Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
An diesem Wochenende erreicht Werner Müller endlich sein Ziel. Er tritt das Amt als Chef der mächtigen Essener RAG-Stiftung an, der Klammer für den deutschen Restbergbau, den Chemiekonzern Evonik und ein paar Hunderttausend Wohnungen. Er wird Herr über mehr als 55.000 Beschäftigte und rund 18 Mrd. Euro Umsatz. Dieses Konstrukt ist ohnehin sein Werk - ohne Müller wäre die Stiftung vor fünf Jahren nie aus der Taufe gehoben worden. Ihr eigentlicher Zweck: Ausstieg aus dem deutschen Kohlebergbau, und zwar ohne großen Crash im Ruhrpott. Die Gewerkschaft IG BCE gewann Müller damals geschickt für diese Idee, indem er das Ende bis 2018 streckte. So kann die Schrumpfung ohne Kündigungen erfolgen. Die Finanzpolitiker sind auch beruhigt, denn die Staatskasse wird verschont. Die Folgekosten des Bergbaus sollen stattdessen die Erlöse aus einem Evonik-Börsengang decken.
Für Müller, 66, ist der Job ein später Triumph. Eigentlich wollte er ihn 2007 schon haben. Zwar behauptete er damals: "Mein Überleben hängt nicht von dieser Frage ab." Aber es war offensichtlich, dass er damit sein Lebenswerk krönen wollte. Doch der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers stellte sich quer. Müllers Gegner fürchteten den Zigarilloraucher aus Mülheim als Strategen, Strippenzieher und Netzwerker. Als letzten Ruhrbaron.
Dabei ist er ein notorischer Querkopf - ein Diplom-Volkswirt, der eigentlich Konzertpianist werden wollte und in Sprachwissenschaften promovierte. Einer, der als junger RWE -Manager in einem Buch die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch prognostizierte. Das mag 1980 zu seinem raschen Wechsel zum Rivalen Veba, einer Eon-Vorläuferfirma, beigetragen haben, wo er von der Atomkraft abriet - wegen fehlender öffentlicher Akzeptanz. Als parteiloser Wirtschaftsminister im ersten Kabinett von Gerhard Schröder, SPD, verhandelte er dann den geplanten Atomausstieg.
Der Grenzgänger zwischen Wirtschaft und Politik stieß auch damals auf Vorbehalte in der CDU. Ebenso wie zuletzt bei der Kür zum RAG-Chef. Doch nach dem Wahlsieg der Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen vor zwei Jahren wuchs das Netz seiner Verbündeten im Kuratorium.
IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis gehörte immer schon dazu - aus gutem Grund. Als Müller 2003 Chef der früheren Ruhrkohle wurde, baute er den Konzern in mehreren Schritten in Richtung Stiftungslösung um. Allein in den ersten anderthalb Jahren wechselten 280 Tochterfirmen mit mehr als 4 Mrd. Euro Umsatz den Besitzer. Der Auslandsbergbau wurde verkauft, ebenso der Chemiekonzern Degussa , später auch die Kraftwerkssparte. Dass es bei dem Mammutwandel keine betriebsbedingten Kündigungen gab, rechnet die Gewerkschaft Müller bis heute hoch an.
Müllers Kritiker hingegen vermuten, der stets elegant gekleidete Manager könnte die Position an den Schalthebeln des von der Stiftung verwalteten Milliardenvermögens missbrauchen, um Industriepolitik zu betreiben. Ausgerechnet ein enger Vertrauter von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Fraktionschef Norbert Römer, hatte die Skepsis befeuert. Der IG-BCE-Mann dachte laut darüber nach, ob die Stiftung den Umbau von Bochum zu einer energiepolitischen Vorzeigestadt finanzieren oder eine "fruchtbare Verbindung" zwischen Evonik und Lanxess "organisieren" könne.
Dass es dazu kommt, ist unwahrscheinlich. Zumal im Stiftungsvorstand ein Gleichgewicht der Kräfte herrscht: Müller wird von Rüttgers' früherem Finanzminister, Helmut Linssen, als Finanzchef und von der IG-BCE-Frau Bärbel Bergerhoff-Wodopia als Personalchefin flankiert.