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Merken   Drucken   16.09.2012, 15:00 Schriftgröße: AAA

Studentenzimmer: Wohnst du noch, oder studierst du schon?

Zum Semesterstart fehlen in deutschen Universitätsstädten wieder Zehntausende Studentenzimmer. Das lockt verstärkt private Investoren auf den Markt. Auch Ikea will europaweit Wohnheime bauen.
© Bild: 2012 FTD-Grafik/Lisa Bucher
Zum Semesterstart fehlen in deutschen Universitätsstädten wieder Zehntausende Studentenzimmer. Das lockt verstärkt private Investoren auf den Markt. Auch Ikea will europaweit Wohnheime bauen.
von Steffi Hentschke, Hamburg

Ein schmales Bett mit integriertem Schreibtisch, darüber ein Bücherregal, in der Ecke eine Kochnische und ein winziges Bad. Insgesamt 17,5 Quadratmeter. So soll es aussehen, das Studentenapartment von Ikea. Ein "intelligentes Einrichtungssystem", findet Harald Müller, Geschäftsführer von Landprop, der Immobilientochter von Inter Ikea, einer Schwestergesellschaft des schwedischen Möbelkonzerns. "Jeder, der mal bei Ikea war, weiß, dass man auf solchen Flächen enorm viel Raum schaffen kann."

Unter dem Namen Ulito will Ikea europaweit Wohnheime für Studenten bauen und einrichten. Wann und wo die Wohnungen gebaut werden, wollte Ikea auf FTD-Nachfrage nicht sagen. Man suche noch nach Standorten, heißt es, das Konzept sei noch nicht ganz fertig. Einer schwedischen Zeitung hatte Müller gesagt, die Wohnungen sollen vorzugsweise direkt auf dem Campus von Universitäten entstehen und 370 Euro Kaltmiete monatlich kosten. Geplant seien 500 bis 700 Zimmer pro Standort. Auch Fitnessklub und Kneipe seien denkbar. "Der Mangel an Studentenwohnungen macht diesen Markt sehr vielversprechend", so Müller.

Vor allem in Deutschland. Die Zahl der Studierenden hat ein Rekordhoch erreicht und wird in den kommenden Jahren noch weiter ansteigen, zu diesem Wintersemester werden bis zu eine halbe Million Erstsemester erwartet. Viele Universitätsstädte, vor allem im Westen, sind schon jetzt überfordert mit dem Ansturm. In Hamburg wurde bereits eine Turnhalle angemietet und mit 22 Betten bestückt, als Notunterkunft für Studenten, die auf dem freien Wohnungsmarkt kein Zimmer finden. Diese Woche schlug auch das Deutsche Studentenwerk Alarm: Bundesweit fehlen derzeit 25.000 Wohnheimplätze. "Die Studierendenzahlen bleiben hoch", sagt Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Zwar seien derzeit 10.000 neue Wohnungen im Bau, aber: "Das reicht nicht."

Bevorzugte Wohnform von Studierenden in Deutschland   Bevorzugte Wohnform von Studierenden in Deutschland

Wo die öffentliche Förderung fehlt, springen verstärkt private Investoren ein. Sie versprechen Anlegern attraktive Renditen von bis zu sechs Prozent. Studentenwohnungen gelten als neue attraktive Anlageklasse. Die Zahl der Anbieter ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, das Angebot wird immer umfangreicher: Es gibt exklusive Apartments mit mehr als 30 Quadratmetern, Balkon und Concierge-Service, aber auch möblierte Minizimmer, die nicht mehr als 230 Euro kosten.

Der größte Anbieter in diesem Segment ist Youniq. Das Frankfurter Unternehmen entwickelt und betreibt Studentenwohnheime. Finanziert werden die Anlagen zu einem Großteil über Immobilienfonds wie MPC Capital. Der Fonds hat von Youniq zwei komplett möblierte Wohnheime in Greifswald und jeweils eines in München, Frankfurt und Karlsruhe gekauft. Eine Tochtergesellschaft von Youniq mietet die Anlagen anschließend wieder an, betreibt sie und kassiert dafür rund 125 Euro pro Monat. Nach Angaben des Unternehmens sind alle Apartments vermietet.

Die Nachfrage sei hoch, sagt Rainer Nonnengässer, Vorstandsvorsitzender von Youniq. 1500 Wohnungen seien bereits fertiggestellt, weitere 2300 befänden sich im Bau oder in Planung. "Bis 2015 wollen wir unser Angebot auf bis zu 10.000 Apartments ausbauen", so Nonnengässer. Selbst in ostdeutschen Städten wie Greifswald, in denen es viel Leerstand gibt, lohnen sich die Wohnheime. "Da setzen wir auf Studenten, die nicht am Stadtrand in einem unsanierten Plattenbau wohnen wollen, oder ausländische Studenten, die ein möbliertes Zimmer benötigen", sagt Nonnengässer. "Wir vermieten keine Luxuswohnungen", betont er, aber Studenten wollten heute komfortabel und vor allem allein wohnen. "Bei Einzimmerwohnungen herrscht ein massiver Mangel, das macht den Markt attraktiv."

Um Anleger zu überzeugen, setzten Investoren auf zentrale Standorte und eine breite Zielgruppe. Doktoranden, Sprachreisende, Lehrlinge - alle können einziehen. "Unternehmen zum Beispiel locken Azubis mit solchen Apartments", weiß Reiner Nittka, Vorstand der Immobiliengesellschaft GBI. Die Firma vertreibt unter dem Namen Smartments knapp 300 Wohnungen, alle im höheren Preissegment. 17-Quadratmeter-Apartments gibt es für 450 Euro warm. An Mietern mangelt es laut GBI nicht: In dem gerade eröffneten Apartmenthaus am Hamburger Hauptbahnhof seien alle 160 Wohnungen nach nur fünf Wochen ausgebucht gewesen.

Michael Günther, Leiter Akquisitionen beim Fondshaus Hamburg, das von GBI das Wohnheim in Hamburg übernommen hat, sieht ganz klar einen Bedarf: "Die auf Effizienz getrimmten Studiengänge sorgen bei den Studenten für eine große Nachfrage nach flexiblen Wohnlösungen, die ohne viel Aufwand einen angenehmen Lebensstandard ermöglichen." Wirtschaftlich erfolgreich seien solche Anlagen allerdings nur in den richtigen Städten und Lagen.

Angebote wie das von Ikea könnten langfristig die Studentenwerke unter Druck setzen. "Gerade Angebote im mittleren Preissegment wären für uns Konkurrenz", sagt der stellvertretende Generalsekretär Stefan Grob. Er sei jedoch gespannt, wie die Investoren mit ihren studentischen Mietern zurechtkommen. "Das ist eine besondere Klientel, da muss man schon wissen, wie die ticken."

Und auch die Studenten machen die Erfahrung, dass es sich in einem privat betriebenen Wohnheim anders lebt als in einer WG. In der Galileo Residenz in Bremen etwa kontrolliert der Hausmeister einmal im Monat , ob die Zimmer sauber, die Geräte heil und alle Tassen noch im Schrank sind.


Wohnungsnot
Beliebt Das Deutsche Studentenwerk ist mit gut 2000 Anlagen bundesweit der größte Betreiber von Studentenwohnungen. Es gibt insgesamt 228.522 öffentlich geförderte Plätze. Die Miete liegt im Schnitt bei 215 Euro warm, bei Neubauten bis zu 300 Euro.
Belegt Die Nachfrage nach billigem Wohnraum ist hoch. Zwar baut das Studentenwerk seit Jahren mehr Wohnheime, aber die Zahl der Studierenden steigt stärker. Derzeit gibt es für rund zehn Prozent aller Studenten Plätze.
  • FTD.de, 16.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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