zeigen die Olympischen Spiele: Wo kein Wettbewerb herrscht, gibt es auch keine Meinungsfreiheit, und die Bürokratie triumphiert. Ein Restaurant musste das O aus seinem Namen entfernen und sich stattdessen Lympic nennen. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass alle Sponsoren für jeden Tweet, den sie verschicken, die Genehmigung des Internationalen Olympischen Komitees einholen müssen - ein Verfahren, das drei bis vier Wochen dauert. Ich kenne jemanden, der die Genehmigung für 2000 Tweets beantragt hat. Das heißt, ab dieser Woche kann er ungestraft Sätze twittern wie "Hab trotz Regen viel Spaß im olympischen Dorf" oder "Die Sonne lacht auf viele glückliche Menschen im olympischen Dorf herab".
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Vor allem aber beweisen die Spiele, dass Sport und Arbeit einander ausschließen. Für Schulsportfeste mussten Eltern früher einen halben Tag freinehmen. Das olympische Weltsportfest in London wird dagegen Tausende Arbeitnehmer wochenlang hindern, ins Büro zu gehen.
Vor Kurzem rief mich ein Radiojournalist an und fragte, ob ich als Gast in seiner Sendung auftreten und etwas darüber sagen würde, dass die Olympischen Spiele die Wunder der flexiblen Arbeitszeiten zeigten und bewiesen, dass das Büro der Zukunft zu Hause sei. Ich lehnte ab, weil ich sicher bin, dass sie genau das Gegenteil beweisen. Wenn die Spiele vorüber sind, werden die Menschen erkennen, dass eine Stadt, in der man sich frei bewegen kann und rechtzeitig zur Arbeit kommt, ein echter Grund zum Feiern ist.
Quelle: The Financial Times