Wo lernt die Elite? Die besten Schulen mit MBA-Programmen, dazu Rankings, Trends und Entwicklungen.
"Frankreichs Grandes Écoles wurden von Unternehmen entwickelt", sagt Patrice Houdayer von EM Lyon. "Von Anfang an bestand also ihr Hauptziel nicht darin, einfach nur akademische Fähigkeiten aufzubauen, sondern auch darin sicherzustellen, dass die Absolventen gut auf die Unternehmen vorbereitet sind. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, dafür zu sorgen, dass unsere Studenten der Geschäftswelt viel Potenzial bieten."
Zeitpunkt, Länge und Ausgestaltung variieren, aber im Allgemeinen absolvieren die Studenten bis zu drei Praktika während oder unmittelbar im Anschluss des akademischen Programms.
Bei der HEC Paris beispielsweise sind vor einem Abschluss 30 Wochen Praktikum oder ein Jahr Berufserfahrung vorzuweisen. Fast alle Studenten nehmen zwischen dem zweiten und dem dritten Studienjahr eine einjährige Auszeit, während derer sie bis zu drei Praktika durchlaufen.
Entwickelt wurde der französische Ansatz vor 20 Jahren, um die Interessen von Arbeitgebern, Studenten und Lehrkörper gleichermaßen zu bedienen, sagt Delphine Manceau, die bei ESCP-EAP das Grande-École-Programm leitet: "Die Studenten hatten bei kurzer Laufzeit Probleme, wirklich interessante Praktikumsplätze zu finden, die ein gutes Maß an Verantwortung boten. Bei zwei oder drei Monaten bleibt gerade Zeit, die Kultur und die Abläufe des Unternehmens zu begreifen, dann ist es auch schon vorbei", sagt sie.
Unternehmen sahen ein zweimonatiges Praktikum als reine Beobachtungsperiode an, während derer die Studenten keine Verantwortung übernehmen und nicht an Entscheidungen beteiligt sein sollten. Die Professoren dagegen wünschten sich, dass die Studenten länger in den Unternehmen blieben, um ihre Erfahrungen dann ins Studium einbringen zu können. Dies sollte die Kurse für Studenten und Lehrer interessanter machen. In längeren Praktika können Studenten viel mehr erreichen, als nur das Gelernte auf praktische Probleme anzuwenden.
"Sie tragen in den Unternehmen echte Verantwortung und können prüfen, ob die Laufbahn, die sie einschlagen wollen, gut für sie ist oder nicht", sagt Manceau.
Als weiteren Vorteil führt Houdayer an, dass die Studenten eine Vorstellung davon bekommen, welche Fähigkeiten sie entwickeln sollten. Ein Student stellt bei seinem ersten Praktikum möglicherweise fest, dass ihm für das Markenmanagement notwendige Finanzfähigkeiten fehlen. Nach seiner Rückkehr in die Schule kann er die Wissenslücken gezielt schließen. "Mit 'le stage' erhält man spezifisches Wissen, über das man ansonsten nicht nachgedacht hätte", sagt Houdayer.
Bei der Jobsuche erweist sich die Berufserfahrung aus den Praktika als Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen Mitbewerbern anderer Universitäten, sagt Françoise Quédeville-Marmey, akademische Leiterin an der Business School Essec.
"Das wichtigste Praktikum ist das am Ende der Lernphase", sagt sie. "Für die Unternehmen ist es eine Prüfung, ein Test vor der Einstellung." Dieses Jahr wurden von Quédeville-Marmeys Studenten fast 60 Prozent von den Firmen übernommen, bei denen sie ihre abschließenden Feldstudien durchgeführt hatten.
In Frankreich ist das Stage-System inzwischen ein so fester Bestandteil, dass jeder Schule tausende Praktikumsplätze in den großen französischen Unternehmen angeboten werden. Einige große Finanzdienstleister bieten bis zu 1000 Praktikumsplätze jährlich.
Die Beweggründe der Firmen liegen auf der Hand: So wie die Studenten ihre Möglichkeiten ausprobieren können, haben auch die Firmen die Möglichkeit, jeden ausführlich zu testen, sagt Houdayer. Dank ihrer Erfahrungen und ihres Wissens lassen sich Absolventen schnell eingliedern, sagt Philippe Labrousse, Karriereberater beim Essec-Mastersprogramm.
Natürlich lässt sich ein Missbrauch des Systems nicht vermeiden. Praktikanten erhalten im Normalfall nicht so viel Geld wie normale Angestellte, sodass sich einige Unternehmen nur zu gerne mit günstigen Arbeitskräften eindecken und bis zu einjährige Praktika anbieten, auf die kein Jobangebot folgt. In einigen Fällen ist der Kontakt zum Management auf das Allernötigste beschränkt, und die letzte Aufgabe besteht darin, drei Wochen lang den Nachfolger einzuarbeiten.
2006 hat die Regierung Maßnahmen ergriffen, die den Missbrauch einschränken sollen. Die neuen Bestimmungen geben der Weiterbildung des Studenten mehr Gewicht und nehmen die Firmen stärker in die Verantwortung. Die Dauer der Praktika wird auf sechs Monate begrenzt.
Manceau glaubt, dass Stage-System könne außerhalb Frankreichs stärker Fuß fassen, wenn der Master of Sciences europaweit mehr Akzeptanz genieße. In einem Aspekt ist "le stage" bereits international, denn Schüler der Grandes Écoles reisen teilweise weltweit für ihr Praktikum. Der Einsatz findet dann jedoch meist in Ablegern französischer Konzerne statt oder bei multinationalen Firmen, die mit dem französischen System vertraut sind.