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Merken   Drucken   10.11.2012, 16:55 Schriftgröße: AAA

Smart Talents: Berufseinsteiger revolutionieren die Wirtschaft

Eine neue Generation von Berufseinsteigern strebt nach Sinn und Verantwortung, Geld und Status sind zweitrangig. Unternehmen, die diese Smart Talents für sich gewinnen wollen, müssen sich umstellen. Fünf Beispiele, wie es gehen kann.

Audi? "Nö, kein Interesse." Okay, ein Porsche ! "Ach nee, muss nicht sein." Anfangs schüttelte Martin Wittig noch den Kopf: Da wurde Junior Consultants bei Roland Berger ein Dienstwagen angeboten - und hey, nicht der schlechteste! - und die Berufseinsteiger lehnten ab. "Die brauchen kein Auto, die fahren öffentlich oder Fahrrad", hat der Chef der Unternehmensberatung mittlerweile begriffen. "Was die wollen, ist soziale Verantwortung." Und Lebensqualität: Kein Roland-Berger-Büro wächst so rasch wie das in Berlin. Jetzt schüttelt Wittig doch den Kopf: "Obwohl es da kein einziges Projekt gibt."

Da hat sich etwas verändert. Die Fragen sind dieselben wie früher: Worauf kommt es an im Leben? Wonach lohnt es sich zu streben? Aber die Antworten sind neu. Die neue Währung ist nicht Geld, sondern Sinn. "Das Streben nach materialistischen Anreizen geht zurück", bestätigt Magnus Graf Lambsdorff, Partner bei der Personalberatung Egon Zehnder International. Gefragt seien interessante Aufgaben und die Chance, selbst Entscheidungen zu treffen. Dazu zählt meist die Entscheidung, das Privatleben nicht komplett für die Karriere zu opfern.

Eine neue Generation verlässt die Universitäten und drängt ins Arbeitsleben. Wo sie oft auf starre Hierarchien und freudloses Schuften trifft. Zwei Welten, die nur schwer zueinander passen. Und das wird für viele Unternehmen zum Problem. "Wenn die Aufgabe nicht gefällt, wird der Arbeitgeber gewechselt", sagt Jutta Rump von der FH Ludwigsburg. Die Auswahl ist ja groß genug. Das gilt zumindest für Branchen, in denen Fachkräfte knapp sind - also alle, die mit Technik und IT zu tun haben. "Als Arbeitgeber müssen wir uns anstrengen, um die jungen Talente zu gewinnen", heißt es etwa bei Siemens. Denn häufig sucht nicht mehr das Unternehmen den Menschen aus, sondern der Mensch sein Unternehmen.

Höchste Zeit also, sich auf die neuen Machtverhältnisse einzustellen. Die Studie "Leben und Arbeiten in Deutschland" zeigt, woran es mangelt: Es gibt zu wenig überzeugende Teilzeitkonzepte, vor allem für Führungskräfte. Ähnlich mau sieht es bei den Arbeitszeiten aus. "Bei Gleitzeit und Arbeitszeitkonten scheint am meisten Bedarf zu bestehen", sagt Studienleiter Ronald Frank. So würde jeder Dritte gern zu Hause arbeiten oder in Elternzeit gehen, jeder Vierte möchte mal eine Auszeit nehmen.

Und natürlich wird der Rest der Belegschaft nicht nur neidisch zuschauen, wenn neuen Kollegen Privilegien zugestanden werden, die sie selbst auch gern hätten. Nicht nur Berufseinsteiger wollen künftig anders arbeiten. Angesichts des Fachkräftemangels müssen sich die Unternehmen darauf einstellen, sagt Kathrin Menges, Personalvorstand von Henkel. "Sonst verlieren sie ihre besten Leute."

Und Deutschlands Firmen werden zunehmend kreativer, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Deine Zeit ist abgelaufen   Deine Zeit ist abgelaufen

Wir wollen nur die Besten der Besten. Und die Härtesten der Harten. Das ist das Selbstverständnis bei Freshfiels Bruckhaus Deringer. Das mit der Härte aber irritiert immer mehr Juristen mit Topexamen, die bei der Wirtschaftskanzlei anheuern. Drei Tage durcharbeiten, um den Vertrag fertig zu kriegen? 60 Stunden pro Woche, Überstunden nicht mitgezählt? "Früher fanden das alle cool, heute nicht mehr", sagt Kirsten Floss, die für Personal zuständige Partnerin. Deshalb hat Freshfields 2011 das Programm "Smart Balance" aufgelegt.

Einen halben Tag freinehmen? Klar! Früher gehen? Wenn nichts mehr zu tun ist ... "Wir wollen einen Kulturwandel", sagt Floss. Eigentlich war Smart Balance nur für Frauen gedacht, "dann haben wir festgestellt, dass die Themen Work-Life-Balance und Familie längst auch für Männer relevant sind". Elternzeit, Homeoffice, Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten sollen bei allen Mitarbeitern für die Smart Balance sorgen. Die Idee ist smart, bis zur Balance dauert es noch: In den vergangenen zwölf Monaten ist die Wochenarbeitszeit um zwei Stunden gesunken - auf 61. Annette Ruess

Einsteigen, bitte!   Einsteigen, bitte!

Lenzkirch liegt im Schwarzwald. Gut 600 Menschen arbeiten hier für Testo, nebenan in Titisee kommen weitere 250 dazu. Der Mittelständler, ein Spezialist für Messtechnik, braucht dafür Experten, und die findet er selten vor Ort. Eher im 40 Kilometer entfernten Freiburg. Von dort pendeln etwa 170 Mitarbeiter nach Lenzkirch. Wer mit der Bahn kommt, muss in Titisee aussteigen: Für die letzten zwölf Kilometer stellt Testo deshalb sieben Firmenwagen zur Verfügung, gratis. Wer den Schlüssel hat, wer wann mit wem fährt, das organisieren die Mitarbeiter selbst.

Die Gratiswagen sind Teil eines ganzen Anreizbündels, um Bewerber anzulocken. Weitere Goodies: Neue Mitarbeiter bekommen einen Mentor zur Seite gestellt, ihre Fotos hängen an den Schwarzen Brettern im Bürogebäude. Weiterbildung ist selbstverständlich. Und dann gibt es noch die Tasse mit dem eigenen Namen, die jeder Mitarbeiter am ersten Tag bekommt. "Man mag zwar darüber lächeln", sagt Testos Recruiting-Chefin Brigitte Schütz, aber es sei durchaus erstaunlich, welch positive Reaktionen dieses kleine Geschenk auslöse. Teresa Goebbels

Die Familienorientierten   Die Familienorientierten

Auf dem akademischen Arbeitsmarkt wird eine Materialschlacht um die besten Köpfe ausgetragen. Vor allem in den Technik- und Naturwissenschaften geben Hochschulen oft mehrere Millionen Euro aus für Labore, Laser und Mikroskope, um exzellente Forscher zu gewinnen. Doch eine gute Ausstattung allein reicht nicht aus, um Topleute zu rekrutieren, weiß Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München. Er fragt in jeder Berufungsverhandlung: "Und was können wir für Ihre Familie tun?" Das Gehalt, sagt Herrmann, "ist für Forscher nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das familiäre Lebensumfeld mitzugestalten."

Als erste deutsche Uni hat die TU 2008 daher ein Dual-Career-Programm eingeführt. Hochschulmitarbeiter vermitteln Stellen für den Partner und helfen bei der Wohnungssuche und der Organisation von Kinderbetreuung. Bei etwa jeder zweiten Berufung sind solche weichen Angebote ausschlaggebend. Den internationalen Top-Forscher Burkhard Rost etwa konnte die TU nur aus den USA nach München locken, weil seine Frau, eine Zellbiologin, eine eigene Forschungsgruppe bekam. Marion Schmidt

Licht aus, Job an   Licht aus, Job an

Entwickler spielen und knobeln gern. Also schickt Webdienstleister 1&1 sie derzeit in Karlsruhe auf eine Schnitzeljagd. App runterladen, Fachgebiet wählen - Java, PHP oder Systemadministration - und die sechs Fragen beantworten. Für jede richtige Antwort gibt's eine Belohnung: eine Pizza, Kinokarten oder ein Bier. 1&1 erhält im Gegenzug die Info, welcher Kandidat es draufhat. Die Guten mit mindestens drei richtigen Antworten werden zur Code Cashing Party in einer Bar zum Feiern eingeladen. So lernen sich die Spieler kennen - und bei dieser Gelegenheit auch diverse Mitarbeiter von 1&1. So kommt man locker ins Gespräch, jenseits langweiliger Powerpoint-Präsentationen.

Vor zwei Jahren gab's eine ähnliche Aktion. "Die Stimmung war super", erinnert sich Oliver Pitzschel von 1&1. "So können wir uns bei Studenten als potenzieller Arbeitgeber ins Gedächtnis rufen." Denn Absolventen mit IT-Kenntnissen sind überall gefragt und können sich ihren Arbeitgeber aussuchen - am liebsten einen coolen. 1&1 allerdings gilt vielen als spröde Vertriebsmaschine. Zumindest vor der Code Cashing Party. Wiebke Harms

Ohne zu blinken   Ohne zu blinken

Das rote Licht am Blackberry zeigt, dass da noch eine E-Mail wartet. Könnte dringend sein. Also ran. Egal ob schon Feierabend ist. Diese ständige Erreichbarkeit geht dem VW -Betriebsrat zu weit. Er hat erwirkt, dass Blackberrys nach Feierabend die E-Mail-Funktion abgeschaltet wird. Betroffen sind rund 1100 VW-Mitarbeiter, die ein Firmengerät besitzen und für die ein Tarifvertrag gilt. 30 Minuten nach Ende der Gleitzeit sendet der Server von Volkswagen keine E-Mails mehr ans Handy. Die Funkstille wird erst eine halbe Stunde vor Beginn des nächsten Arbeitstags aufgehoben. "Niemand muss sich rechtfertigen, um 21 Uhr eine Mail ignoriert zu haben", sagt Jörg Köther, Sprecher des Konzernbetriebsrats. Das habe innerhalb des Konzerns die Debatte angestoßen, wie sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen. Stichwort: Kita. "Unsere Pendler mit kleinen Kindern brauchen eine betriebsnahe Kinderbetreuung", sagt Köther. "Das packen wir an."

Das Telefonieren mit dem Blackberry ist bei Volkswagen übrigens weiterhin erlaubt, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Michael Prellberg

  • FTD.de, 10.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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